Soll die Anwendung neuer Züchtungsmethoden wie CRISPR-Cas künftig erlaubt werden? Und falls ja, was wäre der Nutzen und was die Risiken? Diesen Fragen wollte die Agrotechnikerklasse HF24 nachgehen, indem sie am 25. Februar 2026 am Strickhof in Lindau eine Podiumsdiskussion organisierte. Dabei ging es zunächst darum, Begrifflichkeiten zu klären: Sowohl bei der klassischen Pflanzenzüchtung wie auch bei der klassischen Gentechnologie würden genetische Veränderungen vorgenommen, hielt Bruno Studer, Professor für molekulare Pflanzenzüchtung an der ETH, in seinem Inputreferat fest. Die Veränderungen erfolgten dabei allerdings ungezielt.

Das Risiko hängt von der Anwendung ab

«Im Unterschied dazu sind Neue Züchtungstechnologien (NZT) Werkzeuge zur gezielten Genomveränderung», sagte Bruno Studer. Für NZT gibt es unterschiedliche Anwendungsformen:

  • als minimalste Veränderungen an einer vorbestimmten Stelle (Gene ausschalten oder reparieren)
  • mit zusätzlichen Genen der gleichen Pflanze/Art (cisgen) oder einer anderen Art (transgen).

Studer sieht in den NZT einen potenziellen Nutzen für die Landwirtschaft, indem sie einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten können. Er nannte Beispiele:

Weizen: Für die Mehltau-Resistenz konnten 2013 mittels Genomeditierung alle sechs Kopien eines bestimmten Gens inaktiviert werden. Mit klassischer Züchtung ist dies kaum möglich.
Apfel: 2014 gelang es, die Feuerbrandresistenz aus einem Wildapfel auf die Sorte Gala zu übertragen. 

«Das Risiko Neuer Züchtungstechnologien hängt grundsätzlich von ihrer Anwendungsform ab», so Studer. Für minimalste Veränderungen (und die Cisgenese) sei es vergleichbar oder kleiner als bei der klassischen Züchtung.

Es braucht Diskussionen zur Gentechnik

«Es ist wichtig, Chancen und Risiken abzuschätzen und darüber zu diskutieren», sagte der angehende Agrotechniker Adrian Metzger, der den Anlass mitorganisiert hatte, im Hinblick auf das Ende des Gentech-Moratoriums (siehe Kasten). An der anschliessenden Podiumsdiskussion zur Gentechnik im Pflanzenbau unter der Leitung der Agronomin Franziska Kuratli kamen vier Teilnehmer(innen) mit verschiedenen Blickwinkeln zu Wort:

Urs Brändli: Der Präsident von Bio Suisse äusserte Skepsis gegenüber NZT: «Es muss für alle die Möglichkeit geben, ohne Gentechnik zu leben». Dazu brauche es Transparenz bezüglich Wahlfreiheit sowie klare Regelungen – auch punkto Haftung für Schäden. Um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten, benötige die Landwirtschaft primär gesunde Böden und nicht neue Züchtungsmethoden, so der Meisterlandwirt. Brändli zeigte sich den NZT gegenüber dennoch nicht gänzlich abgeneigt: Es sei durchaus sinnvoll, damit Erfahrungen zu sammeln, jedoch langsam und nicht mit einem laschen Gesetz.

Christian Ochsenbein: «Wir sehen die vielen möglichen Anwendungen und wollen den neuen Technologien eine echte Chance geben», meinte der vorsitzende Geschäftsleiter der Saatgutfirma Delley Samen und Pflanzen AG (DSP). Er befürchte jedoch, dass man sie hierzulande gar nicht nutzen könne, weil die Gesetzgebung zu restriktiv sei. Eine Umweltrisikoprüfung etwa sei schwierig umzusetzen. «Dies wäre sehr teuer», so der ETH-Agronom. Ochsenbein sprach sich zudem dafür aus, dass die NZT-freie-Züchtung auch in Zukunft möglich sein solle.

Ruedi Vögele: «Es ist eine Frage der Ethik», sagte der Verwaltungsrat der Biosaatgutfirma Sativa. «Es gibt Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen». So solle es auf der Zellebene keine Eingriffe geben. Gerade die Biolandwirtschaft zeige, dass es andere Wege gebe, um zu denselben Resultaten zu kommen. Der Saatgutvermehrer und Biolandwirt nannte als Beispiel erfolgreiche biologisch gezüchtete Weizensorten. Die Wahlfreiheit und Transparenz müssten in einer künftigen Gesetzesregelung gewährleistet werden, so Vögele.

Ursina Winkler Angulo Ortiz: «Es braucht gesetzliche Lösungen, die international anschlussfähig sind», so die Vertreterin des Vereins «Sorten für Morgen». Stünde die Schweiz alleine da, wäre das schwierig für die Saatgutbranche. Die Juristin wies zudem auf den erheblichen Zeitgewinn hin, den Neue Züchtungstechnologien im Vergleich zu herkömmlicher Züchtung hätten. «Gerade angesichts der aktuellen Herausforderungen in der Landwirtschaft drängt die Zeit», sagte Winkler Angulo Ortiz.

Auch wenn die Meinungen auseinander gingen: Für Wahlfreiheit und Transparenz sprachen sich alle vier Teilnehmer(innen) aus. Wie soll es nun weitergehen? Die Landwirtschaft müsse sich genau überlegen, was sie in Bezug auf die Gentechnik wolle, und was sich lohne, meinte Urs Brändli abschliessend. Intensive Diskussionen dazu seien erwünscht.

Gesetzeslage in der Schweiz

In der Schweiz ist die Anwendung von NZT derzeit nicht erlaubt. Seit 2005 gilt ein Gentech-Moratorium, das bereits mehrfach verlängert wurde, zuletzt bis 2030. Letztes Jahr hat der Bundesrat einen Entwurf für ein neues Gentechnik-Gesetz vorgelegt. Dieser sieht die Möglichkeit von risikobasierten Zulassungsverfahren für Pflanzen aus neuen Züchtungstechnologien vor. Vorausgesetzt unter anderem, dass die betreffenden Pflanzen einen Mehrwert bieten und einer Umweltrisikobeurteilung unterzogen werden. Zudem ist am 27. Februar 2026 in Bern die eidgenössische Volksinitiative «Für gentechfreie Lebensmittel» (Lebensmittelschutz-Initiative) eingereicht worden. Diese verlangt, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel gekennzeichnet werden.

Teilnehmer(innen):

An der Podiumsdiskussion «Gentechnik im Pflanzenbau» nahmen teil:
Christian Ochsenbein: Agrarbiotechnologe und vorsitzender Geschäftsleiter bei Delley Samen und Pflanzen AG (DSP).
Ursina Winkler Angulo Ortiz: Juristin und Vertreterin des Vereins «Sorten für Morgen»
Urs Brändli: Meisterlandwirt, Präsident von Bio Suisse
Ruedi Vögele: Landwirt, Verwaltungsrat von Sativa
Franziska Kuratli (Moderation): Agronomin mit einem Master in Ethik, Präsidentin des Vereins «Innovation für nachhaltige Landwirtschaft»