Weidegras ist mit Abstand das günstigste Futter für den Wiederkäuer: Die Futterkosten pro Kilogramm Milch sind in etwa halb so hoch wie für Grassilage oder Dürrfutter. Weil die Futterkosten in der Milchproduktion auf einem durchschnittlichen Schweizer Milchwirtschaftsbetrieb rund die Hälfte der Voll-kosten ausmachen, müssen den Futterkosten auch in der Milchproduktion einen hohen Stellenwert eingeräumt werden.

Wann ist der optimale Zeitpunkt?

Die Kostenvorteile der Weide kommen jedoch nur zum Tragen, wenn dank eines aktiven Weidemanagements immer Weidegras in bester Qualität geweidet werden kann. Dies kann gewährleistet werden, indem eine Weidefläche immer zum optimalen Zeitpunkt beweidet wird. Doch wann ist dieser Zeitpunkt? Genau dann, wenn das Gras noch ausschliesslich grüne Blätter hat. Sobald ein Blatt am Gras abstirbt, geht wertvolle Biomasse verloren. Diesen optimalen Zeitpunkt bei jedem Weidedurchgang richtig zu treffen, ist die hohe Kunst des guten Weidemanagements. Hinzu kommt, dass jeden Tag aufs Neue Weidegras im optimalen Stadium für die Kühe bereitgestellt werden muss.

Kernfrage: Wie wird sich das Gras entwickeln?

DossierDossierGraswachstumMittwoch, 26. April 2023 Bei Weiden mit Englischem Raigras als Leitgras dauert die Wachstumsphase vom Abweiden bis zum nächsten Auftrieb der Kühe rund drei Wochen. Entsprechend muss ein aktives Weidemanagement immer versuchen, abzuschätzen, was in den nächsten drei Wochen auf den Weiden alles passieren wird. Dazu muss in einem ersten Schritt bekannt sein, was aktuell an Weidegras auf den zur Verfügung stehenden Weideflächen bereitsteht.

Weiter muss der Bedarf der Herde bekannt sein und – nun kommt der kniffligste Teil – es muss abgeschätzt werden, wie hoch das Graswachstum in den nächsten Tagen ausfallen wird. Wobei das Graswachstum bekanntlich von sehr vielen Faktoren abhängt und in keinem Jahr gleich ausfällt. Entsprechend sinn- und wertvoll ist deshalb das regelmässige Publizieren von Graswachstumszahlen für alle Betriebe, welche ihre Weiden aktiv bewirtschaften möchten.

Herbometer sieht man hierzulande selten

Ohne regelmässiges Messen der Grasmengen auf den Weiden ist ein aktives Weidemanagement nicht möglich. Für das Messen der Grasmengen stehen unterschiedliche Methoden zur Verfügung, wobei der sogenannte Platten-Herbometer am besten etabliert ist.

Heute gibt es Geräte, welche mit dem Handy verbunden werden; somit sind die Resultate auf dem Handy direkt einsehbar. Dank GPS kann sich der Herbometer im Gelände lokalisieren und weist die Messungen direkt der richtigen Koppel zu. Noch sind diese Geräte in der Schweiz sehr selten auf den Betrieben anzutreffen. Mit ein Grund könnte sein, dass die Genauigkeit der Messung unter schweizerischen Bedingungen mit heterogenen Naturwiesenbeständen und der hügeligen Topografie einiges an Erfahrung bedingt, damit die Resultate korrekt interpretiert werden können.

An der HAFL ein Modell entwickelt

Ein möglicher Lösungsansatz wäre das Messen der Grasmenge auf der gesamten Weidefläche, anstelle von nur rund 25 Punkten. Im Rahmen eines interdisziplinären Projektes haben wir an der HAFL dazu das Modell «estiGrass3D+» entwickelt: Mithilfe einer Drohne mit Multispektralkamera und RTK-Positionierungstechnologie sind wir nun in der Lage, die Weidegrasmenge mit einem Überflug auf der gesamten Weidefläche abzuschätzen.

Zur Person: Michael Sutter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gruppe Graslandnutzung und Wiederkäuersysteme an der HAFL und bewirtschaftet einen Milchwirtschaftsbetrieb.