«Ohne Erträge und Wirtschaftlichkeit gibt es keinen Hochstammobstbau, trotz der Direktzahlungen oder anderer Förderbeiträge wie zum Beispiel von Myclimate bzw. Hochstamm Suisse», sagte Stefan Freund, Berater, Fachstelle Obstbau landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen. Anlass war die Wintertagung von Fructus, die in Flawil stattfand.
Alles wird direkt vermarktet
Die Meinung von Stefan Freund teilen auch Schilligers, Vater und Sohn, die beide Alois heissen. Sie bewirtschaften in Niederglatt SG einen 16-ha-Obstbaubetrieb. Der Senior ist vor allem für die Erziehung der Bäume und das Mausen zuständig, der Juniorchef ist der Betriebsleiter und für Bewirtschaftung und Vermarktung verantwortlich. Seit über vierzig Jahren verkaufen Schilligers ihre Früchte direkt und lieferten von Jahr zu Jahr immer weniger an den Handel. Seit vergangenem Jahr vermarkten sie – frustriert vom Handel – alles, was sie produzieren, im Hofladen und auf dem Wochenmarkt. Zudem liefern sie Pausenäpfel an verschiedene Betriebe in der Region – unter anderem auch an die Maestrani Schokoladenfabrik in Flawil.
Genpool wird erhalten
Auch drei Projekte betreuen Schilligers auf dem Betrieb:
- einen Hochstammobstgarten für den nationalen Aktionsplan zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (NAP-PGREL)
- eine Obstsortensammlung von Agroscope Changins-Wädenswil (ACW-Sorten)
- eine Anlage im Rahmen des Projekts Herakles Plus für robuste Mostobstsorten
Die Teilnehmer(innen) der Fructus-Tagung standen in Schilligers-NAP-Sortengarten und Alois Schilliger Junior erklärte, wie er die Hochstammbäume bewirtschaftet. Angelegt wurden die Bäume 2003. Als Unterlage diente die Sorte Schneiderapfel, die mit rund 165 Apfelsorten veredelt wurde. Jeder Baum sieht anders aus. Was sie fast alle gemeinsam haben, ist Alternanz – in einem Jahr ist so ein Baum dicht behangen, im anderen Jahr gibt es nichts. Mit einer Lanzendüngung führt Schilliger den Dünger gezielt in den Wurzelraum der Bäume. Daneben kommt Schweine- und Rindergülle zum Einsatz. Pflanzenschutz wird aufgrund der Verengung der Wirkstoffpalette immer schwieriger. «Das grösste Problem ist der Apfelwickler», sagt Alois Schilliger. Aufgrund des Standorts der offenen Anlage kann Apfelwickler-Verwirrungstechnik nicht eingesetzt werden. Geerntet wird mit einem hydraulischen Schüttler und einer Auflesemaschine.
Senior Alois Schilliger schneidet die Bäume nach dem Oeschberg- beziehungsweise dem Ostschweizer Rundkrone-Schnitt. Die Hauptertragszone und der Schwerpunkt liegen im unteren Bereich. Dadurch sind die Bäume stabil und so können Schilligers auf Stützen verzichten.
Das Gras zwischen den Bäumen wird eingegrast oder gedörrt. «Unternutzen mit weidenden Kühen, Rindern oder Schafen gibt es bei mir nicht», sagte Alois Schilliger. Die Gefahr, dass Stämme beschädigt würden, sei zu gross.
Betriebsspiegel
Monika und Alois Schilliger
Ort: Niederglatt SG
LN: 16 ha
Obstbau: Niederstamm- (6 ha) und Hochstammobst ()
Obstarten: Äpfel, Birnen, Kirschen, Holunder, Pfirsich, Nektarinen, Zwetschgen, Mirabellen, Löhrpflaumen
Tierhaltung: 10 Kühe in einer BZG
Q2 mit Nistkästen und Strukturelementen
Auf der Q2-Anlage hängen pro zehn Bäume Nistkästen und pro 20 Bäume haben Schilligers Strukturelemente platziert. Zu den Q2-Biodiversitätsbeiträgen äusserte sich auch Stefan Freund. Im Rahmen der AP 2030+ plane man weitere Anforderungen. «Beispielsweise BFF-Beiträge nach Baumvolumen», sagte Freund. Dagegen wehrt er sich in der BFF-Arbeitsgruppe des Bundesamts für Landwirtschaft, die sich mit der Weiterentwicklung der Agrarpolitik (AP 2030+) beschäftigt. So gäbe es keinen Anreiz, Jungbäume zu pflanzen und die Remontierung von Hochstämmern fortzusetzen.
Fructus-Vorstandsmitglied Jakob Schierscher, bei Agroscope für Apfelzüchtung und Genressourcen Obst zuständig, bonitiert Schilligers Äpfel im Sortengarten. Dafür hat er eine Bonitur-App entwickelt. Damit erfasse er jeweils Mitte August NAP-Hochstammbäume in den Kantonen St. Gallen, Thurgau, Schaffhausen und Zürich, erklärte er. Das beinhalte Wuchseigenschaften, Robustheit, aber auch den Behang. Das ergibt eine Auswahl der besten Hochstämmer, die weiter und intensiver geprüft würden.
Kurzseil-Klettertechnik, um Hochstamm-Obstbäume zu schneiden
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Neben dem Pflücken ist auch das Schneiden der Hochstammbäume besonders arbeitsintensiv. Hoch oben an einem Hochstämmer zeigte Jürg Rusterholz, hängend im Traggurt, wie man durch die Kurzseil-Klettertechnik, dadurch dass man beide Hände frei habe, mehr Freiraum hat, um die Bäume zu schneiden. Allerdings ist dies eine Technik für Profis. Dennoch: Auf Sicherheitsmassnahmen dürfen auch diese nicht verzichten. «Grundsätzlich gilt, nie allein arbeiten», legte er den Tagungsteilnehmern ans Herz. Helm und Schutzbrille gehören dazu. «Keine Seile fürs Sport- oder Felsklettern verwenden, jene für die Baumpflege müssen stabiler sein», sagte er. Immer an die Sicherheitsposition denken. Während er oben im Baum war, zeigte er, wie das Seil gespannt sein müsse, wie Seilverkürzer und Karabiner etc. eingesetzt werden.
Jürg Rusterholz schloss in den 2000er Jahren die Lehre als Baumschulist und Landschaftsgärtner ab, absolvierte den Holzerkurs und die Obstbaumodule am Strickhof und führt eine von seinem Vater übernommene Garten- und Baumpflegefirma in Wädenswil.
Unterlagenforschung für starkwüchsige Hochstammbäume
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Auch die Gäste Christoph Schulz und Janet Maringer aus Baden-Württemberg und Sachsen bereicherten die Fructus-Tagung. Janet Maringer stellte ein Projekt vor, das sich mit klimafitten Anzucht- und Etablierungsverfahren für den Streuobstbau beschäftigt. Sie wälzte dafür unzählige historische Dokumente, um angepasste Unterlagenstrategien zu finden. Nun wird im Projekt das Saatgut in Pflanzpatronen vorgezogen und in Vergesellschaftung mit anderen Arten, in sogenannten Affolterkisten, an ihren endgültigen Standort verpflanzt. Die Pflanzenvielfalt in den Kisten sorgt für raschen Auswuchs, eine gute Durchwurzelung und «entzücken das Mikrobiom durch Vielfalt», wie es Maringer ausdrückte. Das Ziel ist die Etablierung robuster Bäume mit gesunder Wurzelarchitektur und hoher Anpassungsfähigkeit an extreme Standortbedingungen.
In einem zweiten Projekt, vorgestellt von Christoph Schulz, werden Hochstammunterlagen unter realen Bedingungen getestet. Die Daten werden in einer neu erweiterten Sortenerfassungs- und Pflege-APP (SEPP-App) eingepflegt. Damit werden Wurzelentwicklung, Keimrate, Stressverhalten und Pflegezustand der neuen Unterlagen festgehalten. So entsteht eine Datengrundlage, die über viele Jahre hinweg Aufschluss darüber geben kann, welche Unterlagen sich langfristig bewähren.
An den Freilandtest können sich auch Betriebe in der Schweiz beteiligen, sofern sie Streuobstwiesen aktiv bewirtschaften und Interesse an der kontinuierlichen Beobachtung von Jungbäumen haben. Fructus-Mitglied Roman Eisenring aus Bichwil SG zieht zurzeit Sämlinge auf, die man bei ihm beziehen kann. Träger der Projekte ist der Pomologen Verein e.V. Die Projektleitung liegt mit Christoph Schulz und Janet Maringer in den Händen der Arbeitsgemeinschaft Wurzel.