Ich bin als drittes von elf Geschwistern in Armut im Emmental aufgewachsen. Meine Eltern waren als Hirten angestellt und hatten keinen eigenen Hof. Ich war etwa viereinhalb Jahre alt, als mich ein alter Mann packte und missbrauchte. Das war schlimm. Ich schämte mich sehr, wusste nicht, was geschehen war, und versteckte mich. Ich konnte mit niemandem darüber sprechen, weil ich keine Worte dafür hatte. 

Danach war ich schreckhaft und hatte vor allem Angst. Meine Mutter sagte danach, ich sei nicht mehr die gleiche. «Du bist ein komisches Mädchen geworden», meinte sie. Ich habe auch nicht mehr richtig gegessen, ein ständiges Herumnörgeln deswegen. Frühere Kindheitserinnerungen habe ich kaum. Ich war ein ruhiges Kind. Und sehr hilfsbereit.

Mit 9 ½ Jahren wurde ich von einem Pferd sehr stark ins Gesicht geschlagen. Ich erlitt einen Kieferbruch und verlor mehrere Zähne.

Mit 12 Jahren für eine Kuh verkauft

Als ich 12 Jahre alt war, wurde ich ohne Vorwarnung verdingt. Oder man könnte auch sagen, für eine Kuh verkauft. So kam es dazu: Auf unserer Wohn-Alp erkrankten die Kühe an Tuberkulose. Der ganze Stall musste geräumt werden. Wir verloren alles, nachdem die Eltern endlich eine Herde mit ein paar Kühen aufgebaut hatten. 

Es gab keine Milch mehr, nichts mehr für die kleinen Geschwister. Meine Mutter sagte zu meinem Vater: «Du musst eine Kuh suchen.» Da kam ihm ein Hof in den Sinn, wo er früher als Melker gearbeitet hatte, eine reiche Bauernfamilie. Die halfen ihm aber nicht.[IMG 2]

Einem anderen Bauern kaufte er dann eine Kuh ab. Dieser verlangte 2000 Franken. Mein Vater war selbst ein Heim- und Verdingkind und wusste nicht, wie viel Geld das ist. Die Kuh kränkelte, gab immer weniger Milch und musste nach drei Wochen geschlachtet werden. Also hat mein Vater den Bauern angerufen und gesagt, er bezahle nichts für diese Kuh, er sei von ihm «beschissen» worden.

Mit einem wildfremden Mann mitgeschickt

Nach einer Weile kam der Bauer auf die Alp. Die ganze Familie war verstört, niemand wusste, warum. Der Bauer verlangte Geld für die Kuh. Wir hatten keines, und weil mein Vater sich weigerte, zu bezahlen, sagte der Mann, dann nehme er eines der Mädchen mit. 

Abo In der Schweiz waren Hunderttausende  von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen betroffen – viele Kinder wurde auf Bauernhöfe verdingt. Fürsorgerische Zwangsmassnahmen Christian Liniger über seine Kindheit als Verdingkind Dienstag, 17. Juni 2025 Meine Schwestern sind sofort davongerannt. Ich wollte auch wegrennen, aber meine Mutter sagte, ich müsse ihr in der Küche helfen. Doch sie packte einen Sack, ohne mich zu informieren oder zu fragen, mit meinen wenigen Sachen, und sagte, ich müsse mit diesem Mann mitgehen.

Ich verstand gar nichts mehr. Warum muss ich weg? Was habe ich falsch gemacht? Ich habe auf dem ganzen Weg nur geweint. Der Bauer sagte, er brauche mich als Kindermädchen. Aber das stimmte nicht. Ich wurde als Magd gebraucht. Wir kamen dann auf seinen grossen Bauernhof, ins Bernbiet.

«So, itze lehre ig di wärche»

Er hat mich gerufen und gesagt: «So, itze lehre ig di wärche!» Eine schreckliche Zeit begann. Von Kinderhüten keine Spur, nur am Sonntag musste ich zusätzlich hüten, damit das Bauernpaar selbst sonntags ruhen konnte.[IMG 3]

Morgens musste ich um halb sechs aufstehen. Dann begann die Arbeit: Bei den Hühnern misten, Holz holen, Feuer machen, Kühe tränken am Brunnen, im Stall helfen, danach in die Schule rennen.

Das Essen war knapp. Ich hatte oft Hunger. Nachts habe ich im Winter dermassen gefroren, dass ich nicht schlafen konnte. Einmal bin ich nach unten geschlichen, um mir eine Bettflasche zu machen. Der Bauer hat das gehört, mitten in der Nacht, und mir das heisse Wasser wieder ausgeleert. 

Einsam und körperlich vernachlässigt

Ich hatte nie Freizeit, keine Ferien, nichts. Am schlimmsten waren die Einsamkeit und dass ich körperlich vernachlässigt wurde. Ich musste oft monatelang dieselben Kleider tragen und habe immer nach Stall gestunken. Waschen musste ich mich bei den Schweinen.

In der Schule wurde ich deswegen auch geplagt und verspottet. Wegen meiner Zahnlücke nannten andere Kinder mich «Zahnlücken-Babi.» Wir durften kaum reden auf dem Hof. Es gab kein Radio, keine Musik, kein nettes Wort, keine Bücher, nichts. Das im Ganzen vier Jahre lang.

Kontakt zu meiner Familie hatte ich in all den Jahren nicht. Da ich kein Geld hatte, konnte ich keine Marken kaufen, Anrufe wurden mir nicht ausgerichtet und das Zimmer mit dem Telefon hat der Bauer geschlossen. 

Dann stand die Konfirmation an und der Bauer sagte mir, ich könnte mit dem Vater heimgehen. Ich freute mich irrsinnig. Dann kam der Vater zur Konfirmation, allein, und die beiden haben wieder wegen dieser Kuh verhandelt. Dann hiess es plötzlich, ich müsse noch länger bleiben. Das war eine riesige Enttäuschung. Ich fühlte mich von meinem Vater verraten. Ich müsse diese Kuh immer noch abverdienen, die drei vorherigen Jahre Abverdienen würden nicht mehr gezählt, hiess es. 

Der Engel half nicht

Wie habe ich das alles ertragen und überlebt? Keine Ahnung, das ist schwer zu sagen. Eine Erinnerung habe ich: Als ich ein kleines Kind war, hatte meine Grossmutter ein Bild mit einem grossen Engel und zwei Kindern. Mit diesem Engel sprach ich später oft innerlich. 

Ich sagte: «Ängu, ich brauche deine Hilfe, aber du hilfst mir ja nicht. Hilf mir! Bring mich hier weg. Ich will lieber sterben, als das alles weiter ertragen zu müssen.» Aber der Engel half mir nicht. Ich sei zu wenig liebenswert, dachte ich. 

Wehrlos wegen Tabletten

Als ich 16 Jahre alt war, wurde ich von einem Knecht vergewaltigt und wurde schwanger. Meine Beine haben angefangen zu kribbeln und ich bekam Tabletten, allerdings nicht für die Beine, was ich aber nicht wusste.

Der Arzt sagt, diese seien, um mein «Hirngespinst» in Ordnung zu bringen. Die Tabletten machten mich schwach und wehrlos, wie Gummi und ich war nicht ganz da. Das hat der Knecht ausgenutzt, als wir Gras reinholten. Heute nennt man das mit meinen Beinen Restless-Legs-Syndrom (RLS).[IMG 4]

Ich drohte ihm, ich würde die Vergewaltigung melden, aber er sagte, man würde mir sowieso nicht glauben und er habe gekündigt, er gehe weg. Er hat es später nochmal getan, weil ich diese Tabletten genommen hatte, weil ich ohne diese wegen des RLS nicht schlafen konnte. Danach verliess er den Hof. 

Mein erster Sohn, der durch diese Vergewaltigungen entstand, wurde mir zwangsweise weggenommen, und zur Adoption weg gegeben, ohne Absprache und Einverständnis von mir oder meinen Eltern. Ich verstand die Welt nicht mehr.

Zwangsverheiratet und auf die Alp geschickt

Mein Vater hatte sich schon wieder verrechnet. Er pachtete eine Alp mit Bergrestaurant für meinen Bruder, welcher aber in die RS musste. Der Pachtvertrag konnte nicht rückgängig gemacht werden, sonst hätte er 5000 Franken bezahlen müssen.

Daher musste ich wieder einmal meinem Vater aus der Misere helfen. Auf der Alp war ich völlig allein, überfordert, am Limit meiner Kräfte. Daher überlegte sich Vater, wieder ohne mich zu fragen, einen Mann auf die Alp zu holen, der mich dort unterstützen sollte. Da es aber nicht Sitte war, allein mit ihm dort zu wohnen, kam es den Eltern in den Sinn, mich zwangszuverheiraten. Da ich noch unmündig war, hatte ich nichts zu melden.

Weglaufen schien unmöglich

Ich wagte es nicht, mich gegen die Pläne meiner Eltern zu wehren. Ich bin zum Gehorsam erzogen worden. Weglaufen erschien unmöglich. Wie denn ohne Geld und Ausbildung? Man drohte mir immer: «Wenn du nicht gehorchst, kommst du in ein Erziehungsheim.» Die Ehe war bitter und lieblos, ich war traurig und fühlte mich wie in einem Käfig. Wir konnten beide nicht lieben und waren unglücklich miteinander. Er war selbst ein Verdingkind und depressiv.

Viele Jahre später: Wir bekamen vier Kinder. Zuerst lebten wir auf einer grossen Alp, später als Waldarbeiter in einer Dienstwohnung mit drei Kühen.  Es war eine schwere Zeit. Ich weiss nicht, woher ich die Kraft nahm und mich immer wieder aufraffte. Wir haben uns später scheiden lassen, als die Kinder schon recht gross waren, das war eine grosse Erleichterung, auch für ihn.

Wollte nicht weiterleben

Ich machte aufgrund meiner Lebensgeschichte auch Fehler, unter anderem bei meinen Kindern. Sie haben darunter auch gelitten. Ich hatte schon als Kind und später oft Suizidgedanken. Eines Tages bin ich zusammengebrochen. Ich lag am Boden und wollte sterben. 

Plötzlich sagte eine Stimme zu mir: «Mach das nicht. Du hast Kinder. Sie brauchen dich. Ich bin bei dir gewesen. Du warst nie allein. Ich helfe dir, ich kenne deine Not». Ich dachte: «Wer bist du, ich kenne dich nicht?» Da sagte Gott: «Lerne mich doch kennen, dann bekommst du auch wieder Kraft und Lebensmut.»[IMG 5]

Ich konnte das zuerst nicht annehmen, aber dann wurde ich eines Tages von einer Freundin zu einer christlichen Veranstaltung eingeladen, einem Seminar.

Einen liebenden Gott kennengelernt

Item, ich bin dann mit an diesen Vortrag im Berner Kursaal. Dort war jemand, der gewusst hatte, wie meine Lebensgeschichte, meine Not aussah, obwohl ich ihm nichts erzählt hatte, er eigentlich gar nichts wissen konnte von mir, da wir uns nicht kannten. Ich war sehr überrascht. Mein Gottesbild von einem strafenden Gott hat sich gewendet. Ich habe endlich einen liebenden Gott kennengelernt und ihn gefunden.

Abo Jeweils ein Grossanlass. Guido Fluri, Intiant der Wiedergutmachungsinitiative, und Bundesrat Beat Jans am letztjährigen Sommerfest des Erzählbistros. Auch dieses Jahr kamen rund 700 Personen. Ein geschützter Ort für die Geschichten der Überlebenden «Viele haben ihr Leben gemeistert – trotz allem» Dienstag, 17. Juni 2025 Durch seinen Sohn Jesus habe ich Vergebung gelernt. Er hat mir vergeben und ich lernte auch zu vergeben. Danach hat sich mein Leben Schritt für Schritt verändert und es ging immer weiter aufwärts. Vergebung heisst nicht, dass gut war, was geschehen ist. Aber wenn man nicht vergeben kann, trägt man die Täter immer mit sich weiter herum und bleibt an sie gekettet. Durch meine Vergebung konnte ich loslassen und die Ketten der Vergangenheit wurden gesprengt.

Es war möglich, allen zu vergeben

Es hat Jahre gedauert, aber ich konnte allen vergeben, meinen Eltern, dem Bauern, dem Knecht, den Mitschülern, den Lehrern und allen, die es sahen, aber wegschauten. Ich habe meine Eltern bis zu ihrem Tod gepflegt. 

Erst durch die Vergebung wurde ich innerlich frei. Ich habe meinen Glauben dann all die Jahre gelebt, und das prägt mein Leben bis zum heutigen Tag positiv. Es wurde mir sehr wichtig, dass ich meine Kinder um Vergebung bitte. Sie hatten ein Manko aufgrund meiner Geschichte. Meine Tochter Verena hat mir sehr viel geholfen (Anmerkung der Redaktion: Verena Geissbühler ist psychosoziale Beraterin, Coach und Seelsorgerin).

Eine Therapie habe ich nicht gemacht. Ich habe aber in der Psychiatrie gearbeitet. Dort konnte ich viel lernen und in meinem Leben anwenden. Das waren meine lehrreichsten und wertvollsten Jahre. 

Mit 84 Jahren frei und glücklich

Heute bin ich 84 Jahre alt und es geht mir gut. Ich bin so erleichtert, dass ich das alles losgeworden und frei bin. Es kommen keine Gefühle oder schwierige Momente von früher mehr hoch.

Ich geniesse mein Leben, den wunderschönen Ausblick von meiner Wohnung auf den Thunersee, in der ich seit 20 Jahren lebe. Ich fahre noch selbst Auto, das liebe ich, und gehe selbst einkaufen von Heiligenschwendi nach Steffisburg. Ich lese jeden Tag in der Bibel, ich kann nichts perfekt, aber ich bin vielseitig, gärtnere, mache Konfitüre, gehe viel laufen, habe guten Kontakt zu meinen Kindern und Geschwistern und viele Freunde.

Ich freue mich auf das Leben nach dem Tod, von dem ich jetzt weiss, dass es das gibt. Dort werde ich sehen, was ich jetzt schon glaube.

Ida Berger in der SRF-Sendung «Fenster zum Sonntag»