Er ist schwarz gepunktet und saftig: Trudi Berchtold schneidet in der Küche den Rhabarberkuchen an, den sie gebacken hat. «Das Gemüse ist aus meinem Garten hinter dem Haus», sagt sie. «Er ist nicht gross, doch mir macht es Freude, mit dem zu kochen, was dort wächst.»
Nicht nur mit dem Backen kennt sich Trudi Berchtold aus. Die Mutter von drei Kindern im Alter zwischen 12 und 18 Jahren ist Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin. «Ich hatte in der Schule eine coole Handarbeitslehrerin», antwortet sie auf die Frage, was sie an diesem Beruf gereizt hatte. Floristin oder Drogistin seien auch noch zur Auswahl gestanden, doch dann entschied sie sich für die 5-jährige Ausbildung am Lehrerinnenseminar Ingenbohl.
Lieber im Stall als in der Küche
Aufgewachsen ist die Obwaldnerin im rund acht Kilometer entfernten Lungern am gleichnamigen See und als Jüngste von fünf Schwestern. Die Eltern führten einen Drei-Stufen-Milchwirtschaftsbetrieb und die Familie war fast den ganzen Sommer auf der Alp. «Wir Mädchen waren alle lieber im Stall und in der Natur als in der Küche», erinnert sie sich schmunzelnd. «Meine Mutter hatte wenig Hilfe von uns im Haushalt.»
Nach dem Ende der Schulzeit musste sie ein Zwischenjahr absolvieren, bevor sie ans Seminar durfte, und sie entschied sich für ein bäuerliches Haushaltlehrjahr bei einer Familie in Giswil.
«Damals lernte ich meinen Mann Sebi kennen», sagt Trudi Berchtold. Die Gastfamilie hatte Vieh auf derselben Alp, und bei der Alpabfahrt – der Heifahrä» wie im Obwaldner Dialekt der Alpabzug zu Fuss genannt wird – kam sie mit einem jungen Mann ins Gespräch, der ihr gefiel. «Dabei wollte ich nun wirklich nicht unbedingt einen Bauern», meint sie lachend.
Die beiden blieben ein Paar, sowohl die fünf Jahre, die Trudi Berchtold in Ingenbohl war, als auch als sie anschliessend eine Stelle in Andermatt antrat. «Ich hätte mir gut vorstellen können, dort zu bleiben. Doch dann hatte ich die Möglichkeit, in Giswil eine Stelle zu übernehmen», sagt die 47-Jährige.

Den Betrieb jung übernommen
Sebi Berchtold hatte im Alter von 26 Jahren in Giswil einen Hof von einem ledigen Onkel übernehmen können. Der Betrieb war damals etwa halb so gross wie heute.
Inzwischen gehören 27 ha landwirtschaftliche Nutzfläche zum Hof Mühlebach, vieles davon Bergland. Dazu kommen 30 Milchkühe und 25 Stück Jungvieh mit eigener Aufzucht.
«2017 zogen die Tiere in den umgebauten Laufstall, in dem alles rationell und praktisch eingerichtet ist», erklärt seine Frau. «Mich braucht es im Stall nicht.» Im Sommer seien zudem alle Tiere z’Alp und ein befreundeter Bauer verkäse die Milch.
So können sich Trudi und Sebi Berchtold, mit viel Unterstützung aus der Verwandtschaft, aufs Heuen konzentrieren. Zudem hat Sebi Berchtold im Nebenerwerb einen Baggerbetrieb aufgebaut, für den er regelmässig im Einsatz ist.
Als Lehrerin für angehende Bäuerinnen
Nachdem das zweite Kind auf der Welt war, wechselte Trudi Berchtold beruflich ans Berufs- und Weiterbildungszentrum (BWZ), ebenfalls in Giswil. «Dort unterrichtete ich im Winterhalbjahr die angehenden Bäuerinnen», sagt sie. «Das liess sich gut mit der eigenen Familie verbinden.»
Insgesamt 10 Jahre blieb Trudi Berchtold am BWZ, dann war es Zeit für eine Veränderung. Denn der Baggerbetrieb und die Landwirtschaft wuchsen, es gab viel im Büro zu tun. Schliesslich entschied sich das Paar, den Baggerbetrieb zu verkleinern, und Trudi Berchtold übernahm eine Teilzeitstelle als Handarbeitslehrerin an der Volksschule hier in Giswil. «So kann ich über Mittag jeweils nach Hause, das ist mir wichtig.»
Häkeln liegt gerade im Trend
Trudi Berchtold unterrichtet in Giswil die Oberstufenschülerinnen und -schüler. Die meisten seien im Handarbeitsunterricht recht motiviert. «Nähen mit der Nähmaschine, das kommt an», meint sie schmunzelnd.
Im 3. Schuljahr dürften die Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden, was sie im Unterricht fertigen. «Viele fangen an zu häkeln, das liegt gerade im Trend. Oder sie nähen sich etwas zum Anziehen mit der Overlock-Maschine.»

Alltagskompetenzen stärken
Ausser für die Familie und den Beruf engagierte sich Trudi Berchtold fünf Jahre als Ortsvertreterin und fünf Jahre als Aktuarin im Vorstand der Obwaldner Landfrauen. Sie gab das Amt auf, als sie an die Schule in Giswil wechselte. «Doch etwa ein Jahr später hörte ich, dass der SBLV Frauen für die Kommission Ernährung und Hauswirtschaft suchte. Das sprach mich sofort an.»
Was reizte sie daran? «Bei den hauswirtschaftlichen Themen geht es darum, die Alltagskompetenzen zu stärken», erläutert sie. «Diese Kompetenzen sind wichtig, auch wenn sie nicht immer sichtbar sind und nicht immer wertgeschätzt werden. Auch die saisonale und regionale Ernährung ist ein wichtiger Teil der Kommission.»
Die Coronazeit sei ein schönes Beispiel dafür, als man plötzlich auf sich selbst und die eigenen vier Wände zurückgeworfen war. «Vieles im Leben funktioniert besser, wenn man die grundlegenden Alltagskompetenzen beherrscht. Das hat auch mit Wohlbefinden und Gesundheit zu tun.»
Kochbuch ist das Highlight der Kommissionsarbeit
Zudem lerne sie gern neue Leute kennen. Ein Highlight der Kommissionsarbeit sei sicher die ganze Arbeit rund um das Kochbuch «Aus 1 mach 5» gewesen, welches der SBLV diesen Frühling zusammen mit dem Verlag Schweizer Landliebe herausgegeben hat. «Es war toll, beim Entstehungsprozess von Anfang bis zum Ende dabei sein zu dürfen.»
Neue Projekte anpacken
Diesen Frühling wurde Trudi Berchtold zur Präsidentin der Kommission Ernährung und Hauswirtschaft des SBLV gewählt. Sie startet mit viel Herzblut ins Amt. «Ich hoffe, dass wir die Energie des Kochbuchprojekts weiterziehen können, denn gemeinsam als Team können wir viel erreichen und neue Projekte anpacken.»
Auch zusammen mit ihrem Mann Sebi möchte Trudi Berchtold ein neues Projekt starten. «Die Idee dazu kam mir, als ich in der BauernZeitung einen Artikel über eine Bäuerin, die Kochkurse gibt, las.» So kam ein langgehegter Traum wieder auf und sie erklärte ihrem Mann, dass sie ein eigenes Kochstudio auf dem Hof eröffnen möchte.
Die moderne Landwirtschaft zeigen
Da schon länger im Raum stand, den Wagenschopf zu vergrössern, war der geeignete Platz schnell gefunden. «Unten möchten wir ein Kochstudio einrichten», erklärt sie begeistert. «Wir möchten uns auf Teamanlässe konzentrieren und den Leuten die Landwirtschaft näherbringen.»
Nicht etwa eine nostalgische Bauernwelt, sondern eine innovative, moderne Landwirtschaft. Sebi Berchtold würde den Teilnehmenden den Hof zeigen und Trudi Berchtold die Kochkurse leiten. Noch sind nicht alle Bewilligungen da. «Doch wir haben schon viele gute Ideen für unser Kochstudio.»
Ideen wie diese umzusetzen, ergebe sich bei ihnen oft spontan, sagt Trudi Berchtold. «Mein Mann ist sehr flexibel. Ich bin als Lehrerin dagegen sehr strukturiert.» Auf dem Hof habe sie gelernt, flexibel und offen für Veränderungen zu bleiben. «Und wenn etwas für einen von uns nicht stimmt, reden wir darüber.»
Fragen an Trudi Berchtold
Was kochen Sie (fast) immer gern? Suppen, auch im Sommer. So kann ich den Kindern das Gemüse schmackhaft machen. Was möchten Sie besser können? Ich hätte gern eine Stimme zum Singen und Jodeln. Welches Landwirtschaftsthema beschäftigt Sie am meisten? Wenn wir uns als Bauern jeweils in einer Abstimmung für den eigenen Alltag rechtfertigen müssen. Derzeit beschäftigt mich, dass einem Steine in den Weg gelegt werden, wenn man als Landwirtschaftsbetrieb innovativ sein möchte. Welches Alltagsritual gehört für Sie dazu? Sich Zeit fürs Zmorge nehmen und der Familientisch. Das Zusammensein und Sich-austauschen ist mir wichtig. Welches ist Ihr Lieblingsplatz? Mehr als einen. Wir haben etwa ein sehr schönes Berggut. Mir gefällt es auch an den Ufern der Laui oder auf dem Giswilerstock. Welche Tätigkeiten im Alltag erachten Sie als sinnlos? Fensterputzen: Kaum ist man fertig, könnte man wieder von vorn beginnen.

