Die ganzjährige Anbindehaltung von Rindern soll in Deutschland verboten werden. Jedoch sind die Pläne für ein striktes Verbot nach dem Scheitern der Ampelkoalition unsicher. So wurde ein geplantes Verbot ab 2030/2035 durch den neuen Landwirtschaftsminister Alois Rainer gestoppt. Dennoch will Aldi Süd in Deutschland Milch aus den Haltungsformen 1 und 2 aus dem Sortiment nehmen. Die Stufe 1 entspricht dem gesetzlichen Mindeststandard (Stallhaltung), während Stufe 2 (Stallhaltung Plus) leicht erhöhte Anforderungen an Platz und Beschäftigung stellt. Wie sieht es in der Schweiz aus? Könnte der Discounter auch hier Druck auf die Anbindehaltung aufbauen?

In der Schweiz klar verboten

Hierzulande ist die ganzjährige Anbindehaltung strikt verboten. Nach wie vor gibt es aber viele Betriebsleiter, die den Anbindestall für ihren Betrieb als das ideale Stallsystem empfinden. Die BauernZeitung hat nicht nur bei Aldi nach den Plänen nachgefragt, sondern auch bei anderen Detailhändlern, in der Branche und bei der IG Anbindestall.

Aldi verweist auf Gesetzgebung und macht Hoffnungen

Aldi Suisse macht Bauernfamilien mit einem Anbindestall mit ihren Aussagen Hoffnung: «Wir beziehen unsere Milch aus der Schweiz und sind unabhängig von Aldi Süd in Deutschland», hält die Medienstelle von Aldi Suisse auf Anfrage fest. Man orientiere sich bei der Beschaffung der Produkte an der Schweizer Gesetzgebung. «Unsere Kundschaft wird weiterhin die Wahl zwischen Milch aus verschiedenen Haltungsformen haben», so die Medienstelle. Dennoch liege Aldi Suisse das Tierwohl am Herzen und man arbeite eng mit den Lieferanten zusammen. Dabei orientiere man sich an den geltenden Tierwohlstandards.

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Ein grosser Unterschied zu Deutschland

Auch Thomas Knutti, Präsident der IG Anbindestall, hat von den Plänen von Aldi Süd gehört: «Die Situation in der Schweiz unterscheidet sich deutlich von jener in Deutschland und der EU», hält er fest. Denn hierzulande werde nach wie vor ein beträchtlicher Teil der Milch von angebundenen Kühen produziert. Gleichzeitig steige der Milchkonsum aufgrund des Bevölkerungswachstums, während die inländische Produktion tendenziell zurückgehe. 

«Die Nachfrage nach Schweizer Milch bleibt also hoch», so der IG-Präsident. Ein Verbot der Anbindehaltung in der Schweiz hätte weitreichende Konsequenzen, insbesondere für die kleinstrukturierten Betriebe im Berggebiet. «Der politische Rückhalt für diese Betriebe ist derzeit zwar gross, doch ein Verbot würde viele von ihnen existenziell treffen», ist sich Knutti sicher. 

Tausende Höfe müssten aufgegeben werden, arbeitsintensive Flächen würden nicht mehr bewirtschaftet und Alpen könnten nicht mehr bestossen werden. «Die Folgen wären auch landschaftlich und ökologisch gravierend: Die Berggebiete würden verbuschen und verwalden, wertvolle Kulturlandschaften gingen verloren und damit auch wichtige Lebensräume für zahlreiche bedrohte Tier- und Pflanzenarten», hält er fest.

Ein fester Bestandteil

Ein Verbot der Anbindehaltung im Ausland könnte auch Auswirkungen auf die Schweiz haben, befürchtet Thomas Knutti: «Ein Verbot könnte dazu führen, dass einzelne Akteure, zum Beispiel Detailhändler, versuchen, zusätzlichen Druck auf die Schweizer Landwirtschaft auszuüben», sagt der Präsident der IG Anbindestall. Doch moderne, weiterentwickelte Anbindeställe mit regelmässigem Weidegang würden ein hohes Mass an Tierwohl und Kuhkomfort bieten. «Deshalb ist davon auszugehen, dass diese Haltungsform auch künftig ein fester Bestandteil der Schweizer Landwirtschaft bleiben wird», hält Knutti fest.

Die Hausaufgaben gemacht

Dies sieht auch Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch (BOM), so: «Mit dem grünen Teppich haben wir Gewähr, dass in der Schweiz ausschliesslich Milch in tierfreundlicher Stallhaltung produziert wird. Damit haben wir unsere Hausaufgaben gemacht», sagt er. Genauso wie in der Schweiz sei die Anbindehaltung auch im deutschen Alpenraum weit verbreitet. Kohler geht davon aus, dass diese Stallform in Kombination mit grosszügigem Auslauf als gleichwertig betrachtet werden wird. 

Auch ein Exportverbot von Schweizer Milchprodukten sei für ihn nicht vorstellbar. «Denn dann müsste auch ein Grossteil des süddeutschen, österreichischen oder italienischen Käses verboten werden», so der BOM-Geschäftsführer. Darum sehe er die Diskussion rund um die Anbindehaltung in der Schweiz als abgeschlossen. «Die Anbindehaltung ist ein Kulturgut und in Verbindung mit dem RAUS-System ist es auch eine tierfreundliche Haltungsform», sagt Kohler. Denn im Januar 2024 habe man mit dem obligatorischen Grünen Teppich einen Grundstein für eine flächendeckende, tierfreundliche Basis gelegt.

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«Keine entsprechenden Absichten» bei Coop

Und wie sehen die Pläne bei Coop und Migros betreffend der Milchbeschaffung aus der Anbindehaltung in der Schweiz aus? «Bei Coop gibt es derzeit keine entsprechenden Absichten, keine Milch mehr aus der Anbindehaltung zu kaufen», sagt Céline Venetz von der Coop-Medienstelle. So fördere der Bund mit dem RAUS-Programm die Tierhaltung, wobei den natürlichen Bedürfnissen der Nutztiere Rechnung getragen werde. 

Coop arbeite zudem eng mit IP-Suisse und Bio Suisse zusammen, deren Richtlinien eine verpflichtende Teilnahme am RAUS-Programm verlangen. «Eine grosse Mehrheit unseres Milchsortiments trägt eines dieser Labels mit», hält die Mediensprecherin fest. Weiteren Bestrebungen innerhalb der Branche stehe man offen gegenüber.

Migros mit klarer Haltung zugunsten des Tierwohls

Ähnlich tönt es seitens der Migros: «Die Migros engagiert sich stark für das Tierwohl und kauft ausschliesslich Milch von Produzenten, die am RAUS-Programm teilnehmen (IP Suisse, Bio Suisse, Demeter usw.). Dieses Programm stellt sicher, dass die Tiere regelmässig Auslauf ins Freie haben», schreibt deren Mediensprecher Andy Zesiger. Die Migros fördere damit eine Maximierung der Auslaufzeit bei der Milchkuhhaltung und unterstütze nachhaltige und tierfreundliche Produktionsweisen. 

Die Anbindehaltung sei in der Schweiz aufgrund der spezifischen Gegebenheiten, wie z. B. in Berggebieten, erlaubt. Die minimalen Auslauffrequenzen und -perioden seien zudem gesetzlich geregelt. Doch der Trend sei klar: «Bei Milch und Milchprodukten geht es klar in Richtung Nachhaltigkeit und Tierwohl. Kundinnen und Kunden bevorzugen zunehmend Produkte mit Labels wie Bio Suisse, IP-Suisse oder Demeter», hält Zesiger fest. 

Zudem steige die Nachfrage nach laktosefreien Produkten und pflanzlichen Alternativen wie Hafer-, Mandel- oder Sojadrinks. «Die Migros reagiert auf diese Trends, indem sie ihr Sortiment entsprechend erweitert und nachhaltige Produktionsmethoden fördert», so der Mediensprecher.

Gefragt ist vor allem Milch von Labels

Diesen Trend beobachten auch Aldi und Coop: Am häufigsten verkauft Coop Milch mit dem Label IP-Suisse, gefolgt von Milch des Labels Bio Suisse. Bei Aldi ist es die Bio-Eigenmarke Retour aux Sources, deren Anteil stark zunimmt. «Sehr beliebt bei unserer Kundschaft ist die Bio-Vollmilch past. 3.9 % von Retour aux Sources», hält die Aldi-Medienstelle fest. Aber auch Milch von IP-Suisse-Betrieben werde nachgefragt.

Für Thomas Knutti, IG Anbindestall, steht ausser Frage, dass die Nachfrage nach Schweizer Milch hoch bleibt. «In den vergangenen Jahren hat die Schweizer Landwirtschaft stark in das Tierwohl investiert», sagt er. So würden Kühe in Anbindeställen über komfortable Liegeflächen, etwa in Form von Strohbettungen, verfügen. 

Zudem profitierten sie auch von regelmässigem Auslauf. «Im Unterschied zu gewissen EU-Ländern, wo Kühe teilweise ganzjährig angebunden sind, gelten in der Schweiz strengere Vorgaben. Dieses Niveau wird auch von den Konsumentinnen und Konsumenten wahrgenommen und geschätzt, weshalb die Anbindehaltung hierzulande auf einem stabilen Fundament steht», ist Knutti überzeugt. Für ihn bleibt es wichtig, den Kontakt zu den Detailhändlern zu intensivieren.

Den Milchmarkt gemeinsam besprechen

«Mit Aldi planen wir, den Kontakt wieder aktiv aufzunehmen, um die Entwicklungen im Milchmarkt gemeinsam zu besprechen», hält Thomas Knutti fest. Klar sei: Wenn Aldi in der Schweiz weiterwachsen möchte, bleibe das Unternehmen auf die Zusammenarbeit mit allen Milchproduzenten angewiesen – unabhängig von der jeweiligen Haltungsform. «Dabei ist uns wichtig, zu betonen, dass es nicht um ein Gegeneinander verschiedener Haltungssysteme geht. Vielmehr soll jeder Landwirtschaftsbetrieb die unternehmerische Freiheit behalten, die für ihn passende Haltungsform zu wählen – sei es ein Laufstall oder ein Anbindestall», sagt der IG-Präsident abschliessend.