Hitzestress trifft nicht alle Milchkühe gleich. Die Empfindlichkeit variiert erheblich – zwischen Rassen, zwischen Individuen und je nach aktuellem Gesundheitszustand. Wer auf seinem Betrieb weiss, welche Tiere besonders anfällig sind, kann früher handeln.

Hochleistungskühe sind besonders anfällig

Nina Keil, Tierverhaltensforscherin an der Agroscope-Forschungsstation Posieux, nennt mehrere Faktoren, die das Risiko erhöhen. Hochleistungskühe produzieren durch ihren Stoffwechsel selbst erhebliche Körperwärme und sind deshalb besonders anfällig. Kranke Tiere können die Körpertemperatur schlechter regulieren. Jungtiere haben im Vergleich zu adulten Kühen eine weniger ausgereifte Thermoregulation. 

Abo Digitalisierung in der Tierhaltung KI soll Hitzestress bei Kühen vorhersagen – doch die Praxis ist noch weit davon entfernt Montag, 13. April 2026 Zudem gibt es genetische Unterschiede in der Hitzestressresistenz. Wer solche Tiere auf seinem Betrieb kennt, kann sie gezielt als Frühwarntiere beobachten: Zeigt ein gefährdetes Tier erste Anzeichen, ist der richtige Moment für Massnahmen gekommen.

Was die Herde auf der Weide zeigt

Die Atemfrequenz ist ein wichtiger Indikator für Hitzestress, lässt sich auf der Weide aus der Ferne aber kaum zuverlässig zählen. Agroscope und FiBL haben deshalb in einer Studie untersucht, welche Verhaltensänderungen unter Schweizer Weidebedingungen früh und klar sichtbar werden. 

Die Ergebnisse, 2023 im Fachjournal «Livestock Science» publiziert, zeigen drei aussagekräftige Signale: Die Herde wird unruhiger, die Tiere liegen weniger und rücken räumlich enger zusammen. Diese Verhaltensweisen sind tagesrhythmusabhängig und daher nur im Vergleich zum normalen Verhalten derselben Herde interpretierbar. «Normalerweise kennen die Landwirtinnen und Landwirte das normale Verhalten ihrer Herde auf der Weide so gut, dass sie relativ schnell sehen, wenn diese Verhaltensänderungen auftreten», sagt Keil.

Sensortechnik: Wann sie sich lohnt

Sensorgestützte Überwachung ist kostenintensiv und technisch anspruchsvoll. Für Betriebe, auf denen Landwirtinnen und Landwirte ihre Tiere täglich beobachten, sieht Keil keinen zwingenden Bedarf. «Aus meiner Sicht ist der beste Sensor für die Früherkennung der Landwirt oder die Landwirtin, der oder die seine Tiere beobachtet.» 

Anders verhält es sich auf der Alp oder in extensiven Haltungen, wo Tiere über längere Zeit ohne direkte Aufsicht sind. Dort könnte automatisierte Überwachung einen echten Mehrwert liefern – allerdings nur dann, wenn ein solches System nicht bloss Hitzestress erfasst, sondern Gesundheitsrisiken und Einschränkungen im Wohlergehen breiter abdeckt.

Risikocheck: Welche Kühe brauchen besondere Aufmerksamkeit?

Hochleistungskühe: Ihr Stoffwechsel produziert viel Körperwärme, die Wärmeabgabe hält bei Hitze nicht Schritt.
Kranke Tiere: Eingeschränkte Thermoregulation macht sie doppelt anfällig.
Jungtiere: Ihre Fähigkeit zur Temperaturregelung ist weniger ausgeprägt als bei adulten Kühen.
Genetisch empfindliche Tiere: Hitzestressresistenz ist erblich.

Wer solche Tiere im Betrieb kennt, hat einen natürlichen Frühwarnmelder: Zeigt ein gefährdetes Einzeltier erste Signale, ist der Moment für Massnahmen gekommen, bevor es der ganzen Herde sichtbar zu heiss wird.

Drei Zeichen, die auf der Weide zählen

Agroscope und FiBL haben unter Schweizer Weidebedingungen untersucht, welche Verhaltensänderungen früh und verlässlich auf Hitzestress hinweisen. Entscheidend ist dabei immer der Vergleich mit dem, was für diese Herde normal ist.

Unruhe: Die Tiere bewegen sich mehr als gewohnt, ohne erkennbaren Grund.
Weniger Liegen: Die Herde hält sich länger stehend auf als üblich.
Zusammenrücken: Die räumliche Distanz zwischen den Tieren nimmt ab.