Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) sieht bei Milchvieh und in der Kälbermast dringenden Handlungsbedarf. In seinem Bericht zu den Daten des Antibiotikaverbrauchs für das Jahr 2024 hält es fest: Bei beiden Kategorien müssen Ansätze entwickelt werden, die den Antibiotikaverbrauch ohne negative Effekte auf Tiergesundheit und Tierwohl senken. 

Denn anders als bei Schweinen, wo der Verbrauch seit Jahren sinkt, zeigt sich bei Rindern kein abnehmender Trend.

Euter- und Atemwegserkrankungen werden mit Antibiotika behandelt

Die Zahlen illustrieren das Problem. Die höchste Anzahl Tierbehandlungen pro 1000 Tiere verzeichnen laut BLV-Bericht 2024 die Milchkühe, gefolgt von Rinderaufzucht und -mast. Bei Milchkühen nahm die verschriebene Wirkstoffmenge 2024 um 16,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. 

Bei den kritischen Antibiotika – also den Wirkstoffen, die als Reserve der Humanmedizin gelten und bei Tieren nur in begründeten Fällen eingesetzt werden sollen – führt laut dem BLV-Dashboard zum Informationssystem Antibiotikaverbrauch (IS ABV) die Kategorie Rinderaufzucht und -mast mit rund 93 Behandlungen pro 1000 Tiere, knapp vor Milchkühen mit rund 76. 

Hauptbehandlungsgrund bei Rindern insgesamt sind Eutererkrankungen, gefolgt von Atemwegserkrankungen. Bei Mastkälbern sind Lungenentzündungen der häufigste Anlass für Antibiotikabehandlungen.

Der Widerspruch im Raus-Programm

Martin Kaske, Tierarzt und Leiter Präventiv- und Bestandesmedizin Kalb bei Rindergesundheit Schweiz, hat das zugrundeliegende Problem in einem Gastbeitrag für die BauernZeitung bereits 2023 präzise beschrieben. Das Grundkonzept von Aussenklimahaltung sei gut: Frische, kühle, trockene Luft mit wenig Keimen schütze Kälber vor Atemwegserkrankungen. 

Problematisch sei aber die RAUS-Vorgabe, dass für Kälber unter 120 Tagen zwingend mindestens 1 m² Auslauffläche ungedeckt sein muss. In der Schweiz mit oft mehr als 150 Regentagen und 40 bis 70 Tagen mit starkem Nebel pro Jahr bedeute das regelmässig nasse, kalte, zugige Bedingungen. 

Durchnässte Ausläufe und nasse Kälberrücken erhöhten das Risiko für Durchfall- und Atemwegserkrankungen erheblich. Kaskes Fazit: «Was nützt einem Kalb die beste Aussicht, wenn es dadurch krank wird?» Die Lösung sei einfach, ein Dach, das auch ein simples Trapezblech auf vier Ständern sein könne. Der Kälbergesundheitsdienst beantragte deshalb beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), die Vorgabe einer zwingend ungedeckten Auslauffläche ersatzlos zu streichen.

Motion von Wandfluh angenommen

Genau das hat der Nationalrat nun also am 27. April 2026 mit 138 zu 46 Stimmen bei 9 Enthaltungen beschlossen. Die Motion von Ernst Wandfluh (SVP, BE) verlangt, dass Betriebe im Programm «Regelmässiger Auslauf im Freien» keine finanziellen Nachteile erleiden, wenn sie Kälber der Kategorien A5 und A9 bis zu einem Alter von 160 Tagen in einem vollständig überdachten, aber offenen Aussenbereich halten. 

An allen anderen Rinder- und Kälberkategorien ändert sich nichts. Bestehende Haltungsformen bleiben ohne Einschränkungen möglich.

Was die Forschung belegt

Dass ein überdachter Auslauf den Antibiotikaeinsatz senkt, hat das Forschungsprojekt «Freiluftkalb» gezeigt. Dieses wurde von der Wiederkäuerklinik der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern gemeinsam mit IP-Suisse und dem Migros-Genossenschaftsbund entwickelt und vom Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Antimikrobielle Resistenz» (NFP 72), IP-Suisse, Migros sowie dem Bundesamt für Landwirtschaft finanziert. 

Mireille Meylan, heute Leiterin der Nutztierklinik der Vetsuisse-Fakultät (seit 2025) leitete die Studie. Zwischen Herbst 2016 und Sommer 2018 wurden auf 19 Freiluftbetrieben und 19 Kontrollbetrieben, die nach IP-Suisse-Richtlinien mästen, Daten erhoben. Das Ergebnis: Im Vergleich zur normalen IP-Suisse-Labelmast liess sich mit dem Freiluftkalb-Konzept der Antibiotikaverbrauch um 80 Prozent und die Kälbersterblichkeit um 50 Prozent senken.

Das Freiluftkalb rendiert nicht

Die Wirtschaftlichkeit ist allerdings differenzierter zu betrachten. Eine Analyse von Agridea, publiziert in Agrarforschung Schweiz im Jahr 2022, kam zum Schluss, dass das Freiluftkalb-Konzept beim erweiterten Deckungsbeitrag schlechter abschneidet als die traditionelle Kälbermast. Agridea hielt damals fest, das Konzept habe in der Praxis nur eine Chance, wenn es durch wirtschaftliche Anreize gefördert oder gesetzlich verankert werde.

Niklaus Hofer, von IP-Suisse, zeigte sich dennoch überzeugt: «Die Studie hat hervorragende Ergebnisse geliefert. IP-Suisse ist daher überzeugt, dass das System Freiluftkalb die Kälbermast der Zukunft sein wird.» Genau diese wirtschaftlichen Anreize, die RAUS-Beiträge, fehlten den Freiluftbetrieben jedoch bisher wegen des Daches über dem Auslauf.

Bundesrat beantragt Ablehnung, kündigt aber Kompromiss an

In der Nationalratsdebatte vom 27. April 2026 beantragte Bundesrat Guy Parmelin die Ablehnung der Motion. Er erkannte Handlungsbedarf beim Antibiotikaeinsatz in der Kälbermast, warnte aber davor, die Grundanforderung des RAUS-Programms, den regelmässigen Zugang zu einem Bereich unter freiem Himmel, generell abzuschwächen.

Gleichzeitig erklärte er sich bereit, gezielte Massnahmen zu prüfen, und kündigte an, dem Ständerat eine abgeänderte Version zu beantragen: Betriebe sollen bei der Umsetzung von Antibiotika-Reduktionsmassnahmen im RAUS-Programm finanziell nicht benachteiligt werden. Wie genau, liess er offen.

Die Motion geht nun in den Ständerat.