Das Klima verändert sich, in der Schweiz und im Ausland. Aber nicht überall gleich. Um einen Eindruck davon zu bekommen, was die Zukunft bringt, kennt man im Städtebau das Konzept des Klimazwillings: Das Pendant einer Stadt an einem anderen Ort der Welt, deren aktuelles Klima dem ähnelt, was für den Zwilling im Inland erwartet wird. Maike Krauss vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) hat diese Idee auf die Landwirtschaft übertragen und anlässlich der Jahrestagung Ackerbau am FiBL in Frick AG zwei Betriebsleitende eingeladen. Philipp Zaugg führt den Biohof Zaugg im Kanton Bern. Stefan Schmidts Biohof Mallerau befindet sich im niederösterreichischen Weinviertel. «Dort herrschen heisse Sommer und milde Winter bei 400 – 600 mm Jahresniederschlag», erklärte Krauss.
Biohof Mallerau
Der Kaktus trägt Gummistiefel und Mütze
In der Region des Biohof Mallerau sei es eigentlich immer windig, schildert Stefan Schmidt. «Seit ein paar Jahren treten Extreme auf.» Früher verdeutlichte er das Klima des Weinviertels mit dem Bild eines Kaktus. «Mittlerweile steht mein Kaktus in Gummistiefeln und Mütze da», sagt der Österreicher. Er wisse manchmal kaum mehr, woran er sich orientieren solle. Vieles müsse neu gedacht und von vorn angefangen werden. Die Durchschnittstemperatur in seiner Gegend ist bereits von 8 auf 11 Grad gestiegen. Der Regen falle sehr schlecht übers Jahr verteilt. «Und wegen der hohen Verdunstung brauchen die Kulturen mehr Wasser für dieselbe Leistung.»
Stefan Schmidt betreibt Bio-Ackerbau auf 140 ha, zum Betrieb gehört auch eine kleine Schafzucht. Die wichtigste Kultur sind Kartoffeln. Ein Grossteil der Flächen sind arrondiert und bewässerbar. «Wir bewegen uns von Trommelregnern immer mehr zu Tropfschläuchen», sagt der Österreicher. 2026 will er auch 10 ha Kartoffeln damit ausrüsten.
Immer Körnerleguminosen vor Kartoffeln
«In meinem Verständnis ist jede Massnahme auf dem Acker eine Systemstörung mit weitreichenden Konsequenzen und sollte daher gut überlegt sein», erklärt Stefan Schmidt einen seiner Grundsätze. Er reduziert wo immer möglich die Bearbeitungsintensität, nutzt artenreiche Gründüngungen als «Kur» und setzt auf Vielfalt, um resilienter zu werden. Der Landwirt sprach aber auch offen über das, was nicht nach Wunsch funktioniert.[IMG 2]
So kollidiert sein Streben nach Vielfalt mit Rentabilität und Absatz gewisser Kulturen. Mischkulturen sind ebenfalls schwierig in der Vermarktung, aber Schmidt schätzt Gemenge mit Leguminosen insbesondere für ihren Vorfruchtwert. «Ich baue nach Körnerleguminosen immer Kartoffeln an», bekräftigt er. Je nach Standort fährt er verschiedene Fruchtfolgen. In der «Aufbau-Fruchtfolge» stehen z. B. zwei Jahre Kleegras vor Mais, Roggen und Öllein. Alle drei Fruchtfolgen auf dem Biohof Mallerau sind mit Gründüngungen durchsetzt.
Hecken statt Bäume im Agroforst
Weniger Probleme macht dem Österreicher die Umsetzung seines Ideals, möglichst viele Strukturen auf dem Betrieb zu schaffen. Er lässt Feldränder unberührt, legt Brachen und Hecken an. Eine Hecke wurde vor über 20 Jahren U-förmig als Windschutz um eine Himbeer-Anlage gepflanzt. Die Himbeeren gibt es nicht mehr, dafür macht Stefan Schmidt gute Erfahrungen mit dem Anbau von Kartoffeln auf dieser Fläche. «Die Kartoffeln sahen so gut aus, da will man mehr davon machen.» Statt mit Bäumen will er eine Art Agroforst mit Heckenpflanzen einrichten. Dies, nachdem sich der Standort für mehrere Baumarten als zu trocken erwiesen hat.
Günstiger Weissklee statt problematische Gräser
Um den Boden schonen zu können, bezeichnet der Landwirt Bodensonde und Spaten sowie zwei Hände und die Nase als wichtigste Utensilien auf seinem Betrieb. Sich Zeit lassen ist sein oberstes Credo: «Besser noch eine Runde länger im Wirtshaus und warten, bis alles passt.» Schmidt will die richtige Bearbeitung im richtigen Moment ausführen. Organisches Material muss für ihn schützend auf der Bodenoberfläche bleiben, weshalb er kein Stroh abführt. «Das erschwert allerdings den mechanischen Pflanzenschutz und die Sätechnik kommt manchmal ans Limit.» Auch Untersaaten würden den Boden decken, können sich wegen der Trockenheit aber oft schlecht entwickeln. Gräsermischungen seien zwar gerade in Mode, werden nach Schmidts Schilderungen auf seinem Betrieb aber schnell zum Unkraut und lassen sich kaum mehr kleinkriegen. «Die Liste dessen, was nicht klappt, wird immer länger», bemerkt der Österreicher. Statt Gräsermischungen nutzt er nun Weissklee – was kostengünstiger sei und besser funktioniere.
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Im Sommer wächst wochenlang gar nichts mehr
Damit im Sommer überhaupt etwas wächst, brauche es Morgentau. Daher sät Stefan Schmidt seine Gründüngungen frühestens ab dem 20. August. «Mittlerweile haben wir eine Art Sommerruhe», beobachtet er. «Während 3–4 Wochen wächst da gar nichts, auch kein Ausfallgetreide oder Disteln.» Aus seiner bisherigen Erfahrung ist er davon überzeugt, dass es nicht die eine Gründüngung für alle gibt. «Aber es gibt für alle eine passende Gründüngung.»
Stefan Schmidt hat sich anfangs vorgenommen, ein Problem nach dem anderen anzugehen – um festzustellen, dass eine Lösung häufig zwei neue Probleme hervorbrachte. «Manchmal muss man auch wieder zurück.» Aber er bleibt dran auf seinem Weg zu einer klimafiten Landwirtschaft.
Biohof Zaugg
Die Bedingungen auf dem Biohof Mallerau geben laut Maike Krauss einen Eindruck dessen, womit Philipp Zaugg im Kanton Bern dereinst konfrontiert sein könnte. Zauggs Biohof umfasst zwei Standorte, Gemüse- und Ackerbau, Lohnarbeiten und Milchproduktion mit eigener Käserei sowie die Verarbeitung eigener Rohwaren. Es wird zu einem grossen Teil direktvermarktet. «Die Regenerative Landwirtschaft ist unser Ansatz, mit dem Klimawandel umzugehen», sagt Philipp Zaugg, der den Betrieb zusammen mit seiner Partnerin Martina Schlup leitet.
Mulch schützt und düngt
Dazu gehören für den Berner Untersaaten, Mulch, Kompost und Komposttee und eine überlegte Düngung seines Bio-Demeter-Betriebs. «Wir säen Kunstwiesen direkt in stehendes Getreide und nutzen die Mischung Green-Carbon-Fix in Sellerie und Kürbissen», gibt Philipp Zaugg Beispiele seiner Untersaaten. 2 ha Lagerkartoffeln, Süsskartoffeln, Gemüse mit längerer Kulturzeit wie Stangenbohnen oder Zucchetti wachsen im Mulch (gehäckselter Grasschnitt, mit dem Miststreuer ausgebracht). «Zum Pflanzen in Mulch haben wir keine Maschine, das machen wir von Hand», so Zaugg. Im Gewächshaus sorgt die Bewässerung mit tiefhängenden Düsen statt Tropfschläuchen dafür, dass der in Handarbeit verteilte Mulch feucht bleibt und sich so langsam abbaut. Zaugg spricht von einer willkommenen Zusatzdüngung. Silage hat sich als Mulch nicht bewährt – der Freiland-Broccoli verbrannte darin. Jede Kultur erhält 1–2-mal Komposttee und wird gemäss Blattsaftanalyse mit Blattdüngern versorgt.
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Zutaten, die Kompost und Gülle aufwerten
Kompost ist für Zauggs eine Möglichkeit, Rüstabfälle am viehlosen Standort Iffwil sinnvoll zu verwerten. Philipp Zaugg mischt dazu Stroh, Pflanzenkohle, Molke und Zeolith-Steinmehl. «Die Pflanzenkohle gebe ich aus Überzeugung bei», sagt er. Der Berner hat den Eindruck, dass die Wasserverfügbarkeit seiner Böden nach 6–7 Jahren Düngung mit pflanzenkohlehaltigem Kompost besser geworden ist. Die Molke soll den Kompost stabilisieren und durch Milchsäurebakterien verbessern. «Der Kompost reift unberührt am Feldrand, bis wir ihn in eine Gründüngung ausbringen.» Das sei Futter fürs Bodenleben, erst in zweiter Linie für eine Kultur. Für deren Düngung setzen Zauggs auf Hofdünger (Mist und Kompost), aufbereite Gärgülle (mit Pflanzenkohle und Molke), Champignon-Kompost und spezifisch biologischen Handelsdünger.
Nach der Rüebliernte eine Gründüngung mit der Spatenmaschine
Gründüngungen bringt der Biobauer konsequent als Flächenrotte in den Boden. Er sät auch spät im Jahr noch Mischungen aus, etwa nach der Rüebliernte. «Die ist manchmal eine ziemliche Tortur für den Boden», gibt er zu bedenken. «Ich will da wieder Luft reinkriegen und möglichst schnell wachsende Pflanzen.» Mit einer einmaligen Durchfahrt mit der Spatenmaschine lockert Philipp Zaugg nach der Ernte den Untergrund und sät direkt die Gründüngung in die ehemalige Rüeblifläche. «Auch wenn sie oberirdisch nicht mehr gross wird, bildet sie wertvolle Wurzeln bis zur Flächenrotte im Frühling», ist er überzeugt.
«Man kann sich daran gewöhnen»
Philipp Zaugg will Humus aufbauen oder zumindest erhalten. Die ersten Gehversuche mit der Regenerativen Landwirtschaft haben ihm einige Rückschläge beschert, erzählt er. «Hauptsächlich, weil wir Praktiken umgesetzt haben, die wir nicht kannten.» Beispielsweise versuchten Zauggs, Sellerie pfluglos nach einer Kunstwiese anzubauen. Heute haben die Berner bewährte Methoden und der Betriebsleiter ist zuversichtlich für die Zukunft. «Der Klimawandel ist eine grosse Herausforderung», sagt er. «Aber er kommt langsam und man kann sich daran gewöhnen.»