Bianca Schellings Lebensplan stand fest. Zusammen mit ihren Eltern würde sie einen kleinen Hof mit Pferden kaufen und betreiben. Dann steckte sie eines Abends im Dorf Schleitheim im Schnee fest, und ihr Chef sandte Bernhard Schelling zur Rettung. «Da kam alles anders», lacht die heutige Bäuerin vom Gruberhof. Oder doch nicht ganz?

Pferde spielen weiterhin eine zentrale Rolle in ihrem Leben. Neun Tiere weiden auf dem Betrieb in Siblingen SH, am Fuss des Randen-Hügelzugs, drei davon gehören Bianca Schelling. Die übrigen sechs sind Teil der Pensionspferdehaltung.

Erst Modellschreinerin, dann Umweltingenieurin

Die quirlige 38-Jährige passte ihre Pläne schon mehrfach an. Statt in die Kantonsschule, wie es ihr Vater wünschte, wurde sie Modellschreinerin. «Ich bin halt die Praktikerin», beschreibt sie sich. Dann machte sie doch noch einen Bachelor als Umweltingenieurin. «Es war mir immer sehr wichtig, dass man nachhaltig lebt und die Welt so gestaltet, dass sie auch für die nächste Generation noch erlebbar ist», begründet sie diesen Schritt.

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Mehrere Jahre arbeitete sie im Büro des Naturparks Schaffhausen. Dann zog es sie zurück in die Natur, zu einem Biogemüsebetrieb. Zudem absolvierte sie berufsbegleitend die Bäuerinnenschule. Eine gute, aber nicht beabsichtigte Vorbereitung für ihr weiteres Leben, dachte sie damals. Doch es kam anders und passt doch.

Vielseitige Aufgaben auf dem Hof

Bianca Schelling ist zuständig für die Pferdepension auf dem Gruberhof, acht Mutterschafe, 15 Legehühner, den grossen Obst- und Beerengarten, den Hofladen und einen guten Teil der Büroarbeit. Derweil betreibt ihr Mann Bernhard auf etwa 60 Hektaren Acker- und Futterbau, kümmert sich um den Zucht- und Mutterschweinestall sowie die Lohnarbeiten.

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Ihr Umweltstudium nutzt Bianca Schelling als Administratorin für Agricultura Regeneratio – einem Schweizer Verein für regenerative Land- und Ernährungswirtschaft. Der Gruberhof nimmt gerade an einem Projekt des Vereins teil. 

Gesunde Böden zu fördern, ist schon lange Praxis auf dem Betrieb: Bernhards Vater Hans Schelling säte bereits immer Gründüngung und Kunstwiesen.

Pensionsstall selbst geplant

Bianca Schellings Lieblingsplatz ist klar bei den Tieren, besonders bei den Pferden. Sie plante den Pensionsstall selbst und half, diesen umzusetzen. Sie darf stolz sein auf das Resultat. Der Stall ist hell, geräumig und sauber. «Die Pferde haben immer und ganzjährig Zugang zur Weide», erklärt sie auf dem Gang dorthin.

Auf ihren Ruf hebt ein grosser Appaloosa den Kopf und kommt angetrabt. Choice ist das erste Pferd, das Bianca Schelling gekauft hatte, mit dem ersten Gehalt nach dem Studium. Choice stupst seine Besitzerin an, sie krault ihn am Bauch. 

Genüsslich legt das Pferd seinen Kopf zur Seite. «Die Tiere erden mich», erzählt sie. «Ihre Ruhe überträgt sich auf mich, das brauche ich.» Beim Sprechen verwendet sie oft die Hände, ist immer in Bewegung.

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Die zwei Töchter, Samia (5-jährig) und Ailin (4-jährig), wollen unbedingt mit zu den Hühnern unter den alten Obstbäumen. Schnell sieht die Mutter, dass sich ein graues Huhn schwer tut mit dem Gehen. 

Der geschwollene Leib deutet auf eine Legedarmentzündung hin. Die Bäuerin hofft, dass eine Behandlung mit Metacam Abhilfe bringt. Die Mädchen möchten bei der Verabreichung helfen.

Vorsichtiger geworden, seit sie Mutter ist

Das Mutterwerden brachte Bianca Schelling mehr Bedacht in ihr Leben. «Wo ich früher schnell mal etwas riskierte, zum Beispiel bei den Pferden, bin ich heute ängstlicher geworden», sagt sie. «Als Mutter hat man eine andere Verantwortung.» 

Wenn möglich, halten sich Bianca und Bernhard Schelling jedes zweite Wochenende frei für die Familie. Bernhards Vater hilft täglich auf dem Hof, sowie ein Lehrling und zweimal wöchentlich eine Mitarbeiterin. So liegen sogar Familienferien drin.

Der Gruberhof ist als einfache Gesellschaft eingetragen. Jeder Partner führt selbstständig seinen Betriebszweig und hilft dem anderen nach Bedarf. Diese Selbstständigkeit ermöglicht der Bäuerin einen eigenen Lohn mit Einzahlungen in die AHV und die Pensionskasse.

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Es braucht gute Kommunikation, gerade bei viel Arbeit

Ein vielseitiger Betrieb verlangt eine gute Kommunikation. «Das mussten wir lernen», sagt Bianca Schelling offen. Sie und ihr Mann brachten verschiedene Kommunikationsstile in die Ehe. Zudem sind auf dem Bauernhof Arbeit, Familie und Freizeit kaum getrennt. 

«Ein gutes Klima ist sehr davon abhängig, wie stark die Arbeitslast ist.» Ist diese hoch, steigen auch die Spannungen. In einer Kommunikationstherapie lernte das Paar Strategien wie jene mit dem Whiteboard: Arbeitspläne werden diskutiert, organisiert und wochenweise aufgeschrieben. So weiss jeder Bescheid. 

Rückblickend war das Steckenbleiben im Schnee vielleicht genau der Umweg, der sie zu ihrem eigentlichen Lebensentwurf geführt hat.

Fragen an Bianca Schelling
 
Welches Alltagsritual gehört für Sie dazu?
Eigentlich sind es drei Rituale: meinen Kaffee vor dem Stall, meine Turnübungen, damit ich die Mistgabel auch im Alter noch schwingen kann, und meine Kinder ins Bett bringen.

Wie belohnen Sie sich selbst?
Im Winter mit Schokolade, im Sommer gerne mal mit einem Feierabendbierchen oder einfach mit Zeit für mich, meist mit den Pferden.

Worauf achten Sie bei einem Mann oder einer Frau als Erstes?
Auf die Ausstrahlung

Welches Kompliment freut Sie?
Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Dankbarkeit über meine Arbeit hier auf dem Hof

Was raubt Ihnen den Schlaf?
Meistens bin ich abends so k.o., dass ich tief und fest durchschlafe. Das Einzige, was mich wachhält, ist, wenn die Kinder krank sind. Manchmal auch, wenn schlechte Stimmung in der Luft liegt, oder unausgesprochene Konflikte mit der Familie oder im Stall.