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Antibiotika im Euter: Hier hat die Schweiz noch Nachholbedarf

Die Schweiz setzt bei Euterentzündungen überdurchschnittlich oft Antibiotika ein – und das soll sich ändern. Ein Mastitis-Symposium in Vitznau zeigte auf, wie Tierärztinnen und Tierärzte, Landwirtinnen und Landwirte sowie die Branche gemeinsam gegensteuern können.

«Spitzenreiter» ist ein Begriff, der normalerweise eine positive Bedeutung hat, der sich verbindet mit Stolz auf eine Leistung, eine Spitzenposition. Beim Thema Antibiotikaeinsatz im Euter ist die Position des Spitzenreiters wohl eher nicht so erstrebenswert. Die Schweiz ist leider bezüglich der antibiotischen Behandlungen im Euter auf dieser Spitzenposition, und dies scheint sich auch kaum zu ändern, wenn man die Zahlen der letzten Jahre anschaut. Das wurde jüngst an einem Mastitis-Symposium in Vitznau LU deutlich.

«Baustellen» anpacken und Strategien überdenken

Bei Kühen werden Antibiotika am häufigsten im Euter eingesetzt, etwa zu zwei Dritteln während der Laktation und rund zu einem Drittel für das Trockenstellen oder in der Galtzeit. Für das Image der Milch- und Käseproduktion in der Schweiz ist diese Tatsache nicht von Vorteil – vielleicht ist es sogar eine Zeitbombe.

Die Schweizer Milchproduzenten und weitere Branchenvertreter stehen schon seit mehreren Jahren im Austausch mit Rindergesundheit Schweiz, der Vetsuisse Bern und der Schweizerischen Vereinigung für Wiederkäuergesundheit (SVW), um eine Verbesserung der aktuellen Situation zu bewirken. Es nützt nichts, den schwarzen Peter hin und her zu schieben oder die Schuld nur den Tierhaltenden oder nur den Tierarztpraxen oder nur den Rahmenbedingungen und Anreizsystemen zuzuschieben. Alle müssen über die Bücher, ihre «Baustellen» anpacken und Strategien überdenken.

Gute Qualität zu hohem Preis erkauft?

Dies war für Rindergesundheit Schweiz der Anstoss, um gemeinsam mit der SVW ein Mastitis-Symposium zu planen, das letzte Woche in Vitznau stattfand. Ungefähr 80 Tierärztinnen und Tierärzte, mehrheitlich aus Schweizer Nutztierpraxen, nahmen an dem zweitägigen Seminar teil und liessen sich von Referierenden aus der Schweiz und aus dem Norden Europas auf den neuesten Stand bringen. Die Themen umfassten das Vorbeugen von Euterentzündungen, Diagnostik, Therapiestrategien uvm.

Das Fazit des einführenden Referates von Michèle Bodmer, Leiterin der Bestandesmedizin der Vetsuisse Bern, ist, dass die Qualität der Schweizer Milch sehr hoch ist, aber dass diese zum Teil mit einem erhöhten Antibiotikaeinsatz erkauft wird. Immer noch zu häufig werden Erreger, die keine heftigen Euterentzündungen auslösen, mit Antibiotika bekämpft, und das selektive Trockenstellen hat sich noch nicht etabliert.

Was der Norden anders macht

Sehr beeindruckt hat die Tatsache, dass in der norwegischen Milchviehzucht die Gesundheit höher gewichtet wird als die Milchleistung. Norwegen ist dabei das einzige skandinavische Land, in dem die eigene Kuhrasse im Milchviehbestand noch dominant ist – in Schweden und Dänemark überwiegt ebenfalls die Rasse Holstein.

In Dänemark steht zudem gesetzlich nur Penicillin zur Verfügung und subklinische Mastitiden werden grundsätzlich nicht behandelt. Norwegen exportiert unterdessen mehr Sperma, als im eigenen Land verwendet wird. Somit scheint die Bedeutung der Tiergesundheit wohl auch in anderen Ländern zuzunehmen.

Das Tierwohl gezielt zu fördern, lohnt sich

Zentral wichtig für die Prävention von Euterentzündungen ist die Gesunderhaltung der Milchkuh. Eine gesunde, robuste Kuh ist weniger anfällig für Euterinfektionen. Dies kann durch eine möglichst kuhgerechte Haltung und allgemein durch gute landwirtschaftliche Praxis gezielt gefördert werden.

Der «Kuhsignalediamant» zeigt auf, was die Kuh braucht, um gesund und wohl zu bleiben. Auf sehr praktische Art hat Nathalie Roth vom landwirtschaftlichen Zentrum in Flawil SG gezeigt, wodurch eine Kuh im Stall an ihrem normalen Verhalten gehindert wird. Zum Beispiel legt sie sich zu selten hin, wenn sie bereits beim Hinlegen weiss, dass sie nicht mehr problemlos aufstehen kann, weil z. B. die Liegeboxe zu wenig freien Kopfraum hat. Ein anderer Grund kann sein, dass die Liegefläche zu hart ist. Die Kuh weiss dann schon, dass das Hinlegen schmerzhaft sein wird.

Ein Augenmerk auf die Einstreu legen

Die Boxenpflege und die Einstreu nehmen auch eine sehr wichtige Rolle ein. Gemäss der Verordnung des EDI über die Hygiene bei der Milchproduktion (VHyMp) muss in Milchviehställen die Liegefläche der Kuh sauber und trocken gehalten werden. Die Einstreu muss in einwandfreiem Zustand sein. Sie darf die Tiergesundheit nicht gefährden und die Milchqualität nicht beeinträchtigen. Verschiedene Einstreumaterialien haben verschiedene Vor- und Nachteile.

Laut Bruno Forrer von Bamos ist die Boxenpflege entscheidender als das gewählte Material. Dazu gehören das häufige Nachstreuen, bei Bedarf der Einsatz von Hygieneprodukten, im Laufstall auch ein häufiges Abschieben der Laufgänge und v.a. auch eine gute optische Beurteilung der Sauberkeit und Feuchtigkeit der Liegeflächen. Die bedürfnisgerechte Versorgung mit Futter, Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen in allen Produktionsphasen, insbesondere aber in der heiklen Phase rund um die Geburt, trägt ebenfalls zu einer robusteren Verfassung der Kuh und weniger Mastitiden anfangs Laktation bei.

Nicht jede Mastitis braucht sofort ein Antibiotikum

Aber trotz gesunder Kühe und optimaler Haltung kommt es von Zeit zu Zeit zu Euterinfektionen. Muss man die nun alle immer gerade sofort mit Antibiotika behandeln? «Nein», sagen die Expertinnen und Experten. Wenn die Kuh kein Fieber oder andere Entzündungserscheinungen zeigt, dann kann auf jeden Fall das Ergebnis der Milchuntersuchung abgewartet werden. Nur eine akut kranke Kuh braucht sofort eine Behandlung, und auch hier sind sich nicht alle Fachleute einig, ob diese immer auch Antibiotika beinhalten muss.

Und wenn die Milchberichte vorliegen? In manchen Milchproben werden gar keine Erreger gefunden. Solche «Viertel» oder erhöhte Zellzahlen können z. B. stressbedingt sein; die Zellzahlen sinken meist rasch wieder ab.

Dann gibt es Erreger, bei denen eine antibiotische Behandlung etwas bringt, und es gibt andere, die nicht oder nicht sofort antibiotisch behandelt werden müssen. Bei Problemkeimen wie dem Umweltkeim Streptococcus uberis kann eine antibiotische Behandlung bei der ersten Erkrankung Sinn ergeben. Hier macht auch das Einsetzen antibiotischer Trockensteller unter Umständen Sinn, da die Chance besteht, dass Entzündungen und Infektionen während der Galtzeit ausheilen können.

Auch bei Infektionen mit Staphylococcus aureus kann eine antibiotische Behandlung eine Verbesserung bringen. Auch hier ist entscheidend, ob der Keim einmal bei einem Tier auftritt oder ob er zum Bestandesproblem wird, das dann mit System angegangen werden muss.

Wenn ein Bestandesproblem besteht, muss zur besseren Kontrolle eine ganzheitliche Strategie für die Bekämpfung entwickelt werden. Zur Bekämpfung von Streptococcus uberis oder auch Staphylococcus aureus gibt es u. a. Leitfäden bei RGS. Neben diesen Problemkeimen gibt es die sogenannten Minorerreger wie z. B. die anderen Staphylokokken. Bei denen treten selten klinische Symptome auf und mit einer Behandlung kann bis zum Galtstellen abgewartet oder ganz darauf verzichtet werden.

Es gibt keine Einheitslösung

Was bedeutet das konkret für einen Milchproduzenten? Ein Landwirt, der regelmässig Antibiotika im Euter einsetzt, darf und soll seine bisherigen Therapiestrategien infrage stellen – und gemeinsam mit seinem Bestandestierarzt die Situation auf dem eigenen Betrieb anschauen. Denn es gibt keine Einheitslösung.

Zuerst muss bekannt sein, wie häufig Mastitiden auftreten und mit welchen Symptomen und wie sich die Zellzahlen entwickeln – und welche Erreger vorhanden sind. Wenn diese Fakten auf dem Tisch liegen, kann gemeinsam mit der Bestandestierärztin, dem Berater und dem Melktechniker geschaut werden, wo etwas für das Wohlbefinden der Kuh, an der die Hygiene oder bei der Melktechnik verbessert werden kann. Nur mit einem ganzheitlichen Vorgehen sind nachhaltige Verbesserungen möglich.

Die Problematik ganzheitlich aufzeigen

RGS und die SVW haben mit diesem Seminar beabsichtigt, die Eutergesundheits-Problematik ganzheitlich aufzuzeigen und dazu anzuregen, die altbewährten Therapiestrategien zu überdenken und anzupassen.

Michèle Bodmer empfiehlt die selektive Therapie sowohl während der Laktation als auch zum Trockenstellen, den systematischen Erregernachweis für eine gezielte Behandlung sowie den Verzicht auf Antibiotika bei chronischen Mastitiden und erhöhten Zellzahlen ohne Entzündungssymptome.

Notwendig sind zudem politische Diskussionen zu Zellzahllimiten und Anreizsystemen sowie mehr Investition in die Gesunderhaltung der Kuh und vermehrte Untersuchung von Milchproben. So lässt sich erkennen, welche Erreger vorhanden sind, damit diese auch gezielt bekämpft werden können.

Den Antibiotikaeinsatz auf Milchviehbetrieben zu senken, liegt im Interesse aller Beteiligten – der Produzentinnen und Produzenten, der Tierärzteschaft, des Handels und der Konsumenten. Alle können etwas dazu beitragen. Rindergesundheit Schweiz wird die Thematik gemeinsam mit den Produzentenorganisationen und der SVW weiterverfolgen. Die verschiedenen Problempunkte müssen angepackt werden, um eine nachhaltige Verbesserung und einen tieferen Antibiotikaeinsatz zu erreichen.