Die altehrwürdige Hofenmühle steht in einem schmucken Weiler in der Nähe des Wohlensees. Bald soll sie wieder in Betrieb genommen werden, doch das ist nicht mehr in den Händen von Regula Baumgartner. Trotzdem beschäftigt es sie, wenn sie mithilft, die alten Gebäude zu räumen und von Ballast zu befreien. «Da sind noch viele Sachen in einem guten Zustand, das wäre doch schade, alles einfach wegzuwerfen», sagt die pensionierte Bäuerin. «Auch wenn es alt ist, so ist es deswegen nicht wertlos.»
In 40 Jahren kommen viele Geschichten zusammen
Von alten Sachen kann sie viele Geschichten erzählen, sie lebt seit über 40 Jahren in der Hofenmühle. Als 21-Jährige ist sie damals auf den Hof gekommen. Sie ist nicht als Bauerntochter aufgewachsen, doch mit einer Kindheit, in der es normal war, bei den Bauern zu helfen. Beim Härdöpfelen, beim Rübenputzen oder auch «nur», um Brennholz für die damals noch weitverbreiteten Holzfeuerungen in der Küche bereitzustellen. Klar, dass man sprang, wenn um Hilfe gerufen wurde, vielleicht bei einer schweren Abkalbung oder wenn das Wetter beim Heuen zu kippen drohte. All das war für die junge Regula selbstverständlich, auch wenn ihr Vater als Zeichnungslehrer kein Bauer war.
Die neue Gesprächskultur ist gewöhnungsbedürftig
So kam sie als junge Frau, die Hochbauzeichnerin gelernt hatte, auf den Hof. Die Ausbildung zur Bäuerin fehlte ihr noch, aber da war sie schon schwanger mit dem ersten Kind und es blieb vorläufig keine Zeit dafür. «Es war nicht einfach, meinen Platz zu finden. Ich wurde auch nicht gefragt», erzählt sie, «man hat mir schon zu spüren gegeben, dass ich nichts weiss.»
Die Kommunikation war nicht einfach, es war nicht üblich, Sachen zu diskutieren oder gar die eigene Befindlichkeit als wichtig zu erachten. Das war für die junge Bäuerin eine andere Gesprächskultur, als sie sie in ihrem Elternhaus gekannt hatte. Dort wurde gesagt, was man dachte, Sachen bei Namen genannt und auf den Tisch gelegt. Und jetzt? Jetzt wurde das nicht mehr direkt ausgesprochen, schon gar nicht von einer jungen Frau.

Die Krankheit ihres Mannes bestimmt die Tage
Ihr Mann Klaus Baumgartner war nicht nur viel älter als sie, er hatte auch sein Leben lang mit seiner Gesundheit zu kämpfen. «Das hat unser Leben sehr bestimmt. Es hat gedauert, bis wir endlich eine Diagnose hatten», erklärt sie die damalige Situation, «erst nachdem er in einem Jahr zweimal ins Spital musste, fanden sie heraus, was er hatte.»
Seine Krankheit prägte das Leben auf dem Hof massgeblich, ihr Mann brauchte viel Erholungszeit. Es war schwierig, die Arbeitstage zu planen, da nie klar war, wie leistungsfähig er gerade sein würde. Zusammen mit dem Lehrling, der jeweils viele Arbeiten übernahm, haben sie den Hofalltag gemeistert. Regula Baumgartner hatte unterdessen die Bäuerinnenschule nachgeholt und vier Kinder bekommen. Dazu hatte sie sich ihre eigenen Betriebszweige aufgebaut, wie beispielsweise das Selbst-Pflück-Blumenfeld.
Auch ist sie seit der ersten Stunde Mitglied bei «Swisssilk», wo sie nach wie vor als Abhasplerin mitarbeitet. Zudem sprang sie immer dort ein, wo es Hilfe brauchte, sei es als helfende Hand in der Mühle oder in der Landwirtschaft, wenn ihr Mann krankheitshalber ausfiel. Volle Tage, denn zusätzlich gehörten auch der Baumschnitt und die Umschwungpflege zu ihrem Aufgabenbereich.
Der Gebäudeunterhalt gibt viel zu tun
Man muss sich vorstellen, dass zum Hof noch diverse Gebäude gehören, die vermietet und unterhalten werden mussten. So schaute die Bäuerin auch zu den Mietern und Mieterinnen. Der Unterhalt der denkmalgeschützten Gebäude war stets eine anspruchsvolle Aufgabe. Es kam vor, dass die Hochbauzeichnerin mit ihrem Berufsverständnis eine andere Vorstellung davon hatte, wie ein Schaden repariert werden müsste oder ein Gebäude umgebaut werden könnte.
Da brauchte es viel Fingerspitzengefühl und eine harte Schale, um mit dem Schwiegervater zu kommunizieren. Öfter gab es zuerst eine Abfuhr, bevor ihre Ideen umgesetzt wurden. «Die Männer wollten nicht, dass man merkt, dass sie starke Frauen haben», sinniert Regula Baumgartner. «Man musste es so darstellen, als käme die Idee von einem der Männer.»

Regula Baumgartner wird Betriebsleiterin
Da ihr Mann viel älter war als sie, übernahm bei seiner Pensionierung Regula Baumgartner den Hof, damit sie weiterhin Bewirtschafter bleiben konnten. Von ihren Kindern wollte zu diesem Zeitpunkt keines den Hof übernehmen. «Eigentlich war ja der Plan, dass ich nur auf dem Papier den Hof übernehme, doch ich wollte endlich auch etwas zu sagen haben», führt sie die Situation aus, «ich wollte den Hof schon lange auf Bio umstellen.»
Nach langem Ringen war ihr Mann schliesslich einverstanden, die Kühe zu verkaufen, damit mehr Raum entsteht, um etwas Neues entstehen zu lassen. «Das war ein Riesenschritt, war er doch ein begeisterter Züchter mit einem beachtlichen Leistungsausweis. Wir hatten regelmässig Kühe an der BEA oder an anderen Zuchtschauen. Doch mit den Hochleistungskühen hätte die Umstellung auf Bio wahrscheinlich nicht so gut funktioniert.» Zudem war der Arbeitsaufwand mit dem Melken zu hoch. Schliesslich hatte auch Klaus Baumgartner Freude am Biobetrieb und an der Mutterkuhhaltung: «Eines Tages hat er gesagt, wie ihm das gut tut, nicht mehr spritzen zu müssen», sagt Regula Baumgartner, offenbar immer noch erstaunt darüber.
Ihr Sohn übernimmt den Betrieb
Regula Baumgartner hat viel gelernt in ihrem Leben als Bäuerin. Das letzte Lehrstück, mit dem sie nun unterwegs ist, ist wohl eines der schwierigsten: Loslassen. Ihr Sohn Simon hat den Betrieb nach dem Tod von Klaus Baumgartner übernommen und bewirtschaftet jetzt den Hof mit seiner Familie.
Für die Senior-Bäuerin bleibt das, was auch andernorts die Erwartung an die Senioren ist: Enkel hüten, zwischendurch Blacken stechen, sich aus dem laufenden Betrieb zurückhalten. Sie hatte zeitlebens keine Zeit für Hobbys, jetzt sind solche gefragt. Die 64-Jährige arbeitet als Springerin für die Auszeitschule «Kerbholz», die Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen begleitet. Das gefällt ihr, der Umgang mit den Jugendlichen gelingt ihr gut.
Fünf Fragen an Regula Baumgartner
Was können Sie besonders gut? Ich bin sehr spontan. Welches Landwirtschaftsthema beschäftigt Sie am meisten? Der Bodenverschleiss und die Züchtung neuer Sorten ohne Gentechnologie. Welche Arbeiten liegen Ihnen nicht so gut? Arbeiten am Computer liegen mir nicht so gut. Ihr Rezept für Entspannung? Ein Waldspaziergang oder z’ Bärg zu gehen. Was ist Ihr Lebensmotto? Weniger ist mehr.

