Neugierig scharren sich die jungen Straussenvögel um die Redakteurin. Sie haben an ihr etwas Glänzendes aufblitzen sehen und beginnen daran zu picken. «Sie werden buchstäblich davon angezogen», sagt Urs Ammann. Warum das so ist, kann sich der Straussenzüchter aus Sisseln im Kanton Aargau nicht erklären. Aber als Ablenkung oder Lockmittel eigne sich dieses Verhalten ideal, wenn z. B. die Redakteurin von ihm und den grösseren Exemplaren ein Foto machen möchte.
«Sie sind nach wie vor Wildtiere»
So süss und drollig die Kleinsten auch sind, so gefährlich können die bis zu drei Meter grossen erwachsenen Tiere werden. «Viele Leute machen den Fehler ihnen ins Gesicht zu schauen, dabei ist nicht der zahnlose Schnabel die gefährlichste Waffe, sondern ihr Fuss mit den Krallen», stellt Ammann klar. Ein Schlag kann selbst den stämmigsten Mann tödlich verletzten.
In den 20 Jahren, seit dem der 47-jährige Fricktaler nun Strausse züchtet, sei ihm bis auf ein paar wenige blaue Flecken noch nichts Schlimmes passiert. Domestizieren kann man die Exoten aber nicht. «Wildtier bleibt Wildtier», sagt Ammann. Deshalb ist in der Schweiz für die Zucht des ursprünglich aus Afrika stammenden Laufvogels die Wildtierhaltungsbewilligung vom Kantonstierarzt zwingend. Dazu gehört eine Grundausbildung am Strickhof sowie ein viertägiges Praktikum bei einem etablierten Straussenbetrieb.
Unabhängigkeit von Handel und Kanton
Urs Ammann ist auf einem intensiven Ackerbaubetrieb mit Konservengemüse aufgewachsen. Als er vor 15 Jahren den Betrieb von seinem Vater übernahm, wollte er ihn grundlegend verändern. «Ich wollte weder vom Detailhandel noch vom Bund und Kanton abhängig sein. Sondern einen Betriebszweig aufbauen, wo ich mein Fleisch selbst zu einem fairen Preis vermarkten kann», blickt er zurück. Ammann begab sich auf die Suche nach einem Tier, das eine lange Nutzungsdauer hat, aber wenig Kosten verursacht.
Leidenschaft für Geflügel schon früh geweckt
Als Kind war der heutige Familienvater und Präsident der Straussenvereinigung bereits fasziniert von Geflügel. Er hielt die Hühnerrasse Altenglischer Zwergkämpfer. In den Straussenvögeln fand er für sich das ideale Zuchttier. «Sie werden bis zu 80 Jahre alt und legen Eier bis zu einem Alter von 40 Jahren.»
Am Anfang zogen bei ihm auf dem Hof 20 Straussenvögel der Rasse Zimbabwe-Blauhals ein. Diese gilt als weniger aggressiv, besonders fleischig und erzielt bei einem Schlachtalter von 14 bis 16 Monaten ein Gewicht von 50 bis 60 kg. Etwa 45 kg können als Fleisch verwertet werden. Die 10 bis 15 kg Knochen sind als Tierfutter bei den Kunden beliebt. Mittlerweile leben auf 1,8 Hektaren 30 bis 35 Strausse der Rasse.
Tiere werden nach Alter getrennt
Urs Ammann teilt die Straussenvögel in Gruppen auf. Die jüngsten leben zunächst auf einem Rasenstück hinter dem Haus.

«Wenn ich sie direkt mit den Grossen zusammenlegen würde, würden sie es nicht lange überleben», weiss der Züchter. Denn Strausse leben in klaren Hierarchien. Es werden Rangstreitigkeiten ausgetragen, die wie bei jedem Wildtier grob enden können. Nach etwa 12 Wochen sind die Tiere 60 bis 70 cm gross und kommen in die nächste Altersstufe. Das Gehege liegt ein paar Autominuten von Ammanns Hof entfernt. Denn mitten im Dorf, ist der Platz beschränkt.
Hirsche halten das Gras kurz
Neben den Straussen hält Urs Ammann noch etwa 35 Dammhirsche. Sie leben im gleichen Gehege, aber abgetrennt von den Exoten. Er verkauft auch das Fleisch der Paarhufer, allerdings haben diese noch eine weitaus wichtigere Funktion bei Ammanns Zucht: «Sie halten den Rasen kurz.»


«Mir liegt das Wohl der Tiere am Herzen.»
Urs Ammann setzt nicht auf die Masse, sondern Qualität.
Denn Straussenvögel leben ihrem Ursprung nach in offenen Landschaften wie Savannen und Wüsten und fressen nur vom kurzen Gras. Haben die Hirsche einen Teil der Weide wieder kurz gemäht, wechseln die Tiere das Gehege. Neben dem Gras gibt Ammann den Tieren noch Aufzuchtfutter. «Ein eigenes Rezept der UFA», sagt er. Eine Art Hühnerfutter, dass neben Getreide noch Mineralstoffe enthält. Mit 15 bis 16 Wochen kommen die Jungtiere in die letzte Altersgruppe. Hier bleiben sie, bis sie das Schlachtgewicht erreicht haben.
Weniger Quantität, mehr Qualität
Ammann könnte noch weitaus mehr Strausse auf seinem Areal halten. «Das will ich aber nicht. Mir geht es darum, dass die Tiere sich wohl fühlen und genug Platz haben.

Das zeigt sich auch in der Qualität des Fleisches wieder», sagt der Züchter mit voller Liebe zu seinen Tieren. In all den Jahren musste er nie Medikamente oder Antibiotika geben. Auch schaut der Landwirt besorgt auf sich: «Der Tag hat nur 24 Stunden. Neben den Tieren betreibe ich noch etwa 30 ha Ackerbau und an den Vormittagen meine Autogarage.»
Betriebsspiegel Urs Ammann
Name: Urs Ammann
Ort: Sisseln AGAckerfläche: 34 ha Extenso (10 ha Weizen, 2 ha Gerste,7 ha Raps, 6,5 ha Zuckerrüben, 4 ha Körner- oder Silomais)
Viehbestand:
30 bis 35 Zimbabwe-Blauhals-Strausse, etwa 35 Dammhirsche, 6 Dahomey-Rinder
Strausse müssen mind. zu zweit transportiert werden
Sobald das Schlachtgewicht erreicht ist, bringt Ammann etwa monatlich immer nur zwei bis drei Tiere zum 7 km entfernten Schlachthof. «Strausse sind Herdentiere. Sie einzeln zu transportieren, würde sie nur unnötig stressen», begründet er. Das Zerlegen übernimmt momentan ein Metzger, abgepackt wird das Fleisch von seiner Frau. Zukünftig möchte Ammann, der auch Jäger ist, seine Tiere selbst auf dem Hof schlachten. Dies würde aber noch mit dem Kanton ausgearbeitet.
Fleisch seit Geburt reserviert
Das Fleisch verkauft der passionierte Züchter ab Hof für 48.– pro Kilo. «Die Tiere sind bereits nach dem Schlupf reserviert, so gut ist die Nachfrage bei uns», sagt er stolz. Neue Kund(innen) könne Ammann gar nicht mehr aufnehmen, unmoralische Angebote müsse er abschlagen, sagt er lachend. Nicht einmal für sich würde das Fleisch reichen: «Das letzte Mal, dass ich ein Steak aus meiner Zucht gegessen habe, war vor etwa einem Jahr. Aber hin und wieder kann mir meine Mutter ein paar Fleischkäse abzwacken», sagt er und schmunzelt.
Am Anfang stand Ammann als Aussenseiter da. «Ich wurde belächelt, doch man hat gemerkt, dass selbst die, welche die dümmsten Sprüche rausgehauen haben, neugierig waren.» Es dauerte dann keine zwei Jahre, bis das Straussenfleisch gleich nach dem Schlachten ausverkauft war.
Respekteinflössender Hahn
Neben den Jung- und Schlachttieren besitzt Urs Ammann drei Zuchthennen und einen -Hahn. Sein wertvollstes Gut. Ein Zuchtpaar gibt es ab 5000 Franken aufwärts. «Man kauft die Zuchttiere untereinander, einen Händler gibt es nicht», sagt er.
Eine Henne brütet gerade. Sie hat eine Kuhle in den Sandboden gescharrt.

Der 3 m grosse Hahn stolziert mit seinem tief-schwarzen Gefieder und den weissen Flügelspitzen um sie herum, die Augen stets auf die beiden Beobachter gerichtet. «In der Brunftzeit färben sich seine Beine leuchtend rot, auch der Schnabel. Ihm sollte man dann lieber nicht in die Quere kommen», sagt Ammann.

Er selbst vermeidet auch den direkten Kontakt. Wenn die Eier zur Aufzucht aus dem Nest geholt werden, wird der Hahn abgelenkt. «Wir locken ihn dann mit etwas Glänzendem. Würden wir ihn scheuchen, dann kämen wir nicht gut weg», weiss der erfahrende Züchter.
Aufzucht der Strausse
Henne und Hahn werden ab drei bis vier Jahren geschlechtsreif. Die Henne legt einmal im Jahr zwischen Februar und Juni etwa 30 Eier. Züchter Urs Ammann will das auch nicht ausreizen: «Ich möchte, dass meine Zuchtstrausse noch lange Eier legen können.»

Die bis zu 2 kg schweren Eier werden im Brutkasten bei einer Temperatur von 37,4°C und einer möglichst niedrigen Luftfeuchtigkeit herangezogen. Um den Schlupf einzuläuten, kommen sie nach 38 Tage in den Schlupfkasten. Bei 37,6°C und einer Luftfeuchtigkeit von 80 % schlüpfen sie nach zwei Tagen.
Ärger mit dem Kantönligeist
Obwohl Ammanns Tiere gesund und kräftig aussehen und genug Auslauf haben, macht der Kantönligeist ihm seit geraumer Zeit das Leben schwer. «Die Richtlinien der Wildtierverordnung müssen unbedingt überarbeitet werden. Beispielsweise wurde ich angewiesen, meinen Tieren Wasser rund um die Uhr zur Verfügung zu stellen. Das bereitet bei den Jungtieren aber Probleme, vor allem im Winter, wenn es schlecht abtrocknet, ist dies unschön. Der Stall muss unbedingt hell und trocken sein», begründet er.
Um zu bezeugen, dass so viel Wasser nur schadet, hielt er sich an die Auflage. «Die Jungtiere tranken und tranken bis es ihnen hinten und vorne wieder rauskam. Sie standen nun in ihrem eigenen Dreck und waren verklebt. Für das Wohlbefinden war das sicherlich nicht förderlich», ist er überzeugt.
In der Wüste kommen Strausse tagelang nicht an Wasser. Wenn es ihnen einmal zur Verfügung steht, nehmen sie was sie kriegen können. Ammann ist nun mit den zuständigen Behörden von Bund und Kanton in Verbindung, um diese Missstände ganz im Sinne des Tierwohls zu klären. «Ich kämpfe weiter für meine Tiere, denn bei mir kommt das Tier immer zuerst.»
Die nächste Grundausbildung am Strickhof für die Haltung von Laufvögeln findet vom 26.8. bis 30.9.2022 statt.

