ABO

So zahlt sich Artenvielfalt in der Landwirtschaft aus

Biodiversitätsförderung müsse laut Martin Roth als eigener Betriebszweig gesehen werden. Er organisierte den Feldtag 2026 am Plantahof in Landquart GR unter dem Motto «Biodiversität».

Wie können Landwirtinnen und Landwirte ihre Biodiversitätsförderflächen (BFF) so bewirtschaften, dass sie zum einen selbst einen wirtschaftlichen Nutzen daraus generieren und Insekten, Kleinsäuger und Vögel tatsächlich profitieren?

Beim Rundgang über die vier Feldposten wurde schnell klar, dass die Strategie, die BFF auf dem Betrieb mal so nebenbei mitzubewirtschaften, nicht aufgeht. Stattdessen müsse die Biodiversitätsförderung als eigener Betriebszweig angesehen werden, sagte Feldtag-Organisator Martin Roth, der als Leiter der Abteilung Weiterbildung am Plantahof tätig ist.

Im Kanton Graubünden gebe es zahlreiche Betriebe, deren BFF mit über 30 Prozent weit über die mindestgeforderten sieben Prozent hinausgehen. Vor allem in Bergzone drei und vier gebe es sehr wertvolle Flächen, erklärte Roth. Damit der Betriebszweig Biodiversität erfolgreich ist, erfordere es viel Know-how und gute landwirtschaftliche Praxis. «Der Feldtag soll für die Möglichkeiten zur Biodiversitätsförderung sensibilisieren und auch die Freude daran wecken», so Roth.

Biodiversitätsförderflächen von QI auf QII aufwerten

Bei der Aufwertung von Dauergrünland gebe es mehrere Knackpunkte, erklärte Andreas Bosshard, der bei dem Unternehmen Holosem tätig ist. Holosem hat sich auf die naturnahe Begrünung mit gebietseigenem Saatgut spezialisiert, und genau darum ging es bei dem Feldposten, den Bosshard begleitete. «Bei der Aufwertung von Grünflächen ist die Regionalität des Saatguts einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren».

So zahlt sich Artenvielfalt in der Landwirtschaft aus
Damit es gelingt, Biodiversitätsförderflächen aufzuwerten, raten die Experten zur Nutzung von standortangepasstem Saatgut.



Ein weiterer Punkt ist die Zusammensetzung des Bodens; auf nährstoffreiche Böden kann man beispielsweise keine Magerwiese säen. Eine Fromentalwiese, also eine artenreiche Talfettwiese, ist jedoch unter Umständen realisierbar», erklärte der Fachmann.

Nicht jede Fläche eignet sich also für eine Aufwertung. Ein weiterer wichtiger Faktor sei das passende Saatgut. Die beste Option sei hier sogenanntes autochthones, also gebietseigenes Saatgut von einer standortähnlichen Spenderfläche aus dem Umkreis von 15 km, da die Pflanzen genetisch bestens an den Standort und das Klima angepasst, widerstandsfähig gegenüber vorherrschenden Umweltbedingungen und daher erfolgreicher im Aufwuchs seien. «Steht kein gebietseigenes Saatgut zur Verfügung, ist vermehrtes Saatgut aus derselben biogeografischen Region die zweite Wahl», sagte Bosshard.

Bezogen werden kann gebietseigenes Saatgut vom Verein Semenza Retica. Auf der Webseite gibt es eine Liste der Saatgut-Produzenten mit passenden Spenderflächen. Der Bezug von gebietseigenem Saatgut sei teurer als der Kauf von konventionellem Saatgut. Allerdings zahle der Kanton die Differenz. Ist das Saatbett gut vorbereitet, sprich vegetationsfrei, gut abgesetzt und feinkrümelig, kann gesät werden.

Nach dem Walzen, einem bis zwei Pflegeschnitten im Ansaatjahr und der Abfuhr des Mähguts heisse es: Geduld haben. Wenn es gelingt, Flächen auf QII aufzuwerten, dann winken Beiträge von 3700 Fr. pro ha. Das kann profitabel sein.

Anforderungen an Spenderflächen sind hoch

«Wenn Sie als Landwirtinnen und Landwirte eine Fläche haben, die sich wiederum als Spenderfläche eignet, dann können Sie sich ebenfalls an Semenza Retica wenden», fügte Andreas Bosshard hinzu. Allerdings seien die Anforderungen an eine Spenderfläche hoch. Im Wesentlichen muss sie

  • frei von Neophyten sein,
  • einen guten Gräserbestand haben und
  • mindestens zehn Qualitätsarten beherbergen, um eine entsprechende Artenvielfalt zu gewährleisten.

Infrage kommende Flächen werden unter anderem anhand dieser Kriterien von Fachleuten bewertet und es kommt je nach Ergebnis zur Möglichkeit des Samenverkaufs.

Nützlinge zur Schädlingsbekämpfung im Acker

Ob einheimisches Saatgut zur Biodiversitätsförderung auch in Saumstreifen auf Ackerland zum Einsatz kommen kann, wird derzeit auf neun Flächen in Graubünden getestet. Über die Erfahrung mit der Anlage solcher Saumstreifen berichtete Annina Schreich, die am Plantahof als Biodiversitätsberaterin tätig ist. Mit dem stetig zunehmenden Wegfall chemischer Mittel zur Schädlingsbekämpfung im Ackerbau wird der Einsatz von Nützlingen immer bedeutender.

«Untersuchungen zeigen, dass Nützlingsblühstreifen neben Winterweizen für eine zusätzliche 40 bis 53-prozentige Dezimierung von Getreidehähnchen sorgen können. Neben Kartoffelfeldern angelegt, können Nützlinge bis zu zusätzlich 75 Prozent der Blattläuse vernichten», so Schreich.

So zahlt sich Artenvielfalt in der Landwirtschaft aus
Ein Saum zwischen Feldweg und Ackerflächen bietet Lebensraum für Nützlinge, die bei der Schädlingsbekämpfung keine unerhebliche Rolle spielen.

Biodiversitätsförderflächen, welche über den Winter stehenbleiben, stellen sicher, dass die Nützlinge vor Ort überwintern. Neben dem Anlocken und Beherbergen von Nützlingen kann ein Saumstreifen auch verschiedene Lebensräume miteinander vernetzen und ist auch deshalb ökologisch wertvoll. «Vor diesem Hintergrund haben wir im Saumstreifen auf dem Plantahof von Januar bis März 2026 eine Fotofalle installiert», erklärte Schreich weiter.

Auf den Fotos sind verschiedene Kleinsäugetiere wie Feld- und Wasserspitzmaus, Waldmaus oder Hermelin zu sehen. Dies zeige, dass der Ackersaum die Biodiversität auch rein als Struktur in der Landschaft fördere. Dennoch sei besonders auf invasive Neophyten und Problempflanzen wie die Ackerkratzdistel, Ampfer und Winde zu achten. Die Anlage von BFF an Ackerrändern, auf denen solche Pflanzen vorkommen, ist nicht angeraten.

Nicht die Grösse, sondern die Regelmässigkeit zählt

Biodiversitätsfördernde Strukturen wie Säume, Hecken, Wiesen-, Ast- und Steinhaufen, Nisthilfen und Kleingewässer, vor allem eine Kombination daraus, bieten Nahrung, Deckung und Vernetzung von Lebensräumen.

«Einzelne Strukturen müssen nicht grossflächig sein, aber sie sollten in gewisser Regelmässigkeit rund um den Betrieb vorkommen», erklärte Sergio Wellenzohn, Präsident des Vogelschutzvereins Landquart. Asthaufen zum Beispiel bieten Lebensraum für das Mauswiesel, welches im Ackerboden lebende Schermäuse frisst.

Einzelbäume bieten Greifvögeln, die auf der Ackeroberfläche lebende Mäuse fressen, eine gute Übersicht. Artenreiche Wiesen bieten Boden- und Wiesenbrütern wie dem Braunkehlchen einen Lebensraum. Letzteres gehört aufgrund seiner Gefährdung zu den kantonal prioritären Zielarten.

Wenn man ein Braunkehlchen auf seinen Flächen nachweisen kann, eröffnen sich gezielte Möglichkeiten, finanzielle Beiträge im Rahmen der Artenförderung zu erhalten.

Wildbienen bestäuben effizienter als Honigbienen

Zu den Tieren, die ebenfalls gefährdet sind, zählen auch die Wildbienen, die in der Landwirtschaft aufgrund ihrer unterschätzten Bestäubungsleistung für verschiedene Kulturen eine grosse Rolle spielen, erklärte der Biologe Andreas Müller von der Natur Umwelt Wissen GmbH. Massgeblich zur Förderung von Wildbienen sind vier Faktoren:

So zahlt sich Artenvielfalt in der Landwirtschaft aus
Ein Steinhaufen bietet als Strukturelement vor allem Reptilien einen Unterschlupf am Ackerrand.
  • Ein hohes Blütenangebot, denn zur Produktion eines einzigen Nachkommens brauchen Wildbienen Pollen und Nektar von mehreren hundert Blüten.
  • Ein vielfältiges Blütenangebot, denn rund die Hälfte der nestbauenden Wildbienen hat sich auf eine bestimmte Wirtspflanze spezialisiert.
  • Ein möglichst kontinuierliches Blütenangebot von Frühling bis Herbst, da verschiedene Wildbienenarten wie etwa Hummelkolonien, bei Trachtenlücken vor der Produktion von Geschlechtstieren absterben.
  • Ein hohes Angebot von Kleinstrukturen zur Nestanlage wie Totholz, offene Bodenstellen, mehrjährige Stängel, Steine und versaumte Flächen.

Da bestimmte Wildbienenarten in einem Radius von 120 Metern ihr Leben verbringen, darf die Distanz zwischen Nist- und Nahrungsplätzen nicht zu gross sein. Eine QII-Fläche kann demnach nur ihr Wildbienen förderndes Potenzial ausschöpfen, wenn es in der Nähe Niststrukturen wie zum Beispiel Totholz gibt.

Viele der am Feldtag vorgestellten Massnahmen zur Biodiversitätsförderung auf dem Betrieb sind eingebettet in die Biodiversitätsstrategie des Kantons Graubünden. Im Zuge dessen gibt es aktuell ein Pilotprojekt «Biodiversitätsbetriebe» mit der Aufgabe, zielorientierte Entschädigungen für Biodiversitätsfördermassnahmen zu erarbeiten.

Aktuell nehmen 30 Betriebe teil. In der nächsten Umsetzungsetappe soll das Projekt noch weiter ausgedehnt werden. Weiterführende Informationen dazu finden Interessierte unter www.terraviva.gr.ch.

Weiterlesen

  • Schadenstiftender Wolf im Meiental ist erlegt

    Schadenstiftender Wolf im Meiental ist erlegt

    Auf der Alp Heimkuhweide Fürlauwi im Kanton Uri riss ein Wolf mindestens sechs Schafe. Drei Tage nach der erlassenen Abschussverfügung konnte das schadenstiftende Tier nun von der Wildhut entnommen werden.
    Show more
  • Gewinnen Sie zwei Tickets für die OLMA 2026!

  • Agroscope muss sparen: Bei diesen Forschungsthemen wird reduziert

    ABO