Die Vielfalt von Tieren, Pflanzen und Lebensräumen bildet das Fundament für sauberes Wasser, fruchtbare Böden und stabile Ökosysteme. Um dem zunehmenden Druck auf diese natürlichen Lebensgrundlagen entgegenzuwirken, ist der Erhalt der biologischen Vielfalt nun fest in der kantonalen Schwerpunktplanung 2025–2035 des Kantons St. Gallen verankert. Mit der Ausarbeitung der detaillierten Teilstrategie bis 2033 ist ein entscheidender Schritt für den kantonalen Naturschutz vollzogen.
Einbindung von Bevölkerung und Praxis
Am offiziellen Vorstellungstermin in Niederhelfenschwil SG nahmen neben Regierungspräsident Beat Tinner, Vorsteher Volkswirtschaftsdepartement SG, auch Gemeindepräsident Peter Zuberbühler sowie Hansruedi Thoma, Geschäftsführer St. Galler Bauernverband, und Jean-Marc Obrecht, Präsident Bird Life, teil. Als Kulisse diente der Betrieb von Familie Giger, die 2025 die kantonale Wiesenmeisterschaft gewonnen hatte.
Beat Tinner betonte die Vielseitigkeit des Kantons St. Gallen vom Bodensee bis zu den Alpen und wies auf die Bedeutung des Kulturlandes hin: «Stabile Ökosysteme und sauberes Wasser bedeuten Heimat.» Aus dieser Verbundenheit erwachse eine besondere Verantwortung für den Kanton. Ziel sei es, aufzuzeigen, was die Bevölkerung vor Ort bereits eigenverantwortlich umsetzt. «Es geht um die Frage, wie wir unsere Lebensgrundlagen langfristig sichern können. Dabei ist ein ausgewogenes Miteinander von Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft entscheidend», so Tinner.
Vernetzung und langfristige Entwicklung im Fokus
Die Regierung baut dabei auf den Grundlagen früherer Exekutiven auf, unter denen bereits zahlreiche Lebensräume aufgewertet worden sind. Die neue Strategie definiert nun weitere Handlungsfelder wie die qualitative Aufwertung bestehender Flächen, eine engere Vernetzung von Lebensräumen sowie Massnahmen im Wald und in der landwirtschaftlichen Praxis. Urs Gimmi, Leiter der Abteilung Natur und Landwirtschaft, erläuterte den strategischen Ansatz: «Der Schwerpunkt liegt auf einer langfristigen Entwicklung. Die Strategie soll bestehende Aktivitäten bündeln und gezielt weiterentwickeln.»
Umfangreiche Massnahmen in der kantonalen Praxis
Die konkrete Umsetzung der neuen Strategie lässt sich bereits mit umfassenden kantonalen Daten belegen. Der Kanton setzt hierbei auf eine systematische Erfassung und gezielte Revitalisierung: Mittlerweile ist der Zustand von insgesamt 900 Biotopen kantonsweit lückenlos dokumentiert worden, um den genauen Handlungsbedarf für den Artenschutz zu ermitteln. Auf dieser Datenbasis wurden bereits weitreichende praktische Arbeiten durchgeführt. So sind im gesamten Kantonsgebiet unter anderem 87 Weiher grossflächig ausgebaggert worden, um wertvollen Wohnraum für Amphibien und Wasserpflanzen wiederherzustellen. Zudem wurden Verbuschungen intensiv bekämpft, damit offene, artenreiche Lichtungen nicht zuwachsen und verdrängt werden.
Konkrete Umsetzung auf dem Landwirtschaftsbetrieb
Der gastgebende Betrieb von Bruno Giger veranschaulicht, wie dieser Spagat zwischen Ökologie und Wirtschaftlichkeit in der Realität gelingen kann. Der 28 Hektaren grosse Landwirtschaftsbetrieb, der neben Ackerbau (darunter drei Hektaren Mais) auch Milchwirtschaft betreibt, wurde 2023 aufgrund der Marktnachfrage nach silofreier Milch auf Bio-Produktion umgestellt.
Der Hof stellt rund zehn Prozent seiner Gesamtfläche explizit als Biodiversitätsförderfläche zur Verfügung. Ein zentrales Element bildet der Obstbau mit rund 50 000 Kilogramm Mostobst aus 27 verschiedenen, teils über 100 Jahre alten Baumarten. Insgesamt säumen 67 Baumarten den Betrieb.
Die Entwicklung der Flächen erfolgt langfristig: Eine Wiese des Hofes wird bereits seit 1993 nicht mehr gedüngt. Seit der ersten Ökoqualitätsverordnung im Jahr 2001 wurden die Massnahmen kontinuierlich ausgebaut. In Zusammenarbeit mit Organisationen wie Bird Life, Pro Natura und dem WWF wurden gezielt Hecken angepflanzt, Sand- und Sternhaufen für Wildbienen angelegt sowie Teiche und Trockenmauern errichtet. Allein die Wasserfläche für den Artenschutz umfasst heute rund 50 Quadratmeter.
Im Fokus stehen dabei die Effektivität und Sichtbarkeit der Massnahmen, während der Rest des Betriebes weiterhin produktiv und wirtschaftlich bewirtschaftet wird. Auch ein angrenzender, drei Hektaren grosser Waldteil wird im Sinne der Strategie bewirtschaftet; hier tritt die reine Holznutzung eher in den Hintergrund.

Waldränder als dynamische Lebensräume
Ergänzend dazu beleuchtete Maurizio Veneziani vom Kantonsforstamt St. Gallen die Rolle des Waldes als dynamischem Lebensraum. Wenn Waldränder gezielt aufgelichtet und nicht rein wirtschaftlich «durchgemäht» oder bewirtschaftet werden, entstehen wertvolle Übergangszonen mit einer hohen Dichte an Nischen und Strukturen, sogenannte Ökotone. Diese geschwungenen Übergangsbereiche mit ihren Buchten und Unebenheiten seien von grosser Bedeutung für den Artenschutz, so Veneziani.
Gemäss Studien werden an solchen strukturierten Waldrändern im Mittelland bis zu 60 Vogelarten – rund 30% mehr als auf offenen Wiesen oder im geschlossenen Hochwald – sowie eine weitaus grössere Insektenvielfalt, darunter zahlreiche Wildbienen, nachgewiesen. Zudem bieten sie wertvollen Lebensraum für Säugetiere wie Igel, Marder, Hermeline und Rehe. Zur Förderung der Waldbiodiversität unterstützt das Kantonsforstamt unter anderem fachgerechte Waldrandaufwertungen mit Beiträgen.
Strategische Begleitung durch die Fachstellen
Unterstützt werden die landwirtschaftlichen Massnahmen durch das Landwirtschaftliche Zentrum des Kantons St. Gallen. Daniela Paul erläuterte vor Ort, dass sich die kantonale Biodiversitätsstrategie auf zwei Ebenen bewegt. Ein wichtiger Pfeiler ist die Entwicklung standorttypischen Saatguts für den Kanton St. Gallen. Dieses basiert entweder auf einem eigens zusammengestellten Saatgut mit ausschliesslich regionalen Ökotypen oder auf Schnittgutübertragung zur Förderung regionaler Ökotypen und artenreicher Bestände.
Dank Saatgutvergleichen und anschliessender Bonitierung wurde das Saatgut kontinuierlich verbessert und der Blumenanteil erhöht. Das Futter von diesen extensiv gepflegten Flächen wird, wenn möglich, weiterhin als Tierfutter verwertet. Zudem betonte Paul die Notwendigkeit einer klaren strukturellen Trennung: Um die Qualitätsstufe 2 (QII) im kantonalen System zu erreichen, müssen die Biodiversitätsflächen exakt von den intensiv genutzten Grünlandflächen abgegrenzt werden.
Landwirt Bruno Giger verwies in diesem Rahmen auf die realen Bedingungen und den Aufwand, den die Betriebe leisten müssen: «Biodiversitätsförderung ist mit zusätzlichem Aufwand verbunden, kann aber auch zur Qualität der Flächen beitragen.» Dass der langfristige Erfolg der neuen Strategie massgeblich von einer funktionierenden Kooperation abhängt, unterstrich schliesslich auch die Zusammensetzung der Gäste vor Ort.



