Ich hätte nie gedacht, dass mich eine Küche einmal traurig machen könnte. Und doch stehe ich mitten im Staub und merke: Wir reissen nicht nur einen Raum heraus. Wir lösen eine Zeit ab.

Die Küche ist ein Ort voller Geschichten

Seit 17 Jahren leben wir in diesem Haus. In einer Wohnung, in der schon mein Liebster mit seinen Eltern und seinen Schwestern zu Hause war. Ein Ort voller Geschichten – erst seine, dann unsere. Hier haben unsere Kinder ihre ersten Schritte gemacht, von der Eckbank aus die Welt draussen beobachtet, sind mit Bobbycars um die Ecke geflitzt. Sie sassen mit von Tomatenspaghetti verschmierten Gesichtern und klebrigen Fingern am Tisch, spielten mit ihrem Stall aus Holz auf dem Küchenboden, hörten Geschichten, wurden grösser. Heute sind sie Teenager. Sie kommen und gehen. Sie sind längst grösser als ich. Und doch sind sie noch immer ein wenig die Kinder von damals.

Die alte Küche hat ausgedient

Jetzt tragen wir Schrank um Schrank hinaus. Die Küche verliert Stück für Stück ihr Gesicht. Mein Mann setzt den Spitzhammer an und fegt die alten Bodenplatten weg. Jeder Schlag hallt durch den Raum, als würde er nicht nur Platten, sondern auch die Jahre darunter freilegen. Hier endet etwas. Und ich sehe nicht nur Bretter, Schrauben, Bauschutt und Staub. Ich sehe kleine Füsse, die über den alten Küchenboden «höselen». Ich höre Kinderlachen, das in den Wänden hängen geblieben ist. Ich rieche den Duft unzähliger Morgen-, Mittag- und Abendessen, die wir hier gekocht haben.[IMG 2]

Es tut ein bisschen weh, diese vertraute Hülle loszulassen. So wie es weh tut, wenn man merkt, dass eine Zeit vorbei ist. Die Kinder sind gross geworden. Und vielleicht wird jetzt auch unsere Wohnung ein wenig erwachsen. 

Dann passiert etwas Unerwartetes: Zwischen Kabeln und Staub entdeckt der Elektriker in einer Blindabdeckung eine vergilbte Seite der Zeitung «Vaterland» vom 28.6.1991, dem Baujahr unseres Hauses. Ich halte sie in den Händen wie ein Fundstück aus einer anderen Zeit. Schlagzeilen und Werbung von damals, verblasst, aber lesbar. Ein stilles Zeugnis aus der Zeit, bevor hier überhaupt jemand gelebt hat.

Ein neues Kapitel wird geschrieben

In diesem Moment wird mir klar: Dieses Haus und unsere Wohnung haben schon lange vor uns Geschichten gesammelt. Unsere sind nur ein Teil davon. Wir reissen nichts heraus. Wir schreiben weiter. Wir schaffen Platz für Neues: für neue Erinnerungen, neue Spuren, neue Geräusche. Und die alten? Die verschwinden nicht. Sie rücken nur ein wenig nach hinten. Wie Fotos in einer Schublade, die man immer wieder gerne öffnet.

Und während die alte Küche Stück für Stück verschwindet, merke ich: Ich lasse die Vergangenheit nicht los. Ich räume ihr nur ein neues Fach frei. Damit die Zukunft daneben Platz findet.