Rückstände in der Milch sind unerwünscht. Gerade im Bereich des Trockenstellens der Kühe steht die gesamte Branche genau da aber zunehmend vor Herausforderungen. Gefragt wären hohe Inhaltsstoffe (Fett und Eiweiss), tiefe Zellzahlen und keinerlei Restanzen von Trockenstellern in der Milch. Insbesondere die leistungsbereiten Rassen, die am Ende ihrer Laktation immer noch mit einer beträchtlichen Tagesleistung dastehen, brauchen zuweilen «Unterstützung».

«Mit einer angepassten Fütterung bringt man jede Kuh galt», sagen die Tierärzte. Sie sind es aber auch, die raten, bei Kühen über 150'000 Zellzahlen in der Milch einen antibiotischen Trockensteller einzusetzen. Die Bäuerinnen und Bauern wissen es: Kuh melken, Euterschutz verabreichen, in den Galtstall zügeln, und gut ist. Diese Kühe starten meist unproblematisch in die nächste Laktation, die Gefahr, dass sie sich während der Galtzeit mit einer Euterkrankheit infizieren, ist klein. Praktisch, bewährt und funktionell – aber umstritten.

Auslaufmodell Antibiotika?

Obschon sich der Antibiotika-Einsatz bei Nutztieren innert kürzester Zeit halbiert hat, steht dieser weiterhin unter Beschuss. Gesellschaft und Politik fordern einen weiteren drastischen Rückgang. Der Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW), Christian Hofer, stellte jüngst an der Versammlung der Mutterkuhhalter im aargauischen Brunegg gar in Aussicht, dass 2050 ein Antibiotika-Einsatz bei Nutztieren nur noch die Ausnahme darstellen werde. Präventiv eingesetzte Mittel wie im Fall des Euterschutzes dürften dann definitiv der Geschichte angehören. Doch was ist die Alternative?

AboMilchproduktionSMP fordern: Trockensteller sofort kaltstellenFreitag, 21. Januar 2022 In den letzten Jahren wurden Zitzenversiegler propagiert und stiessen auf steigende Nachfrage. Mit Zitzenversieglern wird der Strichkanal für die Galtphase komplett verschlossen. Diese Barriere soll das Eindringen von Bakterien senken und so die Anzahl von Neuinfektionen im Euter während der Trockenstehzeit verhindern. Wie das Forschungsinstitut Agroscope Liebefeld nach aufwendiger Suche feststellen konnte, haben diese Mittel aber einen entscheidenden Nachteil. Beim Einsatz kann es im Käse zu schwarzen Flecken kommen. Schuld daran ist Bismut – ein gesundheitlich völlig unbedenklicher Hauptbestandteil in vielen Zitzenversieglern. Zwar ungefährlich, aber auch unschön.

Dieser optische Makel hat schliesslich auch dazu geführt, dass die Sortenorganisation Gruyère AOP den Einsatz von Zitzenversieglern bereits Ende des letzten Jahres verboten hat. Wie Philippe Bardet, Direktor der Interprofession du Gruyère (IPG), auf Anfrage erklärt, habe man sich, nach vermehrtem Auftreten dieser Flecken im Käse in den vergangenen beiden Jahren, zu diesem Schritt entschieden. «Wir haben im Moment leider keine gute Alternative zu den Zitzenversieglern», sagt Bardet. «Auch wenn das Ganze gesundheitlich unbedenklich sei, «wir tolerieren keine schwarzen Flecken auf einem Premium-Produkt, und der Konsument tut das auch nicht», ist Bardet sicher. Ebenso sicher sei aber auch, dass Antibiotika keine Alternative seien. «Heute kann ich keine Empfehlungen abgeben, was die Landwirte tun sollen», sagt Bardet, im Wissen, dass es für die betroffenen Produzenten unbefriedigend ist.

Unsachgemässe Applikation

Auch die Schweizer Milchproduzenten SMP forderten anfänglich ein rasches und umfassendes Verbot des Einsatzes von Zitzenversieglern, kamen dann aber wieder von dieser Forderung ab. Hauptgrund ist die fehlende Alternative und die Wahrscheinlichkeit, dass das Mittel falsch eingesetzt wird. Das Hauptproblem scheine die unsachgemässe Applikation zu sein, ist man bei der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) sicher. Eine Verteilung im Euter müsse unbedingt verhindert werden. So sei es extrem wichtig, die Zitze oben abzuklemmen.

Das zweite Problem sei das erste Ausmelken nach der Abkalbung, welches von Hand und nicht mit der Maschine passieren müsse. Dass nach drei bis vier Wochen noch Partikel ausgeschieden werden, sei ein Indiz dafür, dass vorher nicht richtig gehandelt worden sei. Dann sei auch eine Absetzfrist auf die Milch von zum Beispiel acht Tagen obsolet.

Neues Produkt sucht Absatz

Gerade bei Kühen mit kürzeren Zitzen sei die Gefahr noch grösser, dass die bismuthaltige Masse im Euter nach oben wandere. Dagegen helfe nur eines: nicht einmassieren. Auch Luft im Präparat selbst scheint ein Problem zu sein, wie die BauernZeitung bei ihrer Recherche herausfand. Die in den gängigen Präparaten enthaltene Luft wirkt sich ebenfalls negativ auf die Verteilung im Strichkanal aus.

Die Firma MSD Animal Health GmbH hat eben erst ein neues Produkt mit einer Applikationsspritze ohne enthaltene Luft auf den Markt gebracht. Hier scheint aber ein akuter Preiskampf unter den Anbietern zu toben, was eine Platzierung eines neuen Produkts erschwert. Praktizierende Tierärzte wollten oder konnten sich auf Anfrage der BauernZeitung jedenfalls dazu (noch) nicht äussern. Bauern, die an einem Produkt Interesse haben, müssen das zwingend bei ihrem Tierarzt anmelden. Ein direkter Bezug bei Herstellern sei nicht möglich.

Tiefe Zellzahlen nötig

Ideal wäre, gar keine Trockensteller einzusetzen – weder solche, die Antibiotika enthalten, noch andere, die auf Basis von Bismut funktionieren. Dafür sollte eine Kuh aber laut Tierarzt «tiefe Zellzahlen» aufweisen. Wie jüngst an der Delegiertenversammlung von Swissherdbook in Bern ausgeführt wurde, entwickeln sich die Zellzahlen der Herdebuchtiere im grössten Schweizer Viehzuchtverband positiv – das heisst, sie sind stabil oder in der Tendenz sinkend. Eine Ausnahme bildet allerdings die Red-Holstein-Rasse. Ihr gelang es trotz enger Verknüpfung zur Rasse Holstein nicht, mit dem positiven Trend der «schwarzen Schwester» mitzuhalten.

Direktor Matthias Schelling begründet diesen Umstand mit der Grösse der Population: «Je kleiner die Population, umso grösser ist der Einfluss von einzelnen Linien, die hier durchschlagen.» Die Holsteiner würden von einer grossen und vielfältigen Zuchtbasis profitieren. «Gelangt ein Merkmal wie beispielsweise die Zellzahl in den Fokus, dauert es bei Holstein einige wenige Jahre, bis sich der Zuchtfortschritt einstellt», weiss Schelling. Hier komme der grossen Rasse mit gezieltem Zuchtprogramm eine entsprechende Selektionskraft zugute.

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Massiv zur Wehr setzen

Die Tierhalter befinden sich in einer schwierigen Situation. Während Gesellschaft und Politik aufgrund Unkenntnis zuhanden der Praxis teils unrealistische Forderungen stellen, wissen die Tierärzte um die Herausforderung. Die BauernZeitung wollte von Andreas Raemy, Präsident Schweizerische Vereinigung für Wiederkäuergesundheit, wissen, was passiert, wenn antibiotische Trockensteller tatsächlich dereinst verboten würden. «Gegen so ein Verbot würden sich die Tierärzte massiv wehren», sagt Raemy.

Natürlich solle nicht jede Kuh im Stall planlos mit einem antibiotischen Trockensteller behandelt werden. Aber es sei wissenschaftlich nachgewiesen, dass Kühe mit krankhaften und entzündeten Eutern während der Trockenstellzeit am besten behandelt werden könnten. Der Grund dafür sei, dass das Euter zur Ruhe komme und der antibiotische Trockensteller drinbleibe und nicht mehr ausgemolken werde.

«In der Schweiz sind keine Trockensteller mit Reserveantibiotika zugelassen.»

Andreas Raemy, Präsident Schweizerische Vereinigung für Wiederkäuergesundheit.

Verbot würde nicht verringern

«In der Schweiz sind keine Trockensteller mit Reserveantibiotika zugelassen. Ein Verbot würde den Antibiotikaverbrauch nicht verringern. Im Gegenteil. Es käme zu vermehrtem Einsatz von antibiotischen Euterinjektoren, da die Tiere vermehrt Euterentzündungen in der Gustzeit entwickeln würden», erinnert Raemy.

Wichtig sei der bewusste Einsatz dieser Mittel. «Bei jedem Tier muss anhand der Zellzahlen während der Laktation, des Schalmtestresultats vor dem Trockenstellen und anhand der Häufigkeit der akuten Euterentzündungen entschieden werden, ob es nötig ist, das Tier mit Antibiotika trockenzustellen. Dies gelingt in den meisten Fällen in Zusammenarbeit mit dem Bestandestierarzt sehr gut», sagt Andreas Raemy.

Die Zitzenversiegler sind seiner Ansicht nach ein gutes Hilfsmittel dafür, den Einsatz von antibiotischen Trockenstellern zu verringern. «Die Inhaltsstoffe der Zitzenversiegler sind für Mensch und Tier völlig unbedenklich. Wenn die Versiegler korrekt angewendet werden, wird es auch keine Probleme im Käse geben. Hier hat unserer Meinung nach die Milchbranche mit einem sofortigen Verbot falsch gehandelt», sagt er und ist überzeugt, dass eine gross angelegte Aufklärung für die Landwirte wichtig wäre, damit das Wissen über den korrekten Einsatz verbreitet werden könne. 

Aktuelle Empfehlung

Besteht kein Herdenproblem, d.h.liegt die ZZ der Tankmilch unter 150'000 Zellen/ml, wird empfohlen, folgende Kühe mit Antibiotika trockenzustellen:
- Einzelkühe mit mehrals 150'000 Zellen/ml (geom. Mittel aus den letzten drei Wägungen) und Keimnachweis.
- Einzelkühe mit Vorgeschichte klinischer Mastitis.

Zudem empfiehlt die Universität Bern flankierende Massnahmen: «Eine periodische Beprobung von Kühen mit klinischer Mastitis und Zellzahlerhöhungen erhöht Therapieeffizienz.» Bei solchen Tieren sei es nicht unbedingt notwendig, vor dem Trockenstellen mit Antibiotika eine Milchprobe bakteriologisch untersuchen zu lassen.