Elektromagnetische Felder entstehen etwa durch Melkroboter, Stromleitungen oder Photovoltaikanlagen auf dem Betriebsdach. Wie sich diese Felder auf Gesundheit, Verhalten oder Milchleistung der Kühe auswirken, ist bislang nur unzureichend erforscht. In der Praxis mehren sich jedoch Hinweise, dass sie eine Rolle spielen könnten. «Für uns ist entscheidend, wie sich EMF auf die Kühe auswirken», sagt Beat Berchtold. «Massgebend ist letztlich das Tierwohl.»
Wissenschaftliche Einschätzung
Eine Studie der ETH Zürich aus dem Jahr 2016 schätzte die Problematik zunächst als gering ein. Seither haben sowohl Electrosuisse als auch das Eidgenössische Starkstrominspektorat (ESTI) weitere Publikationen veröffentlicht, die auf grössere Auswirkungen hinweisen. «Aus der Praxis erkennt man direkt am Verhalten der Kühe oder an Gesundheitsindikatoren wie der Milchzellzahl, ob ein Betrieb betroffen sein kann. Diese Beobachtungen sind mindestens so wichtig wie technische Messungen», erklärt Berchtold.
Alle Frequenzbereiche können relevant sein. Während Bahnstrom mit 16,7 Hz oder Standard-Wechselstrom mit 50 Hz schon Probleme verursachen kann, erzeugen elektronische Verbraucher häufig Ströme bis 2500 Hz, die ebenfalls auf die Tiere wirken. «Die Kombination aus unterschiedlichen Frequenzen, technischen Anlagen und der Stallumgebung macht die Situation komplex. Deshalb ist eine ganzheitliche Betrachtung auf dem Betrieb entscheidend, und wir arbeiten häufig zu zweit, um alle Faktoren umfassend einzuschätzen», sagen Beat Berchtold und Heinz Schürch.
Gesundheitliche und Verhaltensanzeichen
Typische Anzeichen für Belastungen durch EMF sind nach Berchtolds Erfahrungen ein Anstieg der Milchzellzahlen in der Milch und vermehrte Euterentzündungen wie Mastitiden. «Darüber hinaus zeigen Kühe Stressreaktionen, sind unruhiger beim Melken und verändern ihr Fress- und Liegeverhalten. Auch das Laufverhalten an Melkrobotern kann beeinträchtigt sein», erläutert Berchtold. Er betont, dass solche Veränderungen selten isoliert auftreten, sondern meist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren sind. Eine rein technische Betrachtung greife deshalb oft zu kurz. Die technische Analyse durch Schürch sei jedoch ein wichtiger Baustein, um den Ursachen weiter auf den Grund zu gehen.
Bislang keine konkreten Schutzmassnahmen
Technische Systeme sind nicht ohne Risiko. Verteilnetze nach dem System TN verursachen stets einen Stromfluss ins Erdreich, während Wechselrichter von Photovoltaikanlagen in vielen Betrieben Ableitströme auf das Fundament erzeugen. «Die Niederspannungsinstallationsnorm (NIN) behandelt dieses Thema bislang nicht und fordert keine konkreten Schutzmassnahmen», erklärt Schürch. Vor diesem Hintergrund sei sowohl weiterer Forschungsbedarf als auch praxisnahe Beobachtung notwendig, um die Auswirkungen von EMF auf Gesundheit, Verhalten und Milchleistung der Kühe umfassend zu verstehen.