Im thurgauischen Weiler Ifwil bei Bichelsee-Balterswil leben seit gut zwei Jahren Strausse. Mitte April schlüpften die ersten zwei Straussenküken. Ende Monat folgten zwei weitere. Die Familie Schwager freut sich riesig. Namen haben die beiden zuletzt geschlüpften Bibeli noch keine. Bei unserem Besuch sind sie drei Tage alt. Zusammengekauert sitzen sie auf dem weichen Frotteetuch unter der Wärmelampe. Ihre bräunlichen Federn ähneln fransigen Putzfäden. Sie sind zerzaust und erinnern eher an einen Igel als an ein Straussen-Bibeli. Hin und wieder will das eine oder andere Küken aufstehen, torkelt ein paar Schrittchen und fällt hin. Noch sind die Beiden nicht sicher auf den kurzen Beinchen. Auf der anderen Seite der Kinderstube, die Claudia und Jakob Schwager den Küken in der Remise eingerichtet haben, tummeln sich die beiden Straussenbabys, die einige Tage früher geschlüpft sind.
Ein Vogel, der nicht fliegt
Der Strauss ist ein Fluchttier. Bei Gefahr steckt er nicht den Kopf in den Sand, sondern ergreift die Flucht. Seine Laufgeschwindigkeit beträgt bis zu 70 Kilometer pro Stunde. Strausse sind Pflanzenfresser. Jungtiere haben anstelle eines Eizahns einen starken Nackenmuskel, der sich nach dem Schlupf zurückbildet. Ein Ei wiegt ungefähr 1500 Gramm. Das entspricht ungefähr dem Gewicht von 25 Hühnereiern. Die Straussenhaltung ist ein Nischenbetriebszweig. Die Halter sind in einem Verband organisiert. Es gibt in der Schweiz ungefähr ein Dutzend Betriebe mit Zuchttieren.
Langes Warten
42 Tage waren die Eier im Brutkasten, wurden kontrolliert, gehegt und gepflegt, bis es dann endlich losging: Die dicke Schale des grossen, gegen zwei Kilogramm schweren Eis bekamen Risse, man hörte das Klopfen des Kükens, das die harte Schale mit dem hinteren Teil des Nackens aufzubrechen versuchte. «Wir konnten es kaum erwarten», erzählt das Ehepaar Schwager. Es brauche viel Fingerspitzengefühl und eine grosse Portion Glück, wenn es mit der Befruchtung und dem Schlüpfvorgang klappen soll, verraten sie.
Und wie es geklappt hat. Die beiden dreiwöchigen Straussenkinder zeigen sich in ihrer schönsten Pracht. Das braune Gefieder steht immer noch bisschen struppig vom Rumpf ab. Um so eleganter sind die langen Hälse im sehr aparten Leopardenmuster. Stolz spazieren die Beiden durch ihre helle Behausung und lassen sich problemlos auf den Arm nehmen, um sich mit Claudia und Jakob Schwager fotografieren zu lassen.
Start im Herbst 2017
«Wir sind stolz, dass der Schlüpfvorgang geklappt hat, nun sind wir auch für die kommende Aufzucht zuversichtlich», sagt das Paar. Claudia und Jakob Schwager bewirtschaften seit zehn Jahren einen Milchwirtschaftsbetrieb in Ifwil. Vor ein paar Jahren, als sich der Milchpreis immer mehr nach unten bewegte, habe man neben den 35 Milchkühen nach einem zusätzlichen Standbein gesucht, erzählt Jakob Schwager. So sei man bei den Straussen gelandet, fügt seine Frau bei. Im Herbst 2017 kamen die ersten 20 Strausse im Alter von ungefähr drei Monaten auf den Hof. Der Weg dahin war lang, das Bewilligungsverfahren mühsam. Gut zweieinhalb Hektaren Land wurden mit einem 180 Zentimeter hohen Zaun eingezäunt. Zudem absolvierte der Landwirt Weiterbildungen zur artgerechten Haltung dieser Wildtiere in Deutschland und in der Schweiz.
Im vergangenen Herbst, die Strausse waren nun 14 Monate alt und ungefähr 100 Kilogramm schwer, konnten die ersten Tiere zum Metzger geführt werden. Dieser Vorgang muss ruhig und stressfrei für die Tiere verlaufen. Deshalb fährt Jakob Schwager die Tiere ins Schlachthaus der Metzgerei Kohler im benachbarten Sirnach. Das Fleisch, ungefähr 35 Kilogramm, wird dann in der Metzgerei Keller und Führer in Wil konfektioniert und im Hofladen in Ifwil verkauft. «Die Nachfrage ist gross», sagt Claudia Schwager. Die Kundschaft liebt das gesunde, cholesterin- und fettarme Fleisch. Optisch ähnelt es dem Rindfleisch. Geschmacklich bewegt es sich laut Claudia Schwager zwischen Rind- und Pferdefleisch. Vom Preis her ist Straussenfleisch mit Kalbfleisch vergleichbar. Aus den Überresten des geschlachteten Strausses wird Hundefutter hergestellt und das Straussenfett verarbeitet die Bäuerin zu einer Salbe für trockene Haut.
Anspruchsvolle Haltung
Heute leben gegen 30 Strausse auf dem Hof. Zwei Zuchthähne sind dafür besorgt, dass ihre Damen während der Saison, zwischen März und Oktober, genügend Eier legen. Noch sei das Ausbrüten mit dem entsprechenden Apparat absolut keine Selbstverständlichkeit, verrät Jakob Schwager. Man habe sehr viele Eier gebraucht, bis die vier Küken nun gesund und munter geschlüpft seien, sagt er. Auch heute wisse man noch nicht, ob das Futter, die Mineralstoffe, die Bruttechnik oder die Genetik die Wahrscheinlichkeit der Befruchtung beeinflussen. Deshalb sind Claudia und Jako Schwager sehr darauf bedacht, dass es ihren Tieren gut geht. Ständige Auslaufmöglichkeit ins Freie, ein geschützter Liegeplatz, hofeigenes, gehäckseltes Futter, wenig mineralisiertes und vitaminisiertes Kraftfutter sind eine Selbstverständlichkeit. Weil den exotischen Vögeln die Magensäfte fehlen, sind sie zudem auf Kies angewiesen. Dieses hilft ihnen, das Futter zu zermahlen, um es überhaupt aufzunehmen.
Der Chef setzt sich in Pose
Während Claudia und Jakob Schwager über ihre Strausse sprechen, spaziert einer der beiden Hähne mit hoch erhobenem Kopf dem hohen Zaun entlang. Er zeigt sich gerne und trägt den Kopf hoch. Enzo weiss es: Er ist der Chef. Seine Beine und sein Schnabel leuchten rot. Zusammen mit der Straussendame seiner Wahl geniesst er den Morgenspaziergang und lässt sich sogar zum Balztanz bitten. Er schüttelt das riesige Gefieder, geht in die Hocke. Der staubige Boden umhüllt kurz seine langen Beine, die er mühelos ineinander verbiegt – um kurze Zeit später, hocherhobenen Hauptes von dannen zu ziehen, mit seiner momentanen Herzensdame im Schlepptau. Es ist Paarungszeit.

