Sieben Betriebe, drei Jahre, ein Ziel: Ammoniakemissionen messbar senken. Vor knapp einem Jahr startete Appenzell Innerrhoden ein Pilotprojekt zur stickstoffangepassten Milchviehfütterung. Das Projekt ist Teil des kantonalen Massnahmenplans Luftreinhaltung. Agridea schreibt in ihrer Publikation: «Die Stickstoff-angepasste Fütterung erlangt zunehmend als Kosten- und Emissionsminderungsmassnahme an Bedeutung.»

Die Futterindustrie reagiert. Die UFA lancierte im September 2020 «UFA-Aminobalance», ein Produkt, das gezielt die erstlimitierenden Aminosäuren Methionin und Lysin in pansengeschützter Form ergänzt. Hergestellt wurde es im UFA-Werk in Sursee. «Schweizer Rationen mit tieferem Rohprotein-Niveau weisen meist ein Defizit dieser Aminosäuren auf», heisst es im Produktblatt. Die Dosierung lag zwischen 50 und 150 Gramm pro Tier und Tag. Aufgrund geringer Nachfrage stellte die UFA die Produktion von UFA-Aminobalance im Dezember 2024 ein.

Schweizer Forschende hatten recht

Abo Frage an die Fachfrau Ammoniakemissionen im Stall: Wie kann der Tierhalter diese reduzieren? Mittwoch, 10. Dezember 2025 Doch ein Blick in die Forschung zeigt: Da fehlt noch was. Daniela Wasem und Stefan Probst von der BFH-HAFL schrieben 2022 am Ende ihrer Studie zur proteinreduzierten Milchviehfütterung: «Für weitere Versuche müsste neben Methionin und Lysin auch noch Histidin betrachtet werden.»

Die beiden Forschenden hatten während zwei Wintern auf zwei Schweizer Praxisbetrieben (Rütti Zollikofen und Wallierhof Riedholz) getestet, ob sich mit weniger Protein und gezielter Aminosäureergänzung Ammoniakemissionen senken lassen. Der Proteingehalt wurde um 10 Gramm pro Kilogramm Trockensubstanz gesenkt, pansengeschütztes Lysin und Methionin ergänzt.

Bei energiekorrigierter Milchmenge sowie Milchfett- und Milchproteingehalt gab es keine signifikanten Unterschiede zur Kontrollgruppe. Allerdings zeigte sich in drei von vier Versuchsdurchgängen ein numerischer Rückgang um rund ein Kilogramm energiekorrigierte Milch. In einem Fall sank die tägliche Eiweissmenge signifikant um 0,05 Kilogramm pro Kuh und Tag.

Der entscheidende Punkt: Der Milchharnstoffgehalt ging in allen Versuchsgruppen deutlich zurück – um 3,2 bis 4,6 Milligramm pro Deziliter. Die Forschenden schätzten daraus eine Reduktion der Ammoniakemissionen von 8 bis 14 Prozent. «In der Literatur gibt es Hinweise, dass unter gewissen Bedingungen Histidin eine limitierende Aminosäure sein könnte», schrieben sie.

Penn State 2023: Die Vermutung bestätigt sich

Genau das bestätigte sich im September 2023. Alexander Hristov von der Penn State University, einer der weltweit führenden Experten für Treibhausgase bei Wiederkäuern, publizierte eine Studie mit klarem Ergebnis: «Die Ergänzung mit der Aminosäure Histidin kann die Milch- und Milcheiweissproduktion stabil halten und sogar erhöhen.»

Frankreich 2022: Parallele Erkenntnisse

Auch eine französische Grossstudie kam 2022 zu ähnlichen Ergebnissen. Das Forschungsteam um Sophie Lemosquet vom Institut INRAE testete mit 444 Milchkühen auf fünf Betrieben im EU-Projekt «Dy+Milk», was passiert, wenn man den Sojaschrotanteil um 15 Prozent reduziert und durch Getreide ersetzt, ergänzt mit pansengeschütztem Methionin und Lysin.

Das Resultat: Die Kühe gaben 0,5 Kilogramm mehr Milch pro Tag, der Milchproteingehalt stieg um 1,1 Gramm pro Kilogramm Milch. Der CO₂-Fussabdruck sank um 14 Prozent, die Stickstoffnutzungseffizienz verbesserte sich um 7 Prozent.

Während die Schweizer Studie eine leichte Tendenz zu Leistungsrückgängen zeigte, verzeichneten die französischen Betriebe sogar Mehrleistung. Ein möglicher Grund: unterschiedliche Grundrationen.

Eine im Oktober 2025 publizierte Industrie-Analyse von Kemin zeigt: Bei laktierenden Holstein-Kühen führte die Aminosäure-Supplementierung zu einer Reduktion der futterbedingten CO₂-Äquivalente um 9,3 Prozent.

Tänikon 2025: Zu wenig Protein schadet

Einen wichtigen Kontrapunkt setzt ein Fütterungsversuch, den die UFA 2025 auf der Swiss Future Farm in Tänikon begleiten konnte. Verglichen wurde eine stark proteinreduzierte Ration mit einem Ziel-Milchharnstoffgehalt von unter 10 Milligramm pro Deziliter mit einer ausgewogenen Ration nach dem UFA-W-FOS-System. Beide Gruppen erhielten dieselbe Grundration aus Mais- und Grassilage, Dürrfutter und Zuckerrübenschnitzeln; die proteinreduzierte Gruppe wurde mit einer Getreidemischung sowie einem Zusatzstoff zur Verbesserung der Proteineffizienz ergänzt, die W-FOS-Gruppe mit einem Eiweisskonzentrat. Jede Gruppe wurde zwei Monate mit ihrer Ration gefüttert, danach wurden die Rationen getauscht.

Das Ergebnis war eindeutig: Mit der W-FOS-Ration stieg die Milchleistung nach dem Wechsel um sieben Kilogramm pro Kuh und Tag; über den gesamten Versuch hinweg produzierten diese Kühe im Schnitt vier Kilogramm energiekorrigierte Milch pro Tier und Tag mehr. Auch der Trockensubstanzverzehr lag durchgehend zwei Kilogramm höher – und trotzdem waren die Futterkosten pro Kilogramm Milch bei der W-FOS-Ration drei Rappen tiefer, dank der höheren Milchleistung. Bei den Kühen mit sehr tiefem Harnstoffgehalt zeigten sich zudem Anzeichen einer ungenügenden Versorgung, darunter Harnsaufen, und eine schlechtere Futterverwertung.

Der Versuch zeigt: Nicht die Proteinreduktion an sich ist das Problem – sondern der Grad. Wer den Harnstoffgehalt auf unter 10 Milligramm pro Deziliter drückt, geht zu weit.

Was heisst das für Schweizer Betriebe?

Die Studien zeigen: Eine Proteinreduktion mit gezielter Aminosäureergänzung kann Stickstoffausscheidungen und Treibhausgasemissionen messbar senken, um 8 bis 14 Prozent bei Ammoniak, bis zu 14 Prozent beim CO₂-Fussabdruck. Die Milchleistung bleibt dabei stabil oder steigt sogar.

Entscheidend ist aber die richtige Aminosäurekombination. Die Schweizer Forschenden hatten 2022 richtig vermutet: Lysin und Methionin allein reichen nicht. Histidin scheint der fehlende Baustein zu sein.

Gerade mit Blick auf die Pilotprojekte zur stickstoffangepassten Fütterung und die verschärften Vorgaben wird der Ansatz interessant. Durch weniger Sojaschrot lassen sich zudem Futterkosten sparen. Aber: Die optimale Aminosäurebalance hängt stark von der Grundration ab. Die Pansenmikroben brauchen genügend Stickstoff für die Proteinbildung. Wer zu stark reduziert, riskiert Leistungseinbussen – das zeigt der Tänikon-Versuch eindrücklich.


Nachgefragt bei Jonas Salzmann, Bereichsleiter Marketing, UFA AG

UFA-Aminobalance enthielt Lysin und Methionin. Gab es Überlegungen, das Produkt um Histidin zu ergänzen – gerade nach den Erkenntnissen aus der Penn State-Studie 2023?

Jonas Salzmann: Intern diskutieren wir den Zusatz von Histidin im Milchviehbereich seit rund vier Jahren intensiv. Auch eine Bachelorarbeit, die wir letztes Jahr an der HAFL initiierten und bei der wir die Wirkung verschiedener Methioninquellen auf Milchleistung und Inhaltsstoffe untersuchten, hat das fehlende Histidin als Thema aufgegriffen. Leider ist der Einkaufspreis von Histidin sehr hoch, eine Ergänzung wäre für die Betriebe sehr kostenintensiv. Wir sehen aktuell keine Möglichkeit, ein marktfähiges Produkt zu interessanten Konditionen zu lancieren – zumal sich UFA-Aminobalance nicht durchsetzen konnte und wir die Produktion im Dezember 2024 eingestellt haben.[IMG 2]

Welche Praxiserfahrungen hat die UFA mit Aminobalance seit der Markteinführung gemacht? Wo hat es gut funktioniert, wo gab es Herausforderungen?

Die Rückmeldungen aus der Praxis waren grundsätzlich positiv. Von den Betriebsleitenden wurde vor allem ein besserer Laktationsstart sowie eine bessere Fruchtbarkeit festgestellt. Ein Einfluss auf die Milchleistung und die Inhaltsstoffe wurde in der Breite nicht beobachtet. Die grösste Herausforderung ist es, die genaue Aminosäurenversorgung zu bestimmen – je nach Grundration variiert diese stark. Einen spürbaren Effekt von der Aminosäurenzugabe erwarten wir erst ab einem Rohproteingehalt in der Gesamtration von unter 145 Gramm pro Kilogramm Trockensubstanz. Da die Schweizer Fütterung eher graslastig ist, erreichen dieses Niveau nicht viele Betriebe – viele liegen bei 150 bis 155 Gramm pro Kilogramm Trockensubstanz.

Wie bestimmte der UFA-Beratungsdienst die optimale Dosierung? Welche Rolle spielte der Milchharnstoffgehalt dabei?

Wir haben bei allen Grundfuttern die durchschnittlichen Gehalte von Lysin und Methionin hinterlegt und kennen zusätzlich den Aminosäurengehalt unserer Futtermittel. Damit lässt sich der Bedarf an Lysin und Methionin ziemlich exakt berechnen und die Dosierung im Futterplan bestimmen.

Für welche Betriebstypen eignete sich der Einsatz besonders – und wo machte er keinen Sinn?

Nach unserer Analyse verschiedener Rationen hatten vor allem Betriebe mit sojafreier Fütterung ein Defizit bei diesen Aminosäuren. Grundsätzlich macht der Einsatz besonders in der Startphase Sinn: Wenn der Trockensubstanzverzehr noch tiefer ist, kann die Proteinversorgung gezielt verbessert werden, ohne den Pansen mit zusätzlichem Protein zu belasten. Gleichzeitig wird die Leber geschont, weil sie weniger Ammoniak zu Harnstoff umwandeln muss. Deshalb setzen wir auch gezielt auf den Zusatz von pansengeschütztem Methionin in unseren Startphasenfuttern.

Was kostete der Einsatz, und ab wann wurde er wirtschaftlich?

Die Einsatzkosten lagen zwischen 22 und 55 Rappen pro Kuh und Tag. Den direkten Vergleich mit Sojaschrot finde ich schwierig, weil Soja nicht nur Protein, sondern auch Energie liefert. Sinnvoller ist die Frage: Wie viel Sojaschrot lässt sich einsparen, wenn man eine bestimmte Menge Aminosäuren und zusätzlich Getreide einsetzt?

2025 war die UFA an einem Fütterungsversuch auf der Swiss Future Farm in Tänikon beteiligt. Was hat dieser Versuch gezeigt?

Der Versuch verglich eine stark proteinreduzierte Ration mit einem Ziel-Milchharnstoffgehalt von unter 10 Milligramm pro Deziliter mit einer nach W-FOS optimierten, ausgewogenen Ration. Das Ergebnis war eindeutig: Die Kühe mit der ausgewogenen Ration produzierten im Schnitt vier Kilogramm energiekorrigierte Milch pro Tier und Tag mehr, der Trockensubstanzverzehr lag durchgehend höher – und trotzdem waren die Futterkosten pro Kilogramm Milch drei Rappen tiefer, dank der höheren Milchleistung. Bei der stark proteinreduzierten Gruppe zeigten sich zudem Anzeichen einer ungenügenden Versorgung sowie eine schlechtere Futterverwertung. Das zeigt klar: Eine gezielte Proteinreduktion macht Sinn, aber das Mass muss stimmen. Wer zu stark reduziert, schadet der Leistung und dem Tierwohl.

Die HAFL-Studie zeigte in drei von vier Durchgängen einen leichten numerischen Milchrückgang. Beobachten Sie das auch in der Praxis?

Wenn gezielt Protein reduziert und der Einsatz von Aminosäuren Wirkung zeigen soll, müssen zunächst andere Voraussetzungen erfüllt sein: Die Ration muss ausgeglichen sein, die ruminale Stickstoffbilanz muss stimmen, und die Pansenmikroben müssen optimal versorgt sein – das heisst, die Ration muss synchron fermentiert werden. Erst wenn diese Punkte erfüllt sind, kann das Protein weiter reduziert werden, und der Effekt der Aminosäuren tritt ein.

Ist die UFA am Innerrhoder Pilotprojekt zur stickstoffangepassten Fütterung beteiligt?

Nein, am Innerrhoder Projekt sind wir nicht beteiligt. Ähnliche Erkenntnisse gibt es aber aus der kürzlich von uns betreuten Bachelorarbeit an der HAFL.