Die Butterblumen wiegen sich im Wind. Im Hintergrund blickt eine Kuh keck über das Laufstallgitter. 900 Meter über dem Meer, steile Hänge und viel Grasland – hier wird Milch produziert. «Milch oder Fleisch. Etwas anderes geht praktisch nicht», sagt Reto Schaufelberger, neuer Präsident der Vereinigten Milchbauern Mitte Ost (VMMO). Sein Betrieb liegt auf dem Unterreinsberg im zürcherischen Fischenthal. Schaufelbergers Fluss des Lebens besteht aus Milch. Schon als kleiner Junge half er im Stall mit. «Primeli war meine Lieblingskuh. Sie war ein Monat älter als ich und begleitete mich bis zu meinem 16. Lebensjahr», sagt er.
Erzählt er von seinem Betrieb, spricht er nie von sich alleine, sondern immer in der Wir-Form. «Wir haben 27 Hektar LN und 13 Hektar Wald.» Mit «wir» ist seine Familie gemeint: Er lebt mit seiner Frau Stefanie und seinen zwei Töchtern auf dem Betrieb. Die Eltern und eine in Teilzeit angestellte Landwirtin helfen regelmässig aus. «Ich bin unglaublich dankbar dafür, dass der Betrieb von der Familie getragen wird. Sonst hätte ich das Amt des Präsidenten der VMMO nie übernehmen können», erzählt er. Denn dieses Amt kam plötzlich. Sein Vorgänger Hanspeter Egli trat frühzeitig zurück – der Grund dafür wurde der Presse bisher noch nicht bekannt gegeben.
Angespannte Lage macht es dem Präsidenten nicht einfach
«Ich wurde aber gut im Vorstand aufgenommen und die Arbeit hat sich eingespielt», sagt Reto Schaufelberger. Das Amt sei aber nicht ohne. Die Milchpreise sind tief – zu viel Milch ist auf dem Markt, die nicht abgesetzt werden kann. «Die Lage ist angespannt. Ich hoffe aber, dass einige Trends, die sich beispielsweise in den USA abzeichnen, auch hier eintreten.» Schaufelberger spricht vom Trend zu mehr tierischen Produkten.

«Ich möchte, dass Milch und die Bauern, die sie produzieren, wieder wertgeschätzt werden. Es gibt einfach Orte, an denen nichts anderes produziert werden kann», sagt er. Gerade hier im Zürcher Oberland sei vielen nicht bewusst, dass ein grosser Teil des Landes so steil sei, dass nur die Milch- und die Fleischwirtschaft bleibe.
Betrieb ist seit 500 Jahren in der Familie
Reto Schaufelberger manövriert den Transporter den Hang hoch. Gekonnt legt er die Hand auf das Lenkrad und wendet am Ende des Gächrains. So benannten seine Vorfahren die steile Parzelle. Der Betrieb Unterreinsberg ist seit über 500 Jahren in der Familie Schaufelberger. «Die Familientradition weiterzuführen ist eine Ehre. Gleichzeitig aber auch viel Druck, weil ich dem gerecht werden möchte», sagt der 42-Jährige.
Sein grösstes Vorbild ist sein Vater. «Ich durfte einen super Betrieb übernehmen. Und er übergab ihn mir völlig gelassen. Liess mir Raum, meine eigenen Ideen zu entfalten», erzählt der Milchproduzent. Nach fünf Jahren baute er den klassischen Anbindestall in einen grossen Laufstall um. Seine Kühe melkt er im Melkstand und die Milch setzt er direkt bei der Käserei Preisig in Sternenberg ab. Diese produziert Käsespezialitäten. «Das ist natürlich der Traum – Käse aus der Milch der eigenen Kühe zu beziehen», sagt er.
Viele Produzentinnen und Produzenten seiner Genossenschaft können die Milch aber nicht gleich selbst absetzen. Ob er seinem Amt trotzdem gerecht werden kann? «Ich möchte der Milchwirtschaft eine Stimme geben. Bauern sind Botschafter für die Produktion unserer Lebensmittel. Und diese gilt es zu honorieren. Mein Wunsch ist es, dass auch der Bauer am Ende der Wertschöpfungskette gerecht entlohnt wird.»
Eine Vorliebe für die Marktwirtschaft
Mit der Marktwirtschaft kennt sich der Landwirt aus. Hobbys hat Reto Schaufelberger nur eins, und zwar: Geschäftsberichte wälzen. «Im Gegensatz zu vielen anderen, mache ich das gerne», erzählt er und grinst. Ihn interessiert, wie der Markt funktioniert und welche Auswirkungen staatliche Eingriffe auch in der Milchwirtschaft haben. Deshalb sei er klar gegen eine erneute Milchkontingentierung. «Wir brauchen eine nationale Lösung und müssen den Inlandanteil bei 98 % einpendeln. Bei allem darüber sinkt der Milchpreis», sagt er.

Er schlendert durch den Laufstall. Greift zur Gabel und rückt das Heu näher zu den Kühen. Bei der Hitze Mitte Mai sind sie tagsüber im Stall. In der Nacht auf den Dauerweiden. Diese zu bewirtschaften sei aufwendig und vieles werde noch von Hand gemacht. «In Berggebieten muss die Verwaldung eingedämmt werden, und deshalb müssen wir die Waldränder pflegen», sagt der Landwirt. Bevor er vor 15 Jahren den Betrieb übernahm, bereiste er mit seiner Frau Süd- und Mittelamerika.
Offenheit, um neue Wege zu erkennen
«Auf meinen Reisen habe ich gelernt, dass diese Stabilität, die wir in der Schweiz haben, nicht selbstverständlich ist. Unsere politischen Rechte und unser Schulsystem sind ein Privileg», erzählt er. Deshalb sei er froh, dass seine Mädchen an einem solch schönen Ort aufwachsen dürfen.
Momentan wollen beide den Betrieb übernehmen. «Wie das ausgeht, sehen wir noch. Mit 12 wollte ich Detektiv werden.» Auf jeden Fall werde er seine Töchter unterstützen. Was er ihnen mitgeben möchte? «Offen zu bleiben und immer den Blick von aussen zu wahren. So erkennen sie Sackgassen besser, und ich glaube, das ist Teil des Glücks.»

