Wir stehen auf dem Hof Allenwinden – und es hat schon einen Grund, warum der Ort so heisst: Er ist allen Winden ausgesetzt. Im Winter fegt die Bise den Schnee zusammen, im Frühling weht immer ein Lüftchen, im Sommer wird der Staub aufgewirbelt und im Herbst die Blätter. Links der Freiluftstall mit 87 Milchkühen, Mastmunis und Kälbern, ausgerüstet mit Melk- und Entmistungsroboter sowie einem Futtermischer. Rechts steht ein Schopf, und gerade eben wird das neue brandsichere Betankungshäuschen fertiggestellt. Vorne ragen zwei grosse Silos in den Himmel.

Anfangs zu kleiner Betrieb

Bewirtschaftet wird der Hof von der Betriebsgemeinschaft (BG) Allenwinden-Berghof – und die Gründung dieser BG war ein wichtiger Grund, warum sich René Joss (32) doch noch entschloss, in die Landwirtschaft einzusteigen. «Wir hatten nur 15 Hektaren Eigenland und ich sah darin keine Zukunft. Es ist bitter, dass kleine Höfe politisch nicht gewollt sind», sagt er.

So lernte er zuerst Forstwart und machte sich anschliessend als Forstwart selbstständig, wobei er nebenher auf dem elterlichen Betrieb arbeitete. Aber die Landwirtschaft packte ihn, sodass er die Zweitausbildung zum Landwirt abschloss.

«Wir überlegten, wie wir den Hof weiterentwickelten könnten, beispielsweise mit dem Ausbau der Direktvermarktung oder einem Stallneubau», erzählt Joss. Als Roland Steiner von der weiter oben gelegenen Betriebsgemeinschaft Allenwinden fragte, ob man etwas Gemeinsames auf die Beine stellen könne, war die Lösung klar. Die BG-Partner Silvia Stauber und Roland Steiner suchten einen Partner, weil sie arbeitsmässig an ihre Grenzen stiessen. Man kannte sich als Nachbarn gut, und Joss war in der BG auch schon oft mit der Ballenpresse im Einsatz.

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Ein gutes Gespann

«Da sah ich wieder Licht am Horizont», sagt René Joss. Gesagt, getan. In einem ersten Schritt gründeten Vater und Sohn eine Generationengemeinschaft, die dann auf 2017 der neue Partnerbetrieb der BG wurde. Damit vergrösserte sich die Fläche massgeblich auf über 80 Hektaren. Die Arbeitsteilung ist klar, aber jeder ist überall auf dem Laufendem und kann einspringen: Die Generationengemeinschaft war für den Kartoffelanbau zuständig, René Joss und Roland Steiner für den Ackerbau, Steiner zusammen mit Silvia Stauber für den Stall. Stauber übernahm auch die Buchhaltung. Renés Frau Janine ist in einem Anstellungsverhältnis vor allem für das Kälbertränken zuständig.

Kartoffeln Tricolore

Die BG baut neben anderen Ackerfrüchten auf 2,8 Hektaren Kartoffeln an. Diese liefert sie auf Rechnung an Familie Joss, die sie einlagert und allesamt direktvermarktet. «Dieses Jahr haben wir nebst anderen Sorten Vitabella angepflanzt. Eine robuste Sorte, vor allem gegen Kraut- und Knollenfäule», sagt René Joss. Sein Vater ergänzt: «Vergangenes Jahr pflanzten wir neben den normal gelben Festkochenden, auch blaue und rote Kartoffeln an.» Das war attraktiv für die Direktvermarktung, es gab quasi ein Raclettesäckli Tricolore.

BG Allenwinden-Berghof
Betriebsleitung:
Roland Steiner, Silvia Stauber und René Joss
Ort: Gossau ZH
Betriebsrichtung: ÖLN, IP-Suisse
LN: 87 ha mit Futter- und Ackerbau (Kartoffeln, Mais, Raps, Dinkel, Brotweizen, Futtergerste und Triticale)
Viehbestand: 87 Milchkühe, Aufzucht und Munimast

Zweistufige Übergabe

So wie es die Familie Joss gemacht hat, kann man eine Hofübergabe auch vollziehen. In einem ersten Schritt wird eine Generationengemeinschaft gegründet und in einem späteren Akt definitiv übergeben. Das war am 1. Januar 2022 der Fall.

Die Eltern Heiri (64) und Erika (60) Joss überschrieben den Hof René. «Wichtig war mir bei der Verschreibung, dass Renés zwei Brüder nicht nur informiert waren, sondern den Abtretungs- beziehungsweise Kaufvertrag auch unterschrieben», sagt der Vater. Das ist sinnvoll, so gibt es bei einer späteren Erbteilung auch keine Unklarheiten mehr.

«Geändert hat sich eigentlich nicht viel», sagt René Joss. Jetzt laufe alles über ihn, dazu gehören die Direktvermarktung und die Hühner, die nicht zur BG gehören. «Ich sitze einfach mehr im Büro», so Joss. Mit der Neuschätzung des Betriebs, dem Verschreiben und dem Grundbucheintrag sei es nicht getan, denn auch mit den Banken müsse alles neu geregelt werden.

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Die Wohnsituation klärte sich schon bei der Gründung der Generationengemeinschaft. René zog mit seiner Ehefrau Janine und den Kindern Leon, Nora und Silvan in die zweistöckige Betriebsleiterwohnung. Heiri und Erika zügelten in die Stöckliwohnung im Parterre, was seit der Hofübergabe auch mit einem Wohnrecht verknüpft ist.

Heiri Joss ist Co-Präsident vom landwirtschaftlichen Bezirksverein Hinwil. Das Amt behielt er nach der Übergabe, hingegen übergibt er das Präsidium des Privatwaldverbands gerne an seinen Sohn. Ein anderes Amt hat René Joss schon übernommen. Er engagiert sich im Vorstand der Flurunterhaltsgenossenschaft.

«Wir sind auf Kurs»

Die BG ist gut unterwegs. Aber ebenso wie den Winden ist der Hof der Agrarpolitik ausgesetzt. «Eigentlich erfüllen wir als IP-Suisse-Betrieb schon die Produktionssystembeiträge. Was nervt, ist die Einführung von zusätzlichen Biodiversitätsmassnahmen mit 3,5 Prozent auf Ackerflächen», sagt René Joss. Das gehe ihm gegen das Prinzip.

«Wir haben fruchtbare Böden und keine Probleme mit der Trockenheit, also top für den Ackerbau geeignet.» Vater Heiri ergänzt: «Wir haben heute schon 16 Prozent Ökofläche. Mehr als doppelt so viel, wie verlangt wird, und auf rund zwei Kilometern wachsen Hecken.» Sollen sie eventuell einen Teil der Ökoflächen umbrechen, um auf die 3,5 Prozent zu kommen? Vater und Sohn schütteln den Kopf.

«Das war früher anders» 
Eine Hofübergabe ist auch immer ein Grund, sich zu besinnen, wie es einem selbst ergangen ist. So erinnert sich auch Vater Heiri Joss und erzählt: «Ich wuchs mit zwei Schwestern auf, und keine Frage: Es war ganz klar, dass ich den Hof übernehmen werde.» Das sei heute anders. Als er aufwuchs, gab es auch keine Zweitwohnung auf dem Betrieb. «Ich wuchs mit Eltern, Geschwistern und Grosseltern im gleichen Haushalt auf. Das änderte sich, als ich und Erika den Hof übernahmen.» Heiri und Erika bauten mit viel Eigenleistung separate Wohnungen. Dabei übernahm Heiri fast alle baulichen Arbeiten. 

Er ist jetzt nicht mehr selbstständiger Landwirt oder Teilhaber der Generationengemeinschaft, sondern von der Betriebsgemeinschaft und seinem Sohn im Monatslohn angestellt. War das eine grosse Umstellung? «Alles gut», sagt er. «Jetzt habe ich den Vorteil, dass ich nicht schon nach 5 Uhr antreten muss.»