DossierDossierGraswachstumMittwoch, 26. April 2023 «Aggressive grazers», aggressive Weider. So nennen die Neuseeländer die Kühe der Rassenkreuzung Kiwicross. «Das trifft sicher zu», sagt die Biolandwirtin Susanne Käch. In grossen Schritten schreitet sie auf die Parzelle, auf der ihre 73 Kiwicross das saftige Gras abweiden. Seit vier Wochen sind sie tagsüber und in der Nacht auf der Weide. Zusammen mit ihrem Mann Joss Pitt und ihrem Sohn Raphael führt sie einen Vollweidebetrieb mit Umtriebsweiden in Gampelen.

Vorher alles von Hand

Einmal wöchentlich erhebt sie mit dem Messgerät Grasshopper die Trockensubstanz (TS) pro Hektare. Die erhobenen Daten erlauben ein besseres Management der Umtriebe. Vor dem Grasshopper notierte Susanne Käch die Werte jeder Parzelle von Hand. Die Umstellung von der manuellen Erfassung auf das digitale System verlief entgegen der Erwartung der Landwirtin problemlos. «Ich hatte zuerst meine Reservationen gegenüber der digitalen Messung, aber mittlerweile bin ich zufrieden damit.»

Überschuss oder Defizit?

Per Knopfdruck kann die Nutzerin die erfassten Daten vom Messgerät auf das Mobiltelefon und auch den Computer laden und auswerten lassen. Die Grasmengenschätzung gibt an, ob auf den Weiden ein TS-Überschuss oder ein Defizit vorherrscht. Diese Daten helfen dem Betriebsleiterpaar, zu sehen, ob das Gras zu alt wird und man den Futtervorrat vor sich hinschiebt, was wiederum dessen Qualität verringert: «Zu spät geweidetes Gras ist weniger verdaulich und führt zu Futterresten. Diese wiederum beeinträchtigen die Schmackhaftigkeit und den Energiegehalt der Folgenutzung», erklärt Käch. Entsprechend entscheiden sie auf dem Betrieb, welche Koppeln sie für die Konservierung ausscheiden und in welcher Reihenfolge geweidet wird. Susanne Käch ist überzeugt, dass Weidebetriebe, denen die Grasqualität wichtig ist, viel vom Grasmessen profitieren können. «Die Weide ist das günstigste Futter.»

Käch-Pitts messen seit 2002

Mit diesem Grundsatz vor Augen arbeitet die Familie Käch-Pitt seit 2002 und in Sachen Grasmessung lernen sie ständig dazu. Einer der Vorteile der Dokumentation ist es, Erfahrungen aus den Vorjahren zu nutzen und bessere Entscheidungen zu treffen. «Mit den Jahren sammeln sich Informationen an, mit denen wir unser Management ständig optimieren können», sagt Susanne Käch, während sie am Laptop die Daten des Vortages analysiert.

«Das Grasmessen hat den Betrieb verändert»

«Wir haben mit dem systematischen Grasmessen begonnen, weil vor rund 15 Jahren eine Studentin ihre HAFL-Diplomarbeit darüber verfassen wollte und einen Betrieb dazu suchte», blickt Käch zurück. Ihr Ziel war es, ein professionelles Vollweidemanagement mit dem dazugehörigen wöchentlichen Grasmessen auf einen Schweizer Betrieb anzuwenden und dessen Machbarkeit zu testen. «Damals dachten wir, wir würden bereits alles richtig machen – nie hätten wir geglaubt, dass sich das wöchentliche Grasmessen tatsächlich lohnen würde und es unseren Betrieb verändern könnte», erzählt Käch und blättert durch die Diplomarbeit.

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Sie lernten, wie durch die Kenntnis des wöchentlichen Graswachstums die Weiden besser geführt werden können und sich dadurch die Grasqualität verbessert. «Dies führt zu besseren, persistenteren Milchleistungen und einer höheren Flächenproduktivität», so Susanne Käch.

Weide als Dessert

Sie ist sich aber bewusst, dass das systematische Grasmessen nur für Weidebetriebe interessant ist, bei denen sich die Fütterung grösstenteils draussen abspielt und nicht im Stall. «Für Betriebe, die ihre Kühe nur für den Auslauf oder das Dessert rauslassen, spielt die Qualität der Weide nur eine Nebenrolle», findet die Biolandwirtin. «Bei uns hingegen ist hochverdauliches und schmackhaftes Gras zentral.»

Bedarfskurve ist auf das Futterangebot angepasst

Weil die Herde saisonal abkalbt, sind die Kühe im Winter während rund zwei Monaten trockengestellt. Entsprechend sind die Bedarfskurve der Kühe und die Kurve des Futterangebots auf den Weiden gut aufeinander abgestimmt, erklärt die Landwirtin. Im Winter füttern sie Grassilage und Ökoheu, als Lockfutter für den Melkstand greifen sie auf mineralisierte Luzerne zurück.