«Ohne Stabilisierung fährt der Milchmarkt markttechnisch und politisch an die Wand», schreibt Christa Brügger von den Schweizer Milchproduzenten SMP auf Anfrage der BauernZeitung. Deutlicher könnte die Botschaft nicht sein. Seit der ausserordentlichen Delegiertenversammlung der Branchenorganisation Milch Ende September ist klar: Der Schweizer Milchmarkt steht massiv unter Druck. Nun liegt eine Medienmitteilung der SMP vom 5. Dezember vor, die zum Handeln aufruft. Doch wie konkret sind die Massnahmen? Und wer trägt die Last?
Der proportionale Anteil
Die SMP fordert von allen Erstmilchkäufern, «mindestens ihren proportionalen Anteil» an der Marktentlastung zu leisten. 126 Millionen Kilogramm Reguliermilch stehen im Raum. Doch auf die Frage, welche Käufer sich verweigern und welche Sanktionen drohen, bleibt Christa Brügger ausweichend: «Wir haben noch keine Übersicht und fokussieren uns aktuell auf den Austausch mit Fakten.»
Die Verarbeiter geben sich kooperativ – zumindest verbal. Emmi erklärt knapp, man beteilige sich «gemäss Marktanteil» an den Massnahmen. Die Elsa Group, Migros-Tochter und viertgrösster Milchverarbeiter, will durch «Reduktion der Milchproduktion bei Direktlieferanten» und das «Zurückholen von Milchpulver-Artikeln im Veredelungsverkehr» ihren Beitrag leisten. Cremo, die derzeit um ihre Existenz kämpft, schreibt diplomatisch, man reguliere «unseren Anteil» und verarbeite «je nach verfügbaren Kapazitäten» auch Reguliermilch anderer Käufer. Konkrete Zahlen? Fehlanzeige.
Wie viel Butter und Rahm genau die einzelnen Verarbeiter exportieren, bleibt offen. Emmi spricht von «Fettmarktentlastungsmassnahmen», Elsa von «Reduktion», Cremo von «Koordination». Die SMP hat offenbar noch keinen Überblick, wer wie viel liefert.
Die SMP erwartet von den Erstmilchkäufern, dass sie Preisanreize zur Nicht-Produktion von C-Milch unverzüglich und transparent kommunizieren. Der aktuelle C-Milchpreis: 25 bis 30 Rappen pro Kilogramm. Die BauernZeitung fragte nach, welcher Bauer sich das leisten kann. Christa Brüggers Antwort ist kurz: «Der Entscheid liegt beim Produzenten.» Tatsächlich ist die Rechnung simpel: Wer seine letzten fünf Prozent Milch für 30 Rappen abgibt oder gar nicht liefert, drosselt faktisch die Produktion. Die SMP fordert zudem eine sofortige Freiwilligkeit von C-Milch. Das klingt nach freier Wahl, ist aber ökonomischer Druck. Emmi bestätigt: «Sollte keine C-Milch geliefert werden, wird entsprechend weniger exportiert.»
Wer zahlt die Zeche?
Die Kosten für die Notfall-Exporte trägt nicht der Bund, sondern die Branche selbst. Das stellt Christa Brügger klar: «Der Bund zahlt nichts.» Die Finanzierung erfolge im Rahmen der Beschlüsse der ausserordentlichen Delegiertenversammlung vom 26. September und des Vorstands der BOM vom 14. November. Emmi konkretisiert: «Die Fettmarktentlastung wird über C-Milch und eine Selbstbeteiligung von Emmi finanziert.» Mit anderen Worten: Die Produzenten zahlen über den C-Milchpreis, die Verarbeiter über ihre Selbstbeteiligung. Wie hoch diese ausfällt und wie sie auf die einzelnen Akteure verteilt wird, bleibt unklar.
Cremo verweist auf die nächste BOM-Sitzung Mitte Dezember, wo Entscheide für das erste Quartal 2026 «inklusive der Einführung von C-Milch» anstehen. Auch hier: keine konkreten Zahlen, nur Verweise auf künftige Beschlüsse.
Könnten die Discounter aushelfen?
Ein Hoffnungsschimmer soll mehr Swissness in den Discounter-Regalen sein. Die SMP sieht wesentliches Potenzial, den Schweizer Milchanteil bei Aldi und Lidl zu erhöhen. Auf die Frage, ob bereits konkrete Gespräche laufen und welche Produkte kurzfristig umgestellt werden könnten, antwortet Christa Brügger: «Wir loten das Potenzial aus.»
Die Migros, über ihre Tochter Elsa Group im Geschäft, gibt sich bereits als Musterschülerin: «Die Eigenmarken der Migros verwenden hauptsächlich und so viel wie möglich Schweizer Milch.» 80 Prozent des Molkereisortiments seien Eigenmarken.
Aldi Suisse betont auf Anfrage der BauernZeitung, man setze im bewusst fokussierten Sortiment wo immer möglich auf Schweizer Produkte. Der Discounter verweist auf seine Bio-Eigenmarke «retour aux sources», die Regio-Eigenmarke «Saveurs Suisses» sowie die «Faireswiss-Milch», bei der die Produzenten einen Franken pro Kilo Milch erhalten. «Unsere Preise gehen dabei nicht zulasten der Produzenten und für die Branche gelten die Richtpreise der Branchenorganisation Milch», schreibt Aldi. Zu konkreten Mengenangaben und Details der Preispolitik äussert sich der Discounter aber nicht.
Sind sich Fromarte und SMP uneins?
In der BauernZeitung fordert Hans Aschwanden, Präsident von Fromarte, eine «massive Preissenkung» als einziges wirksames Signal. SMP verschickt eine Medienmitteilung und fordert Export-Massnahmen. Da kommt die Frage auf, ob man sich nicht einig ist. Christa Brüggers Antwort: «Noch nicht so ganz.» Die SMP sehe «keinen Grund auf dem Inlandmarkt zur Preissenkung». Wenn Fromarte in den Sortenorganisationen Anträge für Käsepreissenkungen stellen wolle, werde man das dort diskutieren. Mit anderen Worten: Die zwei grossen Branchenakteure verfolgen unterschiedliche Strategien. Fromarte setzt auf Preisdruck, die SMP auf Export.
Bis wann soll die Marktstabilität wiederhergestellt sein? «Sechs Monate», schreibt Christa Brügger von der SMP. Die Butter müsse bis Frühjahr 2026 exportiert sein, «zudem hat niemand ein Interesse daran, diese Butter lange auf eigene Kosten zu lagern». Der Erfolg werde vor allem an der Butterlagerentwicklung gemessen. Cremo warnt bereits jetzt: «Die anstehenden Festtage werden eine grosse Herausforderung.» Die Frage ist, ob die koordinierten Massnahmen greifen, bevor der Markt endgültig aus dem Gleichgewicht kippt. Die SMP gibt sich kämpferisch: «Nur durch ein gemeinsames, entschlossenes Vorgehen kann die ‹Bremsspur› kurzgehalten werden.»
Kein Zugeständnis?
Die Notfall-Exporte gleichen einem Offenbarungseid: Seit Jahren galt Marktorientierung, nun soll der Staat eingreifen. Die Milchbranche habe «keinen Einfluss auf Dollar- und Euro-Wechselkurse, das Futterwachstum in der Schweiz und die US-Aussenhandelspolitik», sagt Christa Brügger dazu. Die Frage bleibt: Hätte die Branche früher reagieren können? Die SMP verweisen auf die gegebenen politischen Rahmenbedingungen wie die offenen Grenzen beim Käse. Man sehe das Ungleichgewicht und handle im Rahmen der Möglichkeiten.
Ob das reicht, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Die Recherche zeigt: Viele Worte, wenige Zahlen. Vieles bleibt unklar. Wer exportiert wie viel? Wer zahlt genau was? Wie realistisch ist mehr Swissness bei den Discountern? Die Branche gibt sich geschlossen – nach aussen.
Doch die vagen Antworten der Verarbeiter und Discounter und nicht zuletzt die fehlende Übersicht bei den SMP werfen Fragen auf. Die Produzenten dürfen sich auf eines einstellen: Die nächsten Monate werden hart. Ob mit C-Milch zu 30 Rappen oder ganz ohne Lieferung der letzten 5 Prozent – die Last tragen sie. Und die Hoffnung, dass Aldi und Lidl plötzlich vermehrt auf Schweizer Milch setzen, ist zurzeit nur eben dies: eine Hoffnung.
Lidl: «Wir zahlen höhere Preise für Schweizer Milch»
Die BauernZeitung fragte bei Lidl Schweiz nach, ob der Discounter bereit ist, mehr Schweizer Milch ins Sortiment zu nehmen. Die Antwort von Mediensprecherin Nicole Graf:
Lidl Schweiz generiere über 50 Prozent des Umsatzes mit Schweizer Lieferanten und baue das Schweizer Sortiment unter der Heimatmarke «Qualité Suisse» kontinuierlich aus. «Unser gesamtes Sortiment an UHT- und Past-Milch sowie an Butter sind ausschliesslich Schweizer Herkunft», schreibt Graf. Man sei bereit, für Schweizer Milchprodukte höhere Einkaufspreise zu zahlen. Der Schweizer Milchpreis liege deutlich über dem EU-Niveau.
In der aktuellen Situation unterstütze Lidl die Lieferanten mit kurzfristigen Aktionen. Zudem habe man 2024 zusätzlich 4000 Tonnen Käse nach Europa exportiert. Konkrete Mengenangaben zum gesamten Milchsortiment macht der Discounter aber nicht.
Es braucht Beziehungen
Kommentar von Simone Barth
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Aldi und Lidl als Rettung? Ernsthaft? Während die Branche 126 Millionen Kilo Reguliermilch womöglich zu Schleuderpreisen verscherbeln muss, soll ausgerechnet bei den Discountern mehr Swissness die Lösung sein. Das ist nicht Strategie, das ist Verzweiflung.
Die Wahrheit: Aldi und Lidl sind zwar bemüht, aber aktuell eher Rosinenpicker als Partner auf Augenhöhe für die ganz grosse Menge. Und sie werden sich nicht von Agrar-Influencern oder moralischen Appellen bewegen lassen – und schon gar nicht in einer Krise, in der die Branche selbst keinen Plan vorzulegen vermag. Die wirklichen Marktpartner heissen im Inland immer noch Migros und Coop. Mit ihnen gilt es, Beziehungen zu pflegen, nicht sie zu vergraulen. Wer jetzt sinnfrei auf den grossen Playern herumhackt, wie das neue Mode ist, sägt am eigenen Ast. Auch die USA haben gezeigt: Schadensbegrenzung läuft über Beziehungen, nicht über Lautstärke.
Den freien Käsehandel als Sündenbock hinzustellen, greift ebenfalls zu kurz. Was die Branche braucht, sind Märkte – nicht Fragezeichen. Und Produzenten, denen das Wohl der eigenen Kälber und der Nachbarn nicht gleichgültig ist. Die Lösung ist unbequem, aber klar: Runter mit der Menge, rauf mit dem Anstand. Und vorwärts mit Märkten, die man sich erschliessen kann – statt auf Nischen in Discountern zu setzen, die das Problem nie lösen werden. s.barth@bauernzeitung.ch


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