Ueli Tanner hat viele Stunden gelesen. Das ehemalige Vorstandsmitglied des Braunviehzuchtvereins Oberhelfenschwil SG hat die Geschichte seines Vereins Protokoll für Protokoll aus alten Seiten herausgearbeitet und in einer Chronik festgehalten, die mehr ist als eine Vereinsgeschichte. Sie ist ein Spiegel der Schweizer Landwirtschaft selbst.

Zehn Männer, ein Tisch, ein Protokoll

Das Jahr 1901, in dem der Verein gegründet wurde, war eine Zeit des Aufbruchs und der Unsicherheit zugleich. Die Schweiz industrialisierte sich rasant, die Städte wuchsen, und auf dem Land begann eine stille Abwanderung, die die bäuerliche Welt dauerhaft verändern sollte. Wer damals im Toggenburg Vieh züchtete, tat das unter harten Bedingungen: keine staatlichen Direktzahlungen, kein Sicherheitsnetz, keine garantierten Preise. Umso mehr zählte die Gemeinschaft. Im Mai 1901 trafen sich zehn Männer zu einer schlichten «Zusammenkunft», wie das Protokoll es nannte, und gründeten, was heute 125 Jahre alt wird. Die Namen klingen wie eine Bestandsaufnahme des Toggenburger Streusiedlungsgebiets: Luchsinger aus Metzwil, Raimann Josef vom Mitzsteig, Truninger Josef aus dem Niederholz, Dütschler Ulrich vom Wigetshof. Kein Festbankett, keine Reden. Nur ein Tisch, ein Protokoll und die gemeinsame Überzeugung, dass man zusammen mehr erreicht als allein.

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Der Kern des Ganzen war von Anfang an die Zucht. Erster Präsident wurde Friedrich Schmid. Johannes Thaler amtete als Kassier, Friedrich Wickli als Aktuar und Zuchtbuchführer. Das Zuchtbuch war kein Anhang, es war das Herzstück: Wen welcher Stier deckte, welche Abstammung ein Tier vorweisen konnte, welche Leistungen gemessen wurden. Die Tagesentschädigung des Zuchtbuchführers betrug vier Franken, das Futtergeld für den Zuchthalter 500 Franken im Jahr. Bescheiden, aber geregelt. 

Dass es dabei nicht immer ganz so sauber zuging wie erhofft, zeigte sich bereits 1906: Der Zuchtbuchführer amtete gleichzeitig als Gastwirt «Zum Hirschen» und als Zivilstandsbeamter. So kam es, dass der Stier «Hektor» und die Kuh «Vreneli» kurzerhand im falschen Buch landeten: standesamtlich erfasst statt im Herdebuch. Zwei Jahre später übernahm Jakob Murlot aus dem Geissberg das Amt des Zuchthalters, und die Bücher wurden wieder sauber geführt. Der Witz hinter der Episode ist nicht gering: Schon am Anfang zeigte sich, dass sorgfältige Datenerfassung keine Selbstverständlichkeit ist, sondern Disziplin verlangt.

Mitten im Leben

Was die frühen Protokolle auch festhalten: die Verletzlichkeit der Menschen hinter den Zahlen. Jakob Läubler, seit 1909 Kassier des Vereins und Mitglied seit 1904, starb ohne Vorwarnung. Der Protokolleintrag, der sein Leben würdigt, besteht aus einem einzigen Satz: «Mitten im Leben ist er plötzlich gestorben.» Kein Nachruf, keine Laudatio. Nur dieser Satz, der gerade deshalb so schwer wiegt.

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Schwere Zeiten kamen immer wieder, und der Verein überstand sie alle. Im Ersten Weltkrieg trieb die Knappheit die Stierpreise in die Höhe: 1918 kostete ein Vereinsstier 3000 Franken und wurde mit 90 Punkten bewertet, das Sprunggeld betrug 25 Franken. Diese Beurteilungszahlen waren keine Kür, sie waren Grundlage jeder Zuchtentscheidung. Zwei Jahre später folgte der Absturz, die Herdebuchbestände brachen weg. Es waren Alois Wirth als Zeichnungsbeamter und Heinrich Schweizer als Zuchtbuchführer, die den Verein in dieser Zeit zusammenhielten. Sie arbeiteten laut Chronik «vorbildlich und uneigennützig», unentgeltlich und ohne Aufsehen. Ohne ihre Arbeit wären nicht nur der Verein, sondern auch die Zuchtdaten jener Jahre verloren gegangen.

Der Kontostand: minus 59 Franken

Noch existenzieller wurde es zwischen 1941 und 1944. Der Krieg hatte die Mitglieder finanziell ausgehöhlt, nacheinander verloren drei Genossenschaftsstiere ihre Herdebuchberechtigung und konnten nur je ein Jahr gehalten werden. Das war keine bürokratische Formalität: Ohne Herdebuchberechtigung kein Abstammungsnachweis, ohne Abstammungsnachweis kein Zuchtwert, ohne Zuchtwert kein Fortschritt. Der Wert eines Anteilscheins von 20 Franken sank auf minus 59 Franken, austretende Mitglieder mussten drauflegen. 1942 wurde mitten in dieser Krise ein neuer Stierhaltervertrag aufgesetzt. Was er dem Tier vertraglich zusicherte, liest sich heute wie ein stiller Witz des Protokollführers: Der Stier muss ausgiebig im Freien bewegt werden. Zugdienst am Brunnen sei sehr erwünscht.

Kaum war der Krieg vorbei, wartete die nächste Bewährungsprobe. Ab 1948 rollte die Tuberkulosebekämpfung auch durch Oberhelfenschwil. Kühe, die jahrelang die Stütze der Betriebe und des Herdebuchs gewesen waren, mussten zur Schlachtbank. Ställe wurden gründlich gereinigt, Balken verbrannt, Bestände dezimiert. Wer ein Tier verlor, verlor nicht nur Milch und Fleisch, sondern auch eine Zuchtlinie, die manchmal über Jahrzehnte aufgebaut worden war. Die Bangbekämpfung folgte auf dem Fusse. Der Verein überlebte auch das, kleiner und stiller als zuvor, aber intakt.

Ein halbes Jahrhundert Treue

Das 50-Jahr-Jubiläum im Dezember 1951 war ein Abend der Dankbarkeit. Im Restaurant «Zum Sternen» begrüsste Präsident Hans Stierin die Mitglieder zur Jubiläumsversammlung. Besonderer Gast war Dr. Friedrich Schmid aus Rohrbaren: Er hatte einst als Gründungsmitglied an der allerersten Zusammenkunft teilgenommen und durfte nun als Ehrenmitglied ausgezeichnet werden. Ein halbes Jahrhundert Treue zu Kuh und Verein, in Zeiten, die niemand bei der Gründung hätte erahnen können.

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Die Fünfzigerjahre hielten auch heitere Momente bereit. 1954 wurde vermerkt, dass die Milchkontrollwägung nicht mehr vom Kontrolleur selbst durchgeführt werden dürfe. Das Protokoll hält lakonisch fest, man habe sie wohl «etwas zu grosszügig» gewogen. Milchleistungskontrollen waren damals wie heute das Fundament jeder seriösen Zuchtarbeit: Wer die Zahlen grosszügig interpretiert, verfälscht die Grundlage, auf der Zuchtentscheide gefällt werden. 

Im gleichen Jahr wurde Heinrich Mock zum kantonalen Schauexperten ernannt, eine Auszeichnung, die dem Verein zur Ehre gereichte. Und 1959 schlug Oberhelfenschwil auf dem Stiermarkt zu: Ein «wundervoller» Stier namens Bill wechselte für 5800 Franken den Besitzer, mitsamt einem Abstammungsschein, der laut Berichterstatter förmlich von Milch und Fett tropfte. Der Abstammungsschein war eben nicht bloss Papier, er war das Versprechen auf bessere Nachkommen.

Vom Zuchtbuch zum Computer

Die Achtzigerjahre brachten Modernisierung. 1983 zog der Verein auf einen neuen Festplatz beim Storchenegger, und am 1. Oktober desselben Jahres wurde erstmals ein Computersystem aus Zug eingeführt, um die Zuchtdaten zu verwalten. Was bis dahin mühsam von Hand ins Herdebuch eingetragen worden war, sollte nun digital erfasst werden. 

«Unser Zbt freut sich nicht, bis das neue System von Zug eingeführt wird», hielt das Protokoll mit einer Portion Ironie fest. Der Übergang von der Handschrift zur Datenbank war in der Geschichte der Tierzucht ein Wendepunkt: Plötzlich konnten Leistungen verglichen und Zuchtlinien über grössere Bestände hinweg verfolgt werden. Der Herdebuchbestand zählte damals 587 Rinder, 50 Stierkalber und 39 Registrierte.

1998 trug die jahrzehntelange Zuchtarbeit einen besonders sichtbaren Ertrag: Die Kuh «Brüni» von Züchter Fredy Kugler aus dem Geissberg wurde im Braunviehheft aufgeführt, mit plus 50 Kilogramm Eiweiss und einem Zuchtwert Milch von plus 1346 Kilogramm. Sie zählte damit zu den besten Braunviehkühen der Schweiz. Fünf Jahre später lieferten die 472 Herdebuchkühe des Vereins zusammen 6434 Kilogramm Milch im Schnitt, 900 Kilogramm mehr als noch zehn Jahre zuvor. Dahinter standen Jahrzehnte von Selektion, Milchleistungskontrollen und Zuchtentscheiden, Stier für Stier, Kuh für Kuh getroffen.

Regen, Wind, und dann doch die Sonne

Das 100-Jahr-Jubiläum im April 2002 hätte kaum dramatischer beginnen können. In der Nacht vor der Schau fegte heftiger Regen über den leeren Dorfplatz, Wind trieb die Wolken in dichten Schwaden. Dann, fast unverhofft, kam die Sonne. Die Viehzüchter führten ihre Herden mit Begeisterung und im unverkennbaren Appenzeller Dialekt in den Bogen. 384 Kühe und Rinder standen im Ring, jedes Tier ein Ergebnis jahrelanger Zuchtarbeit. 22 Mädchen und Knaben schmückten die Lieblingstiere ihrer Familien mit grossem Stolz. Als Anerkennung durfte jedes Kind eine Glocke der Raiffeisenbank Oberhelfenschwil in Empfang nehmen. Den schönsten Abschluss setzte Dolores, eine 15-jährige Kuh von Thomas Brändle, die mit ihrer ausserordentlichen Langlebigkeit das beste verkörperte, wofür Braunviehzüchter arbeiten: ein Tier, das nicht nur eine Saison lang glänzt, sondern Jahr für Jahr leistet.

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Im gleichen Jahr ordnete das Handelsregisteramt St. Gallen an, dass Viehzuchtgenossenschaften in Vereine umgewandelt werden mussten. Aus der VZG Oberhelfenschwil wurde der Viehzuchtverein Oberhelfenschwil. Der Name änderte sich, die Zuchtarbeit blieb dieselbe. 2010 löste sich der VZV Lichtensteig auf. Hans Stolz, Hans Portner und Remy Waser traten daraufhin dem VZV Oberhelfenschwil bei.

Die Welt steht still, der Verein macht weiter

Dann kam 2020. Die Vereinsreise im Februar konnte noch gerade stattfinden. Wenige Wochen später stand die Welt still. Herbstschau und Neckertaler-Schau fielen aus, wie einst 1939, als die Mobilmachung Märkte und Schauen verunmöglicht hatte. Aber die Milchleistungskontrollen liefen weiter, die Herdebuchdaten wurden weiter erfasst, die Zuchtarbeit auf den Höfen ging ihren Gang. Ein Verein, der auf Zucht aufgebaut ist, hört nicht auf zu existieren, weil keine Schau stattfindet.

2023 übergab Richard Tobler das Präsidium nach 18 Jahren, zuerst 6 Jahre als Kassier, dann 12 als Präsident. Sein Nachfolger Bruno Brander leitet den Verein seither, mit einem Vorstand, der die Jubiläumsschau seit 2024 mit Sorgfalt und Herzblut vorbereitet hat.

Die Braune Kuh trotzt der Zeit

Und nun kommen wir im Heute an. 125 Jahre Viehzucht Oberhelfenschwil. Am 25. April 2026 standen 389 Tiere auf dem Festplatz. Acht Jungzüchter und sieben Kinder am Kälberwettbewerb waren dabei, 42 Wärter sorgten für einen reibungslosen Ablauf, die Primarschule Oberhelfenschwil bereicherte die Schau mit verschiedenen Darbietungen. Christian Manser moderierte gekonnt und mit viel Witz durch den Tag und sorgte dafür, dass auch das nichtbäuerliche Publikum das Geschehen im Ring mit Freude verfolgen konnte. In der Festwirtschaft hingen Bilder, die Kinder mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz gestaltet hatten: Braune Kühe in Paris vor dem Eiffelturm, beim Tauchgang im Ozean, als Zuschauerinnen am Nürburgring, an der Chinesischen Mauer oder auf dem Surfbrett. So weit reicht die Vielseitigkeit der Braunen dann doch nicht. Aber der Bogen, den diese Bilder spannen, ist trotzdem treffend: Von den handgeschriebenen Zuchtbüchern des Jahres 1901 bis zur genomischen Selektion und den KI-generierten Bildern von heute hat sich die Welt mehrfach neu erfunden. Die Braune Kuh des Toggenburgs ist geblieben, was sie war: ein leistungsstarkes, langlebiges Tier, das gepflegte Höfe inmitten einer grasgrünen Landschaft prägt, ein besonderes Stück Schweiz.

Kein Protokolleintrag kann das ganz fassen. Was vor 125 Jahren mit zehn Männern und einer schlichten Zusammenkunft begann, ist im Kern dasselbe geblieben: Züchterinnen und Züchter, die sonst jeder für sich auf ihren Höfen arbeiten, kommen zusammen, zeigen ihre Tiere, tauschen Wissen aus und feiern ihre Gemeinschaft. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Genau dafür braucht es einen Verein. Und genau dafür lohnt es sich, 125 Jahre für etwas einzustehen, auch wenn es immer einmal schwierige Zeiten gibt, wie aktuelle mit einem tiefen Milchpreis.

Die Siegerinnen der Jubiläumsschau

Die Jubiläumsschau des VZV Oberhelfenschwil zeigte am Vormittag ein ausgeglichenes Bild: Die Siege in den einzelnen Kategorien verteilten sich auf mehrere engagierte Betriebe. Bei den Lebensleistungskühen setzte sich Mathias Jud mit Zatti an die Spitze, gefolgt von gleich zwei Kühen von Jakob Looser, Gispel und Hyazinte. Den Rinderchampion holte OK-Präsident Bruno Brander mit Gorgina vor Blondi von Albert Gmünder und Binia von Stefan Nef. Die Miss Genetik ging an Florida von Ueli und Theres Tanner-Reichlin vor Lea von Mathias Jud und Reiher von Jakob Looser. Bei den OB-Kühen holte sich Christoph Zehnder mit seiner Lia den Titel Miss OB Oberhelfenschwil.

Als es dann um die grossen Titel ging, dominierte Thomas Item. Seine Kuh Ursina gewann den Titel Miss BS Oberhelfenschwil und holte gleichzeitig den Preis für das schönste Euter der älteren Kühe. Den Erstmelkchampion gewann Item mit Fildi vor Gitti, ebenfalls Item, und Romilla von Item. Den Betriebscup gewann Item vor Stefan Nef und Ueli und Theres Tanner-Reichlin.

Bei den Jungzüchtern gewann Noah Looser mit der Kuh Enzian vor Domenik Näf mit Nina von Mathias Jud und Fabian Rusch mit Amanda von Richard Tobler.