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Einigkeit an der Konsumententagung: Weniger, aber nicht gar kein Fleisch mehr

Die Zukunft isst flexitarisch, wovon Umwelt, Klima und Gesundheit profitieren, so der Tenor an der 12. Migros-Konsumententagung. Für eine gesunde Ernährung sei Fleisch heute kein Muss mehr, zur effizienten Ressourcennutzung mache die Produktion aber Sinn.


Publiziert: 04.11.2020 / 18:20 | Aktualisiert: 05.11.2020 / 13:51

Kreative Mottos zogen sich durch die Konsumententagung der Migros und des Europainstituts der Universität Zürich, vom Titel der Veranstaltung (»Erbsenburger für 10 Milliarden Erdenbürger?») bis zu den einzelnen Referaten. Das Thema an sich aber ist ernst, und es betrifft eine persönliche Entscheidung, die jedermann täglich mehrmals treffen muss: Was soll man unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeit, der eigenen Gesundheit und Vorlieben essen?

Verhalten ändern, und zwar sofort

Ein Verzicht auf Fleisch oder auch die Reduktion des Konsums könne einen wesentlichen Beitrag zur Reduktion des Klima-Fussabdrucks der Schweiz leisten, führte Anderas Fischlin aus. Fischlin ist Vize-Präsident des Weltklimarats. Der Klimawandel gefährde die Versorgung mit Nahrungsmitteln, warnte er eindringlich und erinnerte an den Dürre-Sommer 2018. «Bei einer globalen Erwärmung um 2 Grad werden solche Sommer zur Norm», so Fischlin. Je länger mit einer Verhaltensänderung zugewartet wird, desto mehr freigesetzte Treibhausgase müssten in Senken gebunden werden, die womöglich nicht dazu ausreichen würden. Bei der Landwirtschaft, die entscheidend durch die Ernährung gesteuert wird, sieht der Forscher einen grossen Hebel: «Die Landwirtschaft ist für rund 30 Prozent der Netto-Emissionen verantwortlich, der Luftverkehr hingegen macht nur 2 Prozent des weltweiten Klima-Fussabdrucks aus», erklärte er. Man müsse weniger Fleisch essen, aber eine gewisse nachhaltige Art der Tierhaltung sollte durchaus noch möglich sein, schloss Firschlin. 

An der Haltung von Wiederkäuern hängt mehr als nur Fleisch

Manfred Bötsch, seines Zeichens Nachhaltigkeitsberater und Agrarexperte, ging in seinem Vortrag der Frage nach, was die Aufgabe der Wiederkäuerhaltung in der Schweiz für Auswirkungen hätte. Unter dem Titel «Es grast auf der Alp die Tofuwurst» stellte er klar, dass es ohne Rinder, Schafe und Ziegen in der Schweiz viele neue Probleme gäbe, die uns weiter von der Nachhaltigkeit entfernen würden:

Boden: «Ohne Kühe liegen in der Schweiz 600'000 Hektaren Grünland brach, die nicht für den Ackerbau verwendet werden können», so Bötsch. Dies aus bodenkundlichen, topografischen oder klimatischen Gründen. Und sowieso, «diese Fläche unter den Pflug zu nehmen, wäre eine noch grössere ökologische Katastrophe», betonte er. Ehemalige Wiesen und Weiden würden somit entweder zu Wald (was dem Klima auch nicht auf Dauer helfen würde) oder bebaut.

Land: Beim Thema Land führte der Agrarexperte die Agrarfläche pro Kopf an. Ohne die Nutzung von Grünland würde diese weiter sinken, auf einen bedenklichen Wert von noch 8-9 Aren pro Kopf, so Bötsch. «Und wer soll das Kleegras fressen, das in der Fruchtfolge wichtig ist? Woher kommt der Dünger für die Ackerkulturen?», fragte er in den Livestream hinein und verwies ausserdem darauf, dass Grasland Humus aufbaue. Auch Bio ist in seinen Augen keine Lösung, dieses System verdopple nämlich die Treibhausgas-Emissionen, den Wasser- und Flächenverbrauch für die Nutztierhaltung. 

Wasser: Die Schweizer Landwirtschaft basiere fast nur auf Regenwasser, der Wasser-Fussabdruck sei grösstenteils importiert. Zwar gebe es in Regionen mit viel Tierhaltung in der Schweiz Qualitätsprobleme hinsichtlich Phosphor im Wasser, beim Nitrat hingegen seien Ackerbaugebiete stärker betroffen. Manfred Bötschs Bilanz beim Thema Wasser fiel daher durchzogen aus.

Soziales: Hier fand der Verlust von Arbeitsplätzen, bäuerlichen Betrieben vor allem in der Bergzone und Kulturgut Erwähnung sowie auch der Selbstversorgungsgrad. «Ohne tierische Produktion fällt der Schweizer NettoSelbstversorgungsgrad von heute 50 auf 35 Prozent, was mehr Importe bedeuten würde», warnte er. 

Biodiversität: Da Alpweiden und Wiesen mehr Biodiversität haben als z. B. Wälder sieht der Agrarexperte auch negative Auswirkungen auf die Biodiversität, sollte die Tierhaltung in der Schweiz aufgegeben werden. 

Klima: Hier sähe Bötsch eine Verbesserung. «Man könnte den Anteil der Landwirtschaft an den Treibhausgas-Emissionen der Schweiz von heute 13 auf etwa 9 Prozent senken», schätzt er. Trotzdem, das Klimaproblem sei auch ohne Kühe nicht gelöst.

Als bessere Lösung empfiehlt Manfred Bötsch, nach der Lebensmittelpyramide der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung zu essen. «Ein um 50 Prozent reduzierter Fleischkonsum passt in mein agronomisches Bild, aber nicht, dass man Ressourcen ungenutzt lässt», fasste er zusammen. Grasland gelte es für Wiederkäuer und primär zur Milchproduktion zu nutzen, da Menschen nach wie vor nicht gesunder Weise ins Gras beissen können. 

Die Politik zögert – der Ball ist bei der Bevölkerung

«Das Steak ist nicht die neue Rolex, es ist die alte Luxusuhr. Pflanzliche Proteine hingegen sind die neue Smart Watch und damit die Zukunft», führte Franziska Schwarz, Vize-Präsidentin des Bundesamts für Umwelt aus. Von Vorschriften in Sachen Ernährung hält Schwarz wenig «man kann die Konsumierenden nicht vor sich selber schützen.» Das sehe man aktuell gerade mit der ganzen Diskussion um die Maskenpflicht wegen der Corona-Pandemie. Da die Politik eher zögerlich vorgehe und vor grösseren Schritten scheue, müsse die Transformation zu einer nachhaltigeren Ernährung aus der Mitte der Bevölkerung kommen. «Nur durch eine Reduktion von Food Waste kommen wir nicht weiter», meinte sie. Franziska Schwarz übte darüber hinaus Kritik an der Absatzförderung von Proviande, welche staatlich gefördert wird: Marketing müsse in Einklang mit der Ernährungspyramide gebracht und auch Rohkost mehr geschätzt werden.

Zu mehr Gemüse und weniger Fleisch stupsen

In ihrem Vortrag legte die Ernährungswissenschaftlerin Melanie Loessner einen Schwerpunkt auf das sogenannte Nudging. Dabei geht es darum, bei einer Entscheidung dem Konsumenten zwar alle Optionen offen zu lassen, aber die Situation so zu verändern, dass eher die richtige – das heisst nachhaltigere – Wahl getroffen wird. «Ein Beispiel wäre, dass man an einer Tagung das Fleischlose Menü als Tagesmenü anbietet und eine Fleischhaltige Variante als Option statt umgekehrt», illustrierte sie. Studien hätten gezeigt, dass erstere Variante zu einem geringeren Fleischkonsum führe.

Als allgemeine Motive für den Verzicht auf Fleisch nannte Loessner:

  • Gesundheitsaspekte
  • Schnäppchen-Jagd
  • Umwelt, Klima und Tierwohl
  • Geschmack
  • Vertrauen in Marken und Trendbewusstsein

Bestimmend für das Ernährungsverhalten sei heute vor allem die Individualisierung. «Mit der Art und Weise, wie man isst, will man sich heutzutage von anderen abgrenzen», erklärte sie. Für die Gesundheit sei der Fleischverzicht kein Problem, stimmte sie ihren Vorredner, dem ETH-Doktorand Lukas Böckner zu. Den Kalorienbedarf könne man problemlos ohne Fleisch decken. Böckner ist im  im Bereich der nachhaltigen Lebensmittelverarbeitung tätig und erläuterte das Potenzial pflanzlicher Proteine für die Gesundheit und jenes von auf Nebenprodukten gezüchteten Insekten als Tierfutter. 

Fleischimitate sind eine Momentaufnahme

Eliana Zamprogna, Chief Technology Officer der M-Industrie ging unter anderem der Frage nach, warum man nicht einfach Hülsenfrüchte wie Soja essen könnte, statt aufwendig Burger und Ähnliches daraus herzustellen. «Das ist eine berechtigte Frage», meinte sie. In Indien beispielsweise, wo Vegetarismus weit verbreitet sei, habe die ganze Gesellschaft genau diesen Weg genommen. «Aber in der westlichen Gesellschaft sehnt man sich eben auch bei einer Entscheidung zum Fleischverzicht nach dieser Textur, der Saftigkeit», erklärte sie. Man habe entsprechende Gewohnheiten. Daher werde intensiv daran gearbeitet, das Protein aus Soja, Weizen oder Erbsem zu extrahieren und mit immer neuen Verfahren zu etwas Fleischähnlichem zu machen.

Dieser Wunsch nach möglichst guten Fleischnachahmungen sei aber eine Momentaufnahme. In Zukunft könnten weniger verarbeitete Produkte gefragter werden. «Es wird eine Vielfalt von Produkten geben und nicht einen einzelnen Gewinner», schloss Zamprogna.  

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