Soll der Lehrling seine Wäsche selbst machen? Was ändert es für die Familie, wenn Angestellte beim Mittagstisch dabei sind? Fragen wie diese stellen sich Bäuerinnen landauf, landab. Oftmals muss sie jede für sich selbst beantworten, mangels Gelegenheiten, sich mit anderen Betroffenen darüber auszutauschen.
Dies will die Kommission «Frauen in der Landwirtschaft» vom Verband Thurgauer Landwirtschaft (VTL) ändern. Sie lancierte einen Bäuerinnenstamm, der am 28. Mai 2026 auf dem Mostgut «Bärenmost» in Opfershofen erstmals stattfand.
Wissen teilen und neue Perspektiven gewinnen
«Jede von uns hat einen vielfältigen Alltag, woraus sich ein grosser Erfahrungsschatz ansammelt», sagte Mitorganisatorin Lara Dumelin. «Unser Ziel ist es, dass die Bäuerinnen voneinander profitieren können, wenn sie Wissen, Sorgen und Ideen miteinander teilen.»
Für die erste Ausgabe des Bäuerinnenstamms wählte die Kommission das Thema: «Lernende und Angestellte im Haus und am Tisch.» Die rund 25 Teilnehmerinnen bildeten kleine Gruppen, um nach der Methode des «World Café» vorzugehen: in lockerer Atmosphäre Wissen teilen, neue Perspektiven gewinnen und mögliche Lösungen finden.
Viele Unterschiede, aber auch Übereinstimmungen
In den Gesprächen zeigte sich, dass viele Alltagsthemen unterschiedlich gehandhabt werden. So ist zum Beispiel auf dem einen Betrieb eine bestimmte Person für die Wäsche aller zuständig, auf dem anderen Betrieb wäscht der Lernende selbst.
Auch traten grosse Unterschiede darin zu Tage, wie Bauernfamilien ihre Mahlzeiten gestalten – zu welchen Zeiten, mit oder ohne «Znüni» und «Zvieri». Dagegen gab es eine grosse Übereinstimmung darin, was im Zusammenleben mit Angestellten als schwierig oder zumindest diskutierbar empfunden wird.
Privatsphäre ist ein verbreitetes Thema
Die Privatsphäre wurde als eine zentrale Herausforderung genannt: «Manchmal ist es schwierig, als Familie unter sich Privates zu besprechen, wenn Aussenstehende am Tisch sind», sagte eine Teilnehmerin. «Wir warten jeweils damit, bis der Lehrling in die Zimmerstunde geht.»
Zur Sprache kam auch der zunehmende Onlinekonsum unter Lernenden. Früher hätten sich die Jungen abends vor dem Fernseher versammelt, heute sei jeder mit dem Handy beschäftigt.
Ist dies sogar während der Mahlzeiten der Fall, sehen sich Lehrmeister(innen) dazu veranlasst, ein Handyverbot am Tisch auszusprechen.
Wie häufig braucht es Fleisch auf dem Teller?
Auch die Menüauswahl war beim Bäuerinnenstamm ein Thema: Einige Teilnehmerinnen stellten fest, sie würden sich grosse Mühe geben, mögliche Erwartungen seitens der Lernenden zu erfüllen. Beispielsweise, indem sie besonders häufig Fleisch auf den Teller brächten.
Dazu komme, dass sich einige Lernende als sehr wählerisch erweisen würden. Eine Bäuerin meinte, die Planung sei einfacher geworden, seit sie zu Beginn jeder Woche einen Menüplan aufstelle und dazu eine App benutze.
Andere erzählten, sie würden häufig Resten auftischen, zum Beispiel abends – auch dies gehöre dazu. Entlastend sei es zudem, wenn für das Kochen abwechselnd jemand anders zuständig sei, etwa auch mal die Schwiegermutter.
Auf keinen Fall jedoch dürfe man dagegen weibliche Lernende (angehende Landwirtinnen) in Haushalts- oder Gartenarbeiten einbinden, das sei nicht deren Aufgabe, waren sich die Teilnehmerinnen einig. «Sie haben die gleichen Rechte wie ihre männlichen Kollegen», hiess es.
Unangenehme Angelegenheiten ansprechen
Zur Sprache kam auch der Umgang mit unangenehmen Themen: Zum Beispiel, wie sage ich es einem Lernenden, der in stinkenden Socken am Tisch sitzt? «Es ist für alle Beteiligten besser, wenn solche Angelegenheiten direkt angesprochen werden», zeigte sich eine Teilnehmerin überzeugt.
Eine andere Bäuerin stellte fest, es sei nicht immer derart klar, ob ein Rüffel angebracht sei oder nicht. «Wir haben schliesslich keinen Erziehungsauftrag.»
Für die ganze Familie eine Bereicherung
«Wir Bäuerinnen leisten viel und dürfen sagen, wenn etwas nicht passt», sagte eine Teilnehmerin abschliessend. Dabei sei es wichtig, schnell zu reagieren, wenn etwas nicht stimme.
Auch wenn das Zusammenleben bisweilen herausfordernd sein kann: «Unsere Kinder haben viel gelernt», sagte eine Bäuerin im Rückblick auf die bisherige Zeit mit Lehrlingen.
Eine weitere Frau zog ebenfalls ein positives Fazit: «Lehrlinge und Angestellte können für die ganze Familie eine grosse Bereicherung sein.»
Tipps für den Alltag
– Zu Beginn klare Hausregeln kommunizieren (z.B. «Handyparkplatz» während des Essens, Ausgangszeiten etc.) – Bei Problemen sofort reagieren – Aufträge schwarz auf weiss auf Zettel schreiben – Für alle (Angestellte und Familienmitglieder) einen Stundenzettel führen – Regeln für die Kompensation von Überzeit aufstellen – Menüplan für die Woche aufstellen (dazu eine App benutzen)

