Aita Zanetti ist im Kanton Graubünden ein bekanntes Gesicht. Die 55-jährige Bäuerin aus Sent im Unterengadin wurde 2018 in den Grossen Rat gewählt und war bereits im Amtsjahr 2021/2022 höchste Bündnerin. Seit vier Jahren ist die Handelsmittelschulabsolventin zudem Gemeindepräsidentin von Scuol. 

Zanetti, die im Unterengadin als Bauerntochter aufgewachsen ist, hat zusammen mit ihrem Mann von Grund auf einen Landwirtschaftsbetrieb aufgebaut. Die Familie, zu der vier Kinder gehören, hält Mutterkühe und ein paar Ziegen, die allesamt den Sommer auf der Alp verbringen. Aita Zanetti kandidiert am 14. Juni nicht nur wieder für einen Sitz im Grossen Rat, sondern nebst Marcus Caduff auch als weitere bäuerliche Vertreterin im Regierungsrat.

Bei welchen landwirtschaftlichen Themen im Kanton Graubünden sehen Sie den grössten politischen Handlungsbedarf?

Aita Zanetti: Aktuell ist es die anstehende Alp- und Weidesaison, welche die Bäuerinnen und Bauern sehr beschäftigt. Dabei geht es hauptsächlich um die Handhabung der grossen Beutegreifer wie Wolf, Bär und Luchs. Zentrale Themen sind auch die AP30+ sowie die stark ansteigende Bürokratie.

Welchen Handlungsspielraum sehen Sie beim Thema Grossraubtiere? 

Zum einen lässt sich sagen, dass im Vergleich zu vor ein paar Jahren bereits viel erreicht worden ist. Auch mit den entsprechenden Bundesämtern besteht ein gutes Einvernehmen, und dennoch muss man dranbleiben. Dabei ist es wichtig, anzuerkennen, was es für Bauernfamilien bedeutet, ihre Tiere im Frühling auf die Alp gehen zu lassen. Trotz Verbesserungen beim Herdenschutz lässt sich das Risiko für Konfrontationen mit dem Wolf nicht ausschliessen. Dazu kommt, dass auch Herdenschutzhunde Konfliktpotenzial haben – ob in Wandergebieten oder auf dem Heimbetrieb. Als Bäuerin habe ich Verständnis für solche Sorgen. Wie beim Steinbock, der ebenfalls streng geschützt ist, sollte eine Regulierung der Wolfspopulation möglich sein. Wenn es drängt, auch sofort.

Sie sind Gemeindepräsidentin von Scuol, einer Gemeinde, die stark touristisch geprägt ist. Wie kann das Miteinander von Tourismus und Landwirtschaft gelingen? 

Die Gäste kommen zu uns, weil sie die intakte Landschaft suchen, die Blumenwiesen, die belebten Dörfer. Doch gibt es Situationen, die mit Konflikten einhergehen können. Etwa, wenn Wanderwege durch Weidegebiete führen. Dabei gilt, je grösser die gemeinsame Nutzung, desto mehr Konfliktpotenzial gibt es. Daher braucht es das Verständnis dafür, dass es die Landwirte sind, welche die Kulturlandschaft pflegen, was letztlich auch dem Tourismus zugutekommt. Aber auch auf der Seite der Landwirtschaft braucht es Offenheit und die Bereitschaft, da und dort Kompromisse einzugehen. Beispielsweise, indem Wege ausgezäunt werden. Es geht nur miteinander – das ist mein Motto.

Sehen Sie sich als Vermittlerin?

Ich verstehe mich als Brückenbauerin, das ist meine Stärke. Man muss immer auch die Gegenüberseite verstehen, dann kommt man zu Lösungen. Das heisst nicht, dass man die eigenen Standpunkte nicht vertreten soll. So darf man auch dafür einstehen, dass man zum Beispiel die eigene Herde schützen muss und daher Herdenschutzhunde hält.

Was braucht die Berglandwirtschaft für ihre Zukunftsfähigkeit?

Die Berglandwirtschaft braucht verlässliche Rahmenbedingungen. Die Anforderungen dagegen sind bereits hoch genug, sie sollen nicht noch mehr steigen. Daher ist es wichtig, dass im «Bauernclub» ein Austausch stattfindet und Vertreter die Anliegen bei der Kantonsregierung und in Bundesbern vorbringen. Dazu braucht es auch eine bäuerliche Stimme aus den Talschaften.

Wo müsste die AP30+ Ihrer Meinung nach ansetzen?

Die Stossrichtung der AP30+ ist an sich richtig. Man kann nicht nur die Landschaft pflegen, es braucht auch im Berggebiet eine produzierende Landwirtschaft. Zudem macht es Sinn, auch die Verarbeiter mit ins Boot zu holen, um die Wertschöpfung zu erhöhen.