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«Betriebsleitung braucht schon viel Rückgrat»

35 Milchkühe, 59 Hektar, Biobetrieb auf 1100 m ü. M.: Gianna Martina Peer zeigt, was es braucht, um als Frau einen Bergbetrieb erfolgreich zu leiten.

«Ich habe grossen Respekt und Bewunderung für das, was meine Eltern in den letzten 30 Jahren hier aufgebaut haben. Als Frau in der Landwirtschaft beeindruckte mich meine Mutter Seraina schon immer. Sie war immer die Konstante des Betriebes, hat meinem Vater und mir den Rücken freigehalten. Von meinem Vater habe ich die Leidenschaft für die Viehzucht in die Wiege gelegt bekommen und gelernt, wie ein solcher Betrieb zu führen ist.» Aus den Worten von Gianna Martina Peer ist viel Dankbarkeit zu spüren. Die 37-jährige Unterengadinerin ist seit zwei Jahren die Betriebsleiterin des Hofes Bain Tschanüff in Ramosch.

Schon als Kind gerne im Stall

Es war schon früh absehbar, dass Gianna Martina Peer Landwirtin werden wird. «Mein Ziel in der Schule war es jeweils, die Hausaufgaben bereits während des Unterrichts zu erledigen, damit ich zu Hause möglichst bald in den Stall gehen konnte», erinnert sie sich zurück. Auch wenn sie während ihres Agronomie-Studiums und einer dreijährigen Anstellung in einem landwirtschaftlichen Treuhandunternehmen längere Zeit weg vom Betrieb war, für sie war immer klar, dass sie den elterlichen Hof übernehmen wollte.

Notfallmodus infolge Krankheit des Vaters

Obwohl die Betriebsübernahme absehbar war, kam die Leitung des elterlichen Hofs dann doch schneller als geplant. Im August 2022 wurde bei ihrem Vater Victor Peer ein Hirntumor diagnostiziert. «Ohne Vorankündigung wurde er bewusstlos. Plötzlich waren meine Mutter und ich komplett für den Betrieb verantwortlich», erinnert sich Gianna Martina Peer zurück. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch am Bildungs- und Beratungszentrum Plantahof in einem 80-Prozent-Pensum in der Beratung tätig. «Wären meine Mutter und ich nicht bereits voll in den Hof integriert gewesen, wäre diese intensive Zeit wohl kaum zu bewältigen gewesen.» Mit der grossen Unterstützung ihres langjährigen Mitarbeiters Marek meisterten die beiden Frauen diese schwierige Phase.

«Betriebsleitung braucht schon viel Rückgrat»
Für Gianna Martina Peer ist es zentral, dass wichtige Arbeiten auf dem Betrieb, wie beispielsweise die Klauenpflege, selber ausgeführt werden.

Gesunden Betrieb übernommen

2025, kurz vor der Pension ihres Vaters, gab Gianna Martina Peer ihre Anstellung in der Beratung ganz auf. «Ich schätzte die Arbeit im Team sehr, entsprechend fiel mir der Abschied vom Plantahof sehr schwer.» Die Beratungsarbeit selber, der Kontakt zu den Landwirten und das Analysieren von Betriebsdaten habe sie sehr erfüllt. Dieses Know-how kommt ihr nun aber als Betriebsleiterin zugute. «Ich hatte das Glück, einen finanziell gesunden Betrieb zu übernehmen. Das ist in unserer Branche nicht selbstverständlich», so die Bündnerin. Die exorbitanten Investitionskosten in Gebäude und Maschinen würden viele Betriebe im Berggebiet übermässig belasten.

Betriebsspiegel Bain Tschanüff

Lage: Heimbetrieb: Ramosch im Unterengadin, auf 1100 m ü. M.; Privatalp Uina Dadaint auf 1780 m ü. M. Fläche: 59 ha LN; davon rund 10 ha Kunstwiesen, 2 ha offene Ackerfläche, 47 ha Naturwiesen; 70 % in Zone III, 30 % der Flächen liegen in der Zone IV Tierbestand: 35 Milchkühe und eigene Aufzucht, total 50 GVE. Arbeitskräfte: Gianna Martina, Eltern, ein Ganzjahresangestellter, 2 Arbeitsstellen während der Sommermonate auf der Privatalp

Differenzen nicht aussitzen, sondern ansprechen

Neben ihrer Mutter und dem Angestellten wird Gianna Martina Peer auch von ihrem wieder genesenen Vater unterstützt. «Den Hof neben einem so starken Mann wie meinem Vater zu führen, braucht aber schon auch viel Rückgrat». Dieser sei es sich als langjähriger Betriebsleiter, ehemaliger Gemeindepräsident und Präsident des Gesundheitszentrums Unterengadin gewohnt, Verantwortung zu übernehmen und zu entscheiden. Wichtig sei, dass man Differenzen nicht aussitze, sondern anspreche, auch wenn es ab und zu etwas impulsiver werde. Mutter Seraina bleibe dann als ruhiger Pol halt auch einmal der undankbarere Part der Schlichterin.

Liebt es, mit den Kühen zu arbeiten

Sich als Frau durchsetzen muss sie auch bei ihrem Engagement in Verbänden, sie ist unter anderem im Vorstand der Genossenschaft Lataria Engiadinaisa und in Verhandlungen mit Behörden. «Teils ist es schon spürbar, dass man als Frau anfangs nicht gleich ernst genommen wird wie ein Mann», so die Erfahrungen von Gianna Martina Peer. Bei der täglichen Arbeit auf dem Hof hingegen sieht sie für sich als Frau kaum Nachteile: «Klar fehlt mir die körperliche Kraft, diese kann man aber meist mit überlegtem Arbeiten teilweise gut kompensieren.» Ihr ist es wichtig, möglichst viele Arbeiten selber auszuführen. So ist sie seit letztem Herbst Eigenbestandsbesamerin, und auch die Klauenpflege wird selber ausgeführt. «Ich liebe die Arbeit mit den Kühen. Ein Melkroboter kommt für mich deshalb nicht in Frage, ohnehin rechnet sich diese Investition auf diesem Betrieb nicht.»

«Betriebsleitung braucht schon viel Rückgrat»

Bio-Fütterungsrichtlinien fordern

In ihrem 25-jährigen Laufstall stehen 35 Brown Swiss Milchkühe und gleich viele Jungtiere. Trotz ihres Augenmerks auf die Wirtschaftlichkeit ist ihr auch das Exterieur wichtig. «Ich habe gerne schöne Kühe. Für exakte und gesunde Tiere stehe ich am morgen früh gerne im Stall.» Der Hof Bain Tschanüff wird schon seit Jahrzehnten nach den Bio-Richtlinien geführt. Allerdings seien die seit vier Jahren geltenden Fütterungsrichtlinien schon eine Herausforderung. «Die Milchleistung ist über 1000 Kilogramm pro Kuh und Jahr auf knapp unter 7000 Kilogramm gesunken. Ohne unsere zehn Hektar Kunstwiesen wäre eine bedarfsgerechte Fütterung unserer Kühe nicht möglich», betont Gianna Martina Peer.

Trockenheitsphasen und Starkniederschläge

Grundsätzlich befürwortet sie aber die von Bio Suisse eingeschlagene Strategie. «Eine standortgerechte Fütterung und langlebige Tiere sind nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht meist sinnvoll. Diese beiden Massnahmen wirken sich auch positiv auf die Umweltbilanz aus.» Ihre Region sei bereits von der Klimaveränderung betroffen. Obwohl es in den letzten zwei Jahren überdurchschnittlich viele Niederschläge gegeben habe, sei das Unterengadin stark durch Trockenheitsphasen gefährdet. «Extrem waren bei uns in den letzten Jahren auch die Starkniederschläge. Infolge eines Ereignisses vom letzten Sommer können wir die Rinderweiden auf der eigenen Alp nicht mehr nutzen, da der Auftriebsweg komplett weggespült wurde.»

Wichtige Auszeiten schaffen

Neben den klimatischen Veränderungen bezeichnet Gianna Martina Peer die Arbeitskraftsituation als eine grosse Herausforderung. Gerade auf ihrer eigenen Milchkuhalp Uina Dadaint im Val d’Uina gestalte sich die Personalrekrutierung immer schwieriger. Auf dem Heimbetrieb sei die Situation aktuell dank des langjährigen Mitarbeiters etwas entspannter. Und wie entspannt sich Gianna Martina Peer selber? In den Wintermonaten gehe sie oft Langlaufen, ab und zu an eine Viehschau und besuche auch gerne ihre Studienkolleginnen und Patenkinder im Unterland. Grundsätzlich komme die Freizeit schon etwas zu kurz. Entsprechend wichtig ist es Gianna Martina Peer auch, im Alltag die imposanten Unterengadiner Bergwelt bewusst wahrzunehmen und immer wieder kleine Auszeiten einzubauen.

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