Während die Apfelbäume am Strickhof in Lindau noch immer nach Winterschlaf aussehen, stehen die Aprikosen im Tunnelanbau bereits in voller Blüte. Nicht nur die duftenden Blüten haben es Joyce Cereghetti angetan, sondern auch der Schnitt der Bäume in der Obstanlage. «Ich freue mich darauf, selbst wieder Bäume schneiden zu können», sagt die Landwirtin, die sich zurzeit auf den Abschluss des Agrotechniker-Lehrgangs vorbereitet.
Grosseltern haben Nähe zur Natur vermittelt
Obstbäume haben im Leben von Joyce Cereghetti schon immer eine Rolle gespielt: Aufgewachsen ist sie in Sonvico, einem Bergdorf bei Lugano. Während der Kindheit verbrachte sie viel Zeit mit ihren Grosseltern, die einen Obstgarten hatten. «Sie vermittelten mir die Nähe zur Natur», erzählt sie. «Diese Werte sind mir präsent geblieben.»
Nach dem Besuch der Handelsoberschule in Bellinzona wollte die Tessinerin eigentlich Lastwagen fahren, so wie ihr Vater. Doch der Traum zerplatzte, als dieser sein Transportunternehmen aufgrund des wirtschaftlichen Drucks aufgeben musste. Auf der Suche nach einer Neuausrichtung fand sie schliesslich zur Landwirtschaft: «Es war eine Rückbesinnung auf das, was ich von meinen Grosseltern mitbekommen hatte – die Arbeit mit der Erde, mit den Pflanzen, mit dem Wechselspiel der Jahreszeiten», erzählt Joyce Cereghetti.
Nach vier Jahren wollte sie wieder auf den Acker
So entschloss sie sich zu einer Lehre als Landwirtin. Diese führte sie über den Gotthard, weil sie Deutsch lernen wollte. «Es fiel mir schon immer leicht, mir Sprachen anzueignen.» Durch die Ausbildung auf Betrieben in den Regionen Bern und Solothurn lernte sie ein breites Spektrum der Landwirtschaft kennen. Anschliessend nahm sie das Studium zur Agronomin an der HAFL auf, die sie jedoch aus gesundheitlichen Gründen nach einem Jahr abbrechen musste.
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Feldarbeit, Marketing und Verkauf miteinander kombinieren
Joyce Cereghetti kehrte in den Tessin zurück, wo sie über vier Jahre in der Schnittstelle zwischen Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung tätig war, unter anderem im Bereich Marketing und Verkauf in einer Molkerei und auf einem Gemüsebetrieb.
«Dann zog es mich wieder auf den Acker», erzählt sie. Schliesslich wechselte sie auf einen Beerenbetrieb im Zürcher Unterland. Das war vor vier Jahren. «Hier kann ich selbständig arbeiten und die Bereiche Feldarbeit, Marketing und Verkauf miteinander verbinden», so die 32-Jährige.
So hat sie beispielsweise bei der Vermarktung eines Beerenschorles mitgearbeitet. Besonders gerne ist sie auf dem Feld unterwegs: «Traktorfahren ist für mich wie eine Therapie», verrät sie. «Es vertreibt die Sorgen». Speziell angetan haben es ihr die Oldtimer-Traktoren.
Mit Autodidaktik zur Drohnenpilotin
Eine weitere Leidenschaft von Joyce Cereghetti ist die Fotografie. «Vor einiger Zeit entdeckte ich die Kombination von Job und Hobby und begann meine Arbeit auf dem Betrieb zu dokumentieren», erzählt die Landwirtin. Dabei realisierte sie, was für ein Potenzial dabei schlummert: Indem sie die Videos und Bilder auf den sozialen Medien zeigt, erreicht sie eine Vielzahl von Menschen.
«Meine Absicht ist es, der Bevölkerung eine authentische Sicht der Landwirtschaft aufzuzeigen», erzählt die Landwirtin. Vor zwei Jahren hat Cereghetti zudem eine Drohne geschenkt bekommen. «Das Land aus der Vogelperspektive zu dokumentieren, macht zusätzlich Spass», sagt sie. Den Umgang mit Kamera und Drohne brachte sie sich autodidaktisch bei. Eines ihrer Berufsziele ist es, sich als Fotografin und Drohnenpilotin in der Landwirtschaft einen Namen zu machen.[IMG 3]
Sie sei da zu Hause, wo sie sich wohlfühle, sagt Cereghetti. Sie lebe gerne in der Deutschschweiz, dennoch führen sie ihre Zukunftspläne zurück in den Tessin: Sie hat begonnen, in ihrem Heimatdorf einen Bauernbetrieb aufzubauen. Ihr Ziel ist es, mehreren brachliegenden Kleinparzellen einen neuen Wert zu geben. Insgesamt handelt es sich um rund 1 ha Land. Ein Teil davon gehört der Familie, einige Flächen konnte sie pachten.
Sie baut einen eigenen Betrieb im Tessin auf
Im Zentrum steht eine Parzelle mit dem Namen «Röslin», was im Tessiner Dialekt «Röslein» bedeutet. Cereghetti zeigt auf die tätowierte Rose auf ihrem Arm: «Sie steht für Mut und Kraft», sagt sie. So passt es, dass der neue Betrieb «Röslin-Hof» heissen soll.
Auf den Parzellen möchte die angehende Agrotechnikerin hauptsächlich Obst, Beeren und Kräuter anpflanzen, später vielleicht auch Gemüse in Permakultur. Sie denkt etwa an verschiedene alte Apfelsorten, Birnen, Aprikosen, Zwetschgen und Kirschen. Bei den Beeren sind es vor allem die Heidelbeeren, die es ihr angetan haben.
Auch was die Kräuter betrifft, hat Cereghetti schon konkrete Vorstellungen: «Rosmarin, Lavendel und Pfefferminze haben nicht nur eine heilsame Wirkung, sie vermitteln ausserdem positive Gefühle».
Beim Baumschneiden, kommen ihr die besten Ideen
Auf der Hauptparzelle steht bereits ein Gebäude, das heute vor allem als Magazin genutzt wird. Dort soll künftig der Hofladen entstehen. Sie plant, ihre Produkte vor allem direkt zu vermarkten. Zudem möchte sie sich besser vernetzen. Daher engagiere sie sich bereits in einem Projekt zur regionalen Entwicklung (PRE). «Bis jetzt kenne ich ja vor allem Landwirtinnen und Landwirte aus der Deutschschweiz.»
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Die ersten Bäume – Walnüsse – werden bald gepflanzt. Dem eigentlichen Aufbau des Betriebs will sich Cereghetti nach dem Abschluss der Agrotechnikerschule widmen. Bis die Bäume so gross sind, dass sie einen Schnitt benötigen, werden zwar noch einige Jahre vergehen. Doch sie weiss jetzt schon: «Die Tätigkeit des Baumschneidens macht den Geist offen, da kommen mir die besten Ideen.»
Fragen an Joyce Cereghetti
Sind Sie ein Morgen- oder ein Abendmensch?
Ich stehe täglich um 5 Uhr auf, um den Tag vorzubereiten. Also bin ich wohl ein Morgenmensch.
Was ist Ihr Lieblingsfilm?
Ich schaue selten Filme. Am liebsten verbringe ich die Zeit draussen in der Natur, um zu beobachten. Auch das erzählt mir spannende Geschichten, fast wie ein Film.
Wann haben Sie sich das letzte Mal geärgert?
Ich bin impulsiv und ärgere mich fast jeden Tag, meistens über mich selbst.
Wohin würden Sie gerne verreisen?
Wenn ich Zeit hätte, würde ich gern nach Peru reisen. Die Kultur fasziniert mich sehr.
Was ist Ihr Lebensmotto?
«Das Beste daraus machen, mit dem, was du hast.»