Madeleine Ackermann ist die «Eselmutter der Schweiz»

Die 67-Jährige hat von Pferden auf Esel umgesattelt und betreibt eine Auffangstation. Ihre Esel sind unter anderem als Therapietiere unterwegs – aber auch mit dem Samichlaus.

Ein lautes «Yaaah» klingt durch den Nebel. Nur die Silhouetten der Esel sind an diesem Tag erkennbar, wenn man zur Asinerie Schürmatt ob Alpnach im Kanton Obwalden kommt. Hier wirkt und wohnt Madeleine Ackermann, die auch als «Eselmutter der Schweiz» bezeichnet wird. «Das passt total», sagt Madeleine Ackermann beim Gespräch in der warmen Küche.

Madeleine Ackermanns Vater war Reitlehrer und sie dadurch von klein auf mit Huftieren vertraut. Wo sie aufgewachsen ist, sei schwierig zu erklären, sagt sie, denn ihr Vater übte seinen Beruf in der ganzen Schweiz aus, die Familie zog jeweils mit. «Doch eigentlich bin ich Jurassierin», hält sie fest.

Als Pferdeliebhaberin hat Madeleine Ackermann Bereiterin gelernt und die RS absolviert. Über 20 Jahre lang war sie als Militär-Zivilangestellte in Andermatt, Luzern und Stans tätig. «Ich war quasi das Mädchen für alles im Militär» schmunzelt sie, «aber es hat sich gelohnt, denn dadurch habe ich meinen Partner, den Sepp, kennengelernt.»

Sepp Wallimann ist auf dem Schürmatthof aufgewachsen. Der 70-Jährige hat jahrelang den Milchwirtschaftsbetrieb mit 8 ha Pachtland geführt und vor zehn Jahren aufgehört zu melken. «Den Kuhstall haben wir vor zwei Jahren an den Nachbarn verpachtet, der nun eine Rinderzucht betreibt» erklärt Madeleine Ackermann und meint: «Der Sepp, der liebt die Tiere auch, das ist halt schon schön».

«La Maman des Anes», übersetzt «Eselmutter», heisst es auf dem Schild.
«La Maman des Anes», übersetzt «Eselmutter», heisst es auf dem Schild.

Esel sind sehr intelligent

Der Liebe wegen lebt Madeleine Ackermann schon 33 Jahre auf dem Hof und hat von Pferden auf Esel umgesattelt. «Die Pferdewelt hat sich in eine Richtung bewegt, die für mich nicht mehr stimmt. Und bei all den Vorschriften ist es mir verleidet». Sie habe alles gemacht, von Dressurreiten, Springen bis Fahren und dann auf Ponys umgestellt.

«Bis mir dann vor 25 Jahren jemand einen Esel verkaufen wollte. Zu teuer, denn dieser war krank». Aber irgendwie hätte sie sich halt doch in diesen Hengst namens Grufty verliebt. Der Hengst wurde dank ihrer Fürsorge gesund und lebt noch heute auf dem Hof.

«Es ist alles viel gemütlicher mit Eseln», erklärt die Esel-Kennerin weiter. Und dass der Esel als störrisch betitelt werde, finde sie schade. Denn: «Der Esel ist sehr intelligent. Er ist kein Fluchttier wie das Pferd, sondern studiert die Lage und Situationen genaustens, was uns Menschen glauben lässt, er wolle nicht vorwärtsgehen. Man müsse halt die Tiere kennen, bevor man be- und verurteile. Sie selbst sei viel ruhiger geworden durch diese wunderbaren Tiere.

Esel lesen lernen

Madeleine Ackermann betreibt auf dem Hof unter anderem eine Auffangstation, viele Esel dürfen ihren Lebensabend hier verbringen. «Leider gibt es viele Besitzer, die keine Ahnung von Eseln haben und somit überfordert sind», weiss sie aus Erfahrung. «Das stimmt mich sehr traurig. Die Esel werden krank, wenn sie nicht dort sind, wo sie sein dürfen.» Esel seien feinfühlige Tiere, meint sie weiter. Leider kenne sie zu viele Geschichten von misshandelten oder verwahrlosten Tieren. Nachdenklich streichelt sie ihren Hund Simba und sagt «das war auch mal so einer».

Keine Zuchtmaschinen

Inzwischen leben auf dem Hof rund 25 Esel fünf verschiedener Rassen. Es sind nicht nur «Problemtiere», denn die 67-Jährige ist auch Züchterin. «Vor allem die Gross-Rasse Poitou und Andalusier. Diese waren vom Aussterben bedroht», sagt sie.«Diese Rasse ist sehr anfällig für Hufkrankheiten», daher kreuze sie sie gern mit «Martina Franca» ein. Somit werden die Tiere kräftiger und stabiler. «Unsere Tiere sind aber keine Zuchtmaschinen», stellt sie klar.

Dicke Freunde: Die Esel Vicondine und Fina.
Dicke Freunde: Die Esel Vicondine und Fina.



Eselgeschichten hat die Eselmutter zuhauf zu erzählen.«Zwei meiner Esel sind schon Helikopter geflogen» erzählt sie etwa. «Leider waren es jeweils Rettungsflüge aus den Bergen. Der eine war so schwer verletzt und hätte eingeschläfert werden müssen. Kommt nicht in Frage, habe ich gesagt». Sie pflegte Esel Falk wieder gesund. Brownie, ein anderer ihrer Esel, ist in einem Video des Schweizer Musikers Trauffer zu sehen. Und die Esel Blend und Petit Fleur – beide werden heuer 20 Jahre alt – fahren gern Lift. «Eine Firma, deren Lokalitäten sich im 4. Stock befinden, bucht uns immer wieder.»

«Für mich ist der Samichlaus-Einzug in die St. Ursen-Kathedrale in Solothurn immer wieder ein unvergessliches und wunderschönes Erlebnis. Da darf ich den Samichlaus mit den Eseln bis in die Kirche begleiten», schwärmt Ackermann und zeigt Fotos. Für Samichlaus-Begleitung seien sie oft mit den Eseln unterwegs.

Auch privat können Esel-Erlebnisse gebucht werden: ob Hochzeit-, Geburtstags-, Firmenanlässen – da reist die Nimmermüde mit ihren Eseln fast durch die ganze Schweiz. Wird das den Tieren nicht zu viel? «Nein, wir nehmen jeweils nur jene Esel mit, die gern reisen», erklärt sie. «Für die Esel ist es zudem wichtig, dass ihre Vertrauenspersonen in der Nähe sind.» Da sie ihre Tiere nicht stressen wolle, nehme sie nicht alle Anlässe an. Doch Madeleine Ackermann liegt es am Herzen, vor allem die Besuche bei Behindertenheimen, Kindergärten oder Schulen zu pflegen: «Esel sind gute Therapietiere und diese Begegnungen tun allen gut.»

Unterwegs in der Natur

Zusätzlich bietet sie Eseltrekking an. Bei diesen Ausflügen bekocht sie die Teilnehmenden auch. «Kochen ist meine grosse Leidenschaft», sagt Madeleine Ackermann. Zudem gibt sie – ohne Esel – Outdoor-Grillkurse für Kinder und Erwachsene. Bleibt da noch Zeit für Hobbys? «Meine Tiere und das Grillieren sind mein Hobby», meint Madeleine Ackermann. «Ferien brauchen wir nicht. Nach zwei, drei Tagen packt uns eh das Heimweh zu unseren Tieren und schon sind wir wieder zu Hause.»

Die Eselmutter ist sehr glücklich mit ihrem Leben, hat jedoch noch einen grossen Wunsch: «Ich möchte, dass die Leute die Tiere mehr respektieren», sagt sie. «Denn es sind keine Maschinen, die man einfach irgendwo hinstellen kann.»

Weitere Informationen

Fünf Fragen

Was können Sie besonders gut? Tiere verstehen, Eselflüsterin sein, Grillieren und gesellig mit Leuten zusammen sein. Was macht Sie schlaflos? Wenn es einem Tier schlecht geht. Welches ist Ihr Lieblingsplatz? In den Bergen und an Seen. Am liebsten draussen in der Natur. Welches Kompliment freut Sie? Überall bin ich als Eselmutter oder Grillchefin bekannt, das freut mich sehr. Was ist Ihr Lieblingslied und warum? «Glöggelä» von Mark Trauffer, weil mein Esel Brownie mitgewirkt hat.