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Janine Witzig: Winzerin fast wider Willen

Janine Witzig wollte eigentlich Physiotherapeutin werden. Dann entschied sie sich doch dazu, das Weingut Lindetröpfli ihrer Eltern zu übernehmen.

«Früher war in dieser Scheune der Kuhstall», erklärt Janine Witzig, während sie voller Stolz durch die neu ausgebaute Kelterei führt. Hier verarbeitet die 34-jährige Betriebsleiterin mitten im Dorf Uhwiesen im Zürcher Weinland jährlich 120 Tonnen Trauben. An diesem sonnigen Apriltag kann das fünfköpfige Team auf den Abschluss des Weisswein-Abfüllens anstossen. Es war Janine Witzigs Grossvater, der den Mischbetrieb mit Ackerbau und Tierhaltung anfangs des 20. Jahrhunderts auf Weinbau umgestellt und damit das Weingut Lindetröpfli gegründet hat.

22 Hektar umfasst der Betrieb, dessen Name von einer imposanten Linde stammt, die sich neben dem 400-jährigen Riegelhaupthaus gegen den Himmel streckt. Auf sechs Hektar baut die ausgebildete Winzerin den eigenen Wein an, weitere sechs Hektar Reben verarbeitet sie in Lohnkelterei und zehn Hektar sind landwirtschaftlich genutzt.

Darauf gedeiht Braugerste, aus der Janine Witzigs Vater den eigenen Rheinfall Single Malt Whiskey herstellt.

Janine Witzig: Winzerin fast wider Willen
Auf rund sechs Hektaren Land wachsen auf dem Weingut Lindentröpfli Reben.

Niemandem auf die Füsse treten

Witzig sind innovative Landwirte, die gerne Neues wagen, und so kam auch Janine mit 1000 Ideen im Kopf an, als sie 2017 in den Familienbetrieb einstieg. «Ich bemerkte jedoch rasch, dass es weder meine Eltern noch unsere Kundschaft schätzen, wenn ich alles auf den Kopf stelle», erinnert sich die zweifache Mutter an ihre Anfänge.

Statt bestehende Weine wie den zum Markenzeichen des Zürcher Weingutes avancierten Rotwein «Quintus» umzubauen, macht es mehr Sinn, einen neuen Wein zu kreieren, wie den Dornenfelder-Rosé, mit dem Janine Witzig und ihr Mann Teddy Milesi die Übernahme des Traditionsunternehmens 2023 feierten.

Janine Witzig setzt wie ihre Eltern auf zugängliche und nicht zu hochpreisige Weine. «Mein Ziel ist es, mit unseren Weinen am Geburtstagsfest und der Taufe mit dabei zu sein», erklärt das Mitglied im Verein Jungwinzer Schweiz.

Janine Witzig: Winzerin fast wider Willen
In den grossen Holzfässern im Barriquekeller reifen die Rotweine.

Doch nicht in die Provence

Ganz so einfach, wie sie sich das vorgestellt hatte, verlief die Übernahme nicht. Das erste Jahr habe die «pragmatische Winzerin mit Ehrgeiz», wie Janine Witzig in Fachjournalen beschrieben wird, kaum geschlafen und stattdessen nachts Zahlen gewälzt, wie sie sich erinnert.

Mit ihrem Mann, einem gelernten Önologen, gab es besonders im Weinkeller schon mal Meinungsverschiedenheiten. Heute ist die Aufgabenteilung klar: Während Teddy Milesi im Keller das letzte Wort hat, kümmert sich Janine Witzig um den Verkauf, das Marketing und die Administration und ist natürlich gerne in den Reben unterwegs.

Dass sich das junge Paar im Zürcher Weinland niederlassen würde, war alles andere als selbstverständlich. Der Franzose Teddy Milesi stammt selbst aus einer Winzerfamilie. Der ursprüngliche Plan der beiden bestand darin, erst einmal für zehn Jahre nach Südfrankreich zu gehen, um das dortige Weingut weiterzuentwickeln.

«Je näher der Entscheid für den Umzug in die Provence rückte, desto klarer wurde, dass ich mich in der dortigen Abgeschiedenheit, mit dieser anderen Mentalität und den engen Familienbanden nicht wohlgefühlt hätte», gibt Janine Witzig unumwunden zu. Also trat mit dem Engagement auf dem Weingut Lindetröpfli Plan B in Aktion.

Janine Witzig: Winzerin fast wider Willen
Zum Betrieb gehört ein 400-jähriges Riegelhaupthaus, das mitten im alten Dorfkern von Uhwiesen steht.

Offene Tore

Dieser Plan hat sich als goldrichtig herausgestellt. Die junge Familie wurde in der Dorfgemeinschaft bestens aufgenommen und die langjährigen Kunden sind der neusten Lindetröpfli-Generation wohlgesonnen. Mit ihrem Einsatz und ihrer sympathischen Art gelingt es Janine Witzig beinahe wöchentlich, neue Weinliebhaber für ihre nachhaltig produzierten Produkte zu begeistern. Und dies zu Recht: 2025 wurden gleich zwei ihrer Rotweine prämiert.

Jeden ersten Samstag im Monat lädt die Betriebsleiterin zur Weindegustation inklusive passendem Begleitmenü. Gemeinsam mit einem eingeschworenen Team tischt sie im Degustationskeller oder bei schönem Wetter im Garten schon mal 120 Fischknusperli- oder Treberwurstportionen auf. Auch die Führungen für Gruppen finden grossen Anklang. «Wir verkaufen 80 Prozent unserer Weine über Direktvermarktung, zudem stehen sie in ausgewählten Restaurants auf der Weinkarte», verrät die umtriebige Winzerin.

Lehrjahre in Genf

Dass sich Janine Witzig dereinst mit solcher Begeisterung in die Aufgabe als Leiterin des familieneigenen Weingutes hineinknien würde, war alles andere als vorgezeichnet. «Ich sah früher nur, wie viel meine Eltern am Arbeiten waren, und wollte lieber Physiotherapeutin werden», verrät die junge Frau.

Schon bald wurde ihr aber klar, dass sie nicht nur Aufträge ausführen, sondern sich selbst einbringen wollte. Also beschloss sie nach der Ausbildung zur Dentalassistentin, eine Lehrstelle als Winzerin zu suchen.

«Während meiner Lehrzeit auf einem Genfer Weingut sind meine Leidenschaft für diesen Beruf, und obendrein für einen attraktiven französischen Mitarbeiter entfacht», erzählt Witzig schmunzelnd. Heute ist sie «U-froh» die Übernahme gewagt zu haben, und hat für die Weiterentwicklung des Lindetröpflis noch 1000 Ideen.

Fünf Fragen an Janine Witzig

Mögen Sie lieber Rot- oder Weisswein? Ich magWeisswein, Roséwein und Rotwein, in genau dieser Reihenfolge. Welches ist der schönste Flecken in Uhwiesen? Unser Rebhäuschen. Was ist das Wichtigste, das Sie von Ihren Eltern lernen durfte? Geduld und Gelassenheit von meinem Vater. Was ist das beste Begleitmenü zum Weintasting? Fingerfood. Könnten Sie sich vorstellen, einen Betrieb ohne Weinbau zu führen? Nein, definitiv nicht.

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