Jonathan Sätteli, Präsident der Bewässerungsgenossenschaft Bibertal (BGB), kontrolliert ein letztes Mal unten am Rhein in Hemishofen SH die Pumpen, Metallbauten, Leitungen und Elektroinstallationen. Dort wird in Kürze Rheinwasser mit einem unterirdischen Pumpwerk über einen vier Meter breiten und acht Meter tiefen Schacht in Erdleitungen von Hemishofen über Ramsen bis nach Buch geführt. Die Gesamtlänge der Leitungen beträgt 16,3 km, sie sind an das private Bewässerungsleitungsnetz der Bauernfamilien angeschlossen.
Bodenfruchtbarkeit erhalten
Das Bewässern mit der neuen Anlage sorgt für Ertragssicherheit im niederschlagsarmen (600 bis 700 mm pro Jahr) und hitzegeplagten Bibertal. «Mit dem Bewässerungsnetz sichern wir die Wasserversorgung von mehr als 500 ha und 24 Betrieben», sagt Jonathan Sätteli und zeigt auf die Felder rundherum. Auf den teils flachgründigen, teils sehr mineralischen Schwemmlandböden wachsen Kartoffeln, Getreide, Zuckerrüben, Knoblauch, Erbsen, Salate und vieles mehr.

Der 37-Jährige führt mit seinem Vater Marcel (62) in einer Generationengemeinschaft einen vielfältigen Ackerbaubetrieb in Ramsen SH. Sohn Dominik ist für den Geflügelmaststall verantwortlich. Marcel Sätteli macht Lohn- und Jonathan Tiefbauarbeiten und vertreibt Bewässerungstechnik. «Jeder hütet seinen Acker wie seinen Augapfel und geht sorgsam damit um», sagt Marcel Sätteli. «Wir haben gesunde Böden, erhalten die Bodenfruchtbarkeit mit Mist und Gründüngungen, vielseitigen Fruchtfolgen und bodenschonenden Verfahren.» Sofern bewässert werden könne, seien die Erträge stabil.
«Das Ziel des Bewässerungsprojekts Bibertal ist, dass wir Produzenten unser Produktionspotenzial und unsere Existenzgrundlagen erhalten können. Zudem kann mit einer Bewässerung das Schicksal noch selbst in die Hand genommen werden», fügt Jonathan Sätteli an, und sein Vater setzt nach: «So können wir unsere eigenen Ressourcen im Land nutzen, um Lebensmittel zu produzieren.» Das verringere die Importabhängigkeit und die Wertschöpfung bleibe in der Schweiz.
Entnahmeverbot aus Fliessgewässern
Marcel Sätteli war einer von fünf Initianten und Gründungsmitgliedern, die 2006 das Bewässerungsprojekt aufgleisten und den Vorstand der Bewässerungsgenossenschaft bildeten. Von jeher entnahmen die Landwirte das Bewässerungswasser an 19 Entnahmestellen am Bach Biber und an vier Pumpen am Rhein. Die Wasserentnahmen am Biber waren der Grund, warum das damalige Landwirtschaftsamt und das Tiefbauamt vor zwanzig Jahren die Bauern aufforderten, einen Systemwechsel anzustreben. «Alle zwei Jahre kam es vor, dass der Mindestpegel der Biber unterschritten wurde und der Kanton ein Entnahmeverbot verfügte», sagt der 62-jährige Seniorchef.

Pumpwerk für 500 ha angemeldete Flächen
Vorgesehen sind im Bewässerungsprojekt Bibertal Entnahmen aus dem Rhein von bis zu 300 Litern pro Sekunde (maximal 18 000 l/min). Die Jahresfördermenge ist begrenzt auf 570 000 m³. Das führe nicht zu einer signifikanten Beeinflussung der Wasserführung des Rheins, hält der Kanton in der Konzession fest. Dabei habe man auch Wasserentnahmen des Kantons Thurgau und in Deutschland berücksichtigt.
Die Kosten für das Projekt betragen rund 8,3 Millionen Franken. Daran beteiligen sich zur Hälfte der Bund, der Kanton und die drei Standortgemeinden. Die andere Hälfte der Kosten muss die Bewässerungsgenossenschaft aufbringen. Dabei erhält die Genossenschaft Unterstützung in Form von Darlehen durch die Schaffhauser Kantonalbank sowie die Schaffhauser Bauernkreditkasse.

Die Bewässerungsgenossenschaft hat eine Konzession für die Wasserentnahme und Wassernutzung mit einer Laufzeit bis zum 31. Dezember 2048. Die BGB zählt 28 Mitglieder, wobei jede Gemeinde ebenfalls einen Einsitz hat. Die Mitglieder dürfen nur Flächen anmelden, die sich zur Bewässerung eignen, und die BGB darf Wasser nur an ihre Mitglieder abgeben.
Reger Widerstand von allen Seiten
Marcel Sätteli erinnert sich noch gut an die Stolpersteine, die die Bewässerungsgenossenschaft zu bewältigen hatte, um das Bewässerungsnetz zu bauen. Besonders herausfordernd seien die Verhandlungen mit Naturschutzbehörden und Umweltverbänden gewesen, wobei der Fokus nicht auf dem Bau, sondern auf der Konzession gelegen habe. «Man befürchtete eine ungebremste Lawine an Intensivierungen mit negativen Auswirkungen auf die Umwelt. Neben einer Mediation fanden zig Sitzungen statt. Dabei mussten wir stets unsere unternehmerische Freiheit bewahren.» Letztendlich entstand daraus eine Begleitgruppe mit dem Zweck, die Umweltwirkungen der Bewässerung regelmässig zu überprüfen.

Das sei ein konstruktiver Ansatz, da viele der befürchteten Szenarien auch auf Spekulationen beruhten und nicht abschliessend belegt hätten werden können. «Auch hatten wir interne Zerwürfnisse, was an unterschiedlichen Situationen und Bedürfnissen der einzelnen Betriebe lag», sagt Marcel Sätteli. Es sei halt einfacher, auf einem weissen Blatt Papier mit Unvoreingenommenheit zu beginnen, als bestehende, funktionierende Prozesse umzukrempeln.
Ein weiterer Streitpunkt war die Kostenverteilung zwischen Kanton und Gemeinden. Dies endete gar vor dem Verwaltungsgericht. «Da wir uns gerade mitten im Bau der Anlage befanden, kann man sich unsere Anspannung vorstellen, schliesslich war man doch verantwortlich für die 24 Betriebe, die investiert hatten», sagt Jonathan Sätteli.
Der letzte Hosenlupf mit jüngeren Händen
Konflikte und Auseinandersetzungen gehören meistens zu solchen Projekten, verzögern es jedoch um viele Jahre. Hinzu kam, dass der Vorstand nach fast zwei Jahrzehnten allmählich ins Pensionsalter kam. Marcel Sätteli und der damalige Präsident Reinhard Hug traten 2023 zurück. «Für den letzten Hosenlupf wollten wir das Präsidium in jüngere Hände übergeben», sagt er.
Sein Sohn Jonathan trat das Präsidium der Bewässerungsgenossenschaft Bibertal an. Der 37-Jährige bringe alle Eigenschaften mit, die es für dieses verantwortungsvolle Amt brauche, sagt Vater Sätteli. Im Erstberuf ist Jonathan Sätteli Landmaschinenmechaniker EFZ, dann absolvierte er die Zweitausbildung zum Landwirt, anschliessend die Ausbildung zum Agrotechniker HF. Mit seiner Tätigkeit als Gemeinderat habe er ein passendes Netzwerk aufgebaut.

Der letzte Hosenlupf war, vor Ablauf der Baubewilligung mit dem Bau zu beginnen, was für den Vorstand der BGB noch einiges an Zusatzaufwand bedeutete. Aber es ist geschafft und Vater Sätteli ist froh, dass sich fortan die Feldbewässerung ergonomischer gestalten lässt und dass er nachts nicht mehr alle drei Stunden den Schieber umstellen muss.
Ökologischer Ausgleich ist Pflicht
Jeder BGB-Betrieb ist verpflichtet, innerhalb des Bewässerungsperimeters biologisch wertvolle Ausgleichsflächen (Q2) anzulegen. Diese muss einem Anteil von mindestens 5 % der angemeldeten Bewässerungsfläche entsprechen. Auch müssen die Landwirte sich am Vernetzungsprojekt beteiligen. Schützenswerte Flächen in einem kommunalen oder kantonalen Naturschutzinventar oder grundeigentümerverbindlich ausgeschiedene Schutzgebiete bleiben weiterhin geschützt. Mit der Inbetriebnahme der Bewässerungsanlage Bibertal fallen die bisherigen Konzessionen weg. Dadurch wird der Weg frei, die Biber zu revitalisieren. Ferner ist im Konzessionsvertrag festgehalten, dass die Wassergaben so zu bemessen seien, dass keine Düngeverluste und keine Ab- oder Auswaschung von Pflanzenschutzmitteln entstünden. Um in kritischen Regionen die Nitratbelastung zu senken, scheidet der Kanton Zuströmbereiche zum Schutz der Trinkwasserfassungen aus. Die Einhaltung dieser Auflagen wird vom Landwirtschaftsamt zusammen mit einer Begleitgruppe Umweltmonitoring kontrolliert. Die Begleitgruppe setzt sich zusammen aus Gemeindevertretern, kantonalen Behörden, Umweltorganisationen und dem BGB-Vorstand.
Gründe für das Bewässerungsprojekt Bibertal
– Die Biber ist ein Fischgewässer, das in den Sommermonaten kaltes, sauerstoffreiches Wasser führt. Sie ist mittel- bis langfristig von Wasserentnahmen zu entlasten und, wenn möglich, vollständig zu befreien. – Gemäss den Klimaprognosen werden Hitze- und Trockenperioden zunehmen. Der Wasserbedarf in der Landwirtschaft wird steigen. – Geplante Renaturierungsmassnahmen der Biber stehen im Widerspruch zum Wasserbezug aus diesem Fliessgewässer. – 19 Fassungsstellen beinhalten ein höheres Umweltrisiko als eine Fassungsstelle. Zudem werden aktuell die Pumpenaggregate etwa zur Hälfte mit Dieselmotoren (Russ und Lärm) betrieben. – Die Wasserentnahme in der Nacht (optimaler Zeitpunkt zum Bewässern) ist wegen Lärmbelästigung stark eingeschränkt. – Die Versorgungssicherheit für landwirtschaftliche Bewässerungen muss erhöht werden.

