Die Frühlingssonne wärmt und die ersten Exemplare des Rapsstängelrüsslers dürften bald die Pflanzenstiele anbohren. Er gilt – neben Erdfloh und Glanzkäfer – als einer der hartnäckigsten Schädlinge im Raps. Auf der Liste der Lückenindikatoren im Pflanzenschutz stehen diese drei bisher zwar nicht. Es gibt noch die Möglichkeit, sie mit Pyrethroiden zu bekämpfen. Das setzt aber im ÖLN eine Sonderbewilligung voraus. Und Pyrethroide sind Nervengifte, die wegen ihrer Umweltwirkung zunehmend in der Kritik stehen. Zuletzt sorgte Deltamethrin für Schlagzeilen in der Publikumspresse, weil Bundesrat Albert Rösti bei diesem Wirkstoff dem Druck der Landwirtschaftsvertreter nachgegeben haben soll. Für die Praxis bleibt die wichtigste Frage: Wie lässt sich der Raps als gefragte Ölsaat heute und in Zukunft verantwortungsvoll schützen?

«Es würde noch viel schwieriger»

Abo Pflanzenschutz Viel zu viel Deltamethrin im Bach Wyna: Beratung soll Einträge senken Donnerstag, 15. Januar 2026 «Grundsätzlich ist jeder Wirkstoff, den wir verlieren, negativ zu werten», ordnet Reto Bucheli, Leiter Versuchswesen bei Agroline, ein. Jeder Wegfall erhöhe das Risiko für Resistenzen. Neben Deltamethrin stehen im Raps gegen den Stängelrüssler und den Rapserdfloh noch Lambda-Cyhalothrin (Karate zeon, Techno und Tak 50 EG) und Etofenprox (Blocker) und Cypermethrin als Insektizide zur Verfügung. «Diese Wirkstoffe gehören wie Deltamethrin zu den Pyrethroiden.» Neben dem Rapsanbau seien sie auch im Gemüsebau wichtig. Ganz ohne Pyrethroide werde es der konventionelle Rapsanbau in der Schweiz noch viel schwieriger haben, schätzt Bucheli. «Die Anbaubereitschaft ist seit ein paar Jahren rückläufig», gibt er zu bedenken.

Tatsächlich ist Rapsöl gefragt und hat mit dem Verein Schweizer Rapsöl (VSR) eine eigene Organisation, die sich ums Marketing kümmert. Zweifel setzt auf Schweizer HOLL-Rapsöl: Der Chipshersteller benötigt derzeit pro Jahr rund 3300 t HOLL-Raps und will weiterwachsen.

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Prävention und nach Schadschwellen behandeln

Die «Strategie nachhaltiger Schutz der Kultur 2035» des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) betont die Pyramide des integrierten Pflanzenschutzes: Indirekte Massnahmen wie etwa die Kulturführung stehen vor der direkten Bekämpfung von Schädlingen oder Krankheiten. «Die Rolle des indirekten Pflanzenschutzes ist zu beachten», sagt Reto Bucheli. «Aber das ist nicht die kurzfristige Lösung des Problems.» Es gebe einige gute Ansätze, die seiner Meinung nach durchaus ihren Nutzen haben. Jedoch seien Pflanzenschutzmittel auch eine Stufe des integrierten Pflanzenschutzes. «Die werden gezielt beim Erreichen der Schadschwelle und nicht vorsorglich eingesetzt», präzisiert er. 

Das BLW schreibt in seiner Strategie, neben der Weiterentwicklung von Entscheidungshilfen, müssten risikoärmere Lösungen als Ersatz gefunden werden. Dies für die «derzeit für den Schutz verschiedener Kulturen notwendigen, aber risikoreichen Pflanzenschutzmittel.» Raps wird hier als konkretes Beispiel erwähnt.

«Der wichtigste Erfolgsfaktor beim Raps ist aus meiner Sicht, die vorhandenen Wirkstoffe gezielt nach Schadschwellen einzusetzen», erklärt Reto Bucheli. Es gelte, zu den noch bewilligten Wirkstoffen Sorge zu tragen. «Wenn noch mehr Wirkstoffe wegfallen, wird ein professioneller Rapsanbau nur noch bedingt oder gar nicht mehr möglich sein.» 

Was macht die Forschung?

Laut BLW verfolgen derzeit verschiedene laufende Forschungsprojekte das Ziel, den Raps mit weniger oder ohne Pyrethroide anzubauen. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) konnte zeigen, dass es in der Toleranz von Raps gegenüber Schädlingen Sortenunterschiede gibt. Schwefelverbindungen (Glucosinolate) hätten einen grossen Einfluss auf den Befall. Daher sucht das FiBL nun in Versuchen nach vielversprechenden Sorten. 

Projekte bei Agroscope haben ergeben, dass Kaolin bei Bioraps eine Teilwirkung gegen Rapsglanzkäfer hat, entomopathogene Pilze und Pflanzenöle für die Bekämpfung aber nicht wirtschaftlich waren. Untersaaten wirkten gegen Frassschäden durch adulte Erdflöhe, Untersaaten mit Ackerbohnen sowohl gegen die Larven von Erdflöhen als auch jene des Rapsstängelrüsslers.

Gesucht sind auch natürliche Feinde

Abo Gelingt der Anbau, präsentiert sich der Raps in einheitlicher Blüte und erfreut so manch Auge und Insekt. Ackerbau Intensiv oder extensiv? Der Rapsanbau am Scheideweg Dienstag, 22. August 2023 Weiter arbeitet die Forschung in den Bereichen Biodiversität (Potenzial verschiedener BFF) und Anbautechniken (u.a. Direktsaat) gegen Rapsschädlinge, an der Identifikation von Parasitoiden und Massnahmen zu deren Förderung sowie an Versuchen mit Raps im Streifenanbau. In einem abgeschlossenen Projekt der HAFL führte der Insektizidverzicht zu beträchtlichen Ertragsausfällen, wie das BLW zitiert. Auf den Stängelrüssler hatten in diesem Projekt weder Rübsenstreifen noch Untersaaten einen positiven Effekt.

Schwefel wirkt gegen Erdflöhe

«Mit Schwefel hatten wir eine gute Wirkung gegen den Erdfloh im Keimblatt- bis zum 4-Blattstadium», schildert Niklaus Althaus eine andere Erkenntnis aus Versuchen. Der Biolandwirt aus Zollbrück BE ist bei UFA-Samen im Aussendienst tätig und hat bei diesen Versuchen mitgearbeitet.

Einmal Gesteinsmehl reicht in der Regel nicht

Biolandwirt(innen) bauen ihren Raps ohne Insektizide an. Allerdings ist der Anteil Bioraps an der ganzen Anbaufläche in der Schweiz klein, er liegt im einstelligen Prozentbereich. «Es ist jedes Jahr eine Herausforderung, weil die Zeitfenster für Saat, Unkrautmanagement, Düngung und Pflege der Kultur jedes Jahr anders sind», sagt Niklaus Althaus. 

Untersaaten könnten ihm zufolge eine Wirkung haben gegen die Eiablage des Erdflohs im Herbst. Auch Nährstoffnachlieferung im Frühjahr durch das Verrotten der Untersaat konnte festgestellt werden. Gegen Rapsglanzkäfer nutzen Biobauern Gesteinsmehle, die aber nur bis zum nächsten Niederschlag halten. Eine einzelne Anwendung reiche daher normalerweise nicht aus.

«Raps ist bio und konventionell eine intensive Kultur»

Wenn im konventionellen Anbau Wirkstoffe fehlen, führe das zu generell grösseren Schädlingspopulationen, fährt Niklaus Althaus fort. Das bedeutet auch mehr Schäden im Bio- und Extensoanbau. «Raps ist – egal ob konventionell oder biologisch angebaut – eine intensive Kultur», stellt er klar. Das heisst, es müsse auch das Nährstoffmanagement passen, um starke und widerstandsfähige Pflanzen im Feld zu haben. «So wird die Kultur resilienter gegen äussere Einflüsse.»

Degens bauen ÖLN-Raps an und experimentieren mit Pflanzenstärkungsmitteln
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Reto und Carola Degen führen ihren Raps auf dem Hof Langacker in Ramlinsburg BL intensiv und mit klaren Überlegungen. «Wir schauen jedes Jahr die Lage der Parzelle an, auf der wir Raps anbauen wollen», erklärt Reto Degen: Liegt sie nahe an einer Rapsfläche aus dem Vorjahr oder in der Nähe einer Hecke bzw. anderer Biodiversitätsflächen, aus denen Schädlinge ins Rapsfeld einfliegen könnten?

Gebeiztes Saatgut hilft
«Wir verwenden integral gebeiztes Saatgut, das uns beim Schutz vor dem Erdfloh überzeugt hat», fährt der Baselbieter fort. Er stellt Gelbschalen ins Feld, um die Einflüge zu überwachen und macht regelmässige Feldkontrollen der Pflanzen, um den Schaddruck zu ermitteln. «Sind die Schadschwellen erreicht, wenden wir auch Insektizide an.» 

In den letzten Jahren sei der Schutz des Rapses schwieriger geworden, stellt Reto Degen fest. «Die Einflüge der Schädlinge sind meist stark oder sie fliegen vermehrt zweimal stark ein, was uns dann in Bedrängnis bringt mit der Auswahl der Insektizide.» Das Resistenzmanagement wird zur Herausforderung. Der Landwirt sagt, meist müsse er eine Sonderbewilligung für ein Folgeinsektizid einholen. Für Degen zeigt sich deutlich, dass der Rapsanbau ohne chemische Pflanzenschutzmittel fast nicht möglich ist. «Uns ist aber sehr wichtig, dass wir so wenig wie möglich davon einsetzen.»

Vielleicht auch EM ausprobieren
Daher experimentiert man auf dem Langacker mit Pflanzenstärkungsmitteln und Flüssigdünger, um die Kultur robuster zu machen. «Wir sind noch am Ausprobieren, wann der beste Zeitpunkt ist und welche Mittel die beste Wirkung haben», schildert Reto Degen. Mit den Erträgen seines HOLL-Rapses ist er zufrieden, er konnte im Durchschnitt über die letzten drei Jahre 39 kg/a dreschen und an die Landi liefern. 

Für Degen sind Fruchtfolge-Management und Feldkontrollen die wichtigsten Erfolgsfaktoren im Raps. «Ohne diese zwei Faktoren kann man eine Kultur wie Raps nicht kostendeckend anbauen.» Für die Zukunft überlegen sich die Baselbieter, EM einzusetzen. «Die Idee wäre z. B. beim Knospenschieben den Raps mit EM zu besprühen.» Der Geschmack des EM sollte die Glanzkäfer von den Knospen vertreiben.

Bio-Landwirt Patrik Schüpbach betont die Düngung und spritzt Kaolin
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Das grösste Problem sieht Patrik Schüpbach beim Stängelrüssler. Der Landwirt aus Wasen BE produziert seit vier Jahren Bioraps. «Wir profitieren davon, dass es in der Gegend nicht viel Raps gibt», bemerkt er. Und trotzdem ist der Schutz dieser Kultur auch für ihn eine Herausforderung. In erster Linie versucht er, den Raps stark und damit robust zu halten. Dafür soll er in guter Grösse – nicht zu gross, nicht zu klein – in den Winter gehen. 

«Die Düngung ist auch, oder besonders im Bio-Anbau, wichtig», findet der Biolandwirt. Die Düngungsnormen sollten ausgenutzt werden, um den Raps stark zu halten, findet er. Raps ist ein guter Hofdüngerverwerter. «Ausserdem sind gerade weniger beachtete Nährstoffe wie Schwefel und Bor ebenso zentral für einen gesunden Raps.» Die Ölsaat müsse intensiv bewirtschaftet werden.

Schwefel als Dünger hilft viel
Für eine genaue Saatgutdosierung und gutes Auflaufen setzt Patrik Schüpbach auf Einzelkornsaat. Rund zwei Wochen nach der Saat spritzt er Kaolin, was gegen Erdflöhe helfe. «Zuerst habe ich Gesteinsmehl gestreut, aber mit der Spritze gibt es einen schönen Film auf die Blätter», beobachtet Schüpbach. Dieser halte auch leichten Regengüssen stand. Ausserdem kann er im selben Zug Schwefel als Blattdünger ausbringen, «das hilft dem Raps extrem.» Die Pflanze braucht Schwefel unter anderem für den Aufbau von Abwehrstoffen, die ihr den typischen Rapsgeruch geben.

Zur direkten Bekämpfung von Rapsglanzkäfern ist für Bio- und IP-Suisse-Raps Kaolin zugelassen. Es handelt sich dabei um Tonerde. Patrik Schüpbach, der als Lohnunternehmer im Pflanzenschutz auch auf anderen Betrieben unterwegs ist, empfiehlt zusätzlich die Verwendung eines Netzmittels, um die Haftung des Kaolins auf den Blättern zu verbessern. Er selbst bringt auch ein Pflanzenstärkungsmittel auf Algenbasis in seinem Bioraps aus. «Ich weiss nicht, ob es wirkt. Aber ich hoffe es.»

Keine direkte Möglichkeit gegen Stängelrüssler
Während Kaolin gemäss Erfahrungen des Berners gegen Glanzkäfer und Erdflöhe helfen kann – wenn es zur richtigen Zeit auf die Kultur kommt und nicht von einem Starkregen abgewaschen wird – zeigten Versuche eine sehr beschränkte Wirkung gegen den Stängelrüssler. Gegen diesen Schädling gibt es im Bioanbau keine direkte Bekämpfungsmöglichkeit. Den Ertrag auf 25 kg/a schmälerte laut Patrik Schüpbach allerdings eher ein Hagelsturm und die Verschlämmung durch Starkregen. Eine weniger stark betroffene Parzelle warf immerhin knapp 35 kg/a ab.

Mit Untersaaten und Fangstreifen
Die richtige Sorte für den jeweiligen Standort könne ein Faktor sein, schätzt Patrik Schüpbach. «Aber wenn der Stängelrüssler ins Feld geht, geht er rein.» Um Erdflöhe von der Ölsaat abzuhalten, arbeitet er mit abfrierenden Untersaaten, die er am selben Tag wie den Raps sät. Die Untersaat mit verschiedenen Leguminosen soll ausserdem Unkraut unterdrücken. 

Gegen Glanzkäfer rahmt der Biolandwirt seine Rapsfelder mit Fangstreifen aus früh blühenden Rübsen ein. Die Streifen werden überall dort platziert, wo Hecken, eine frühere Rapsfläche oder ein Waldrand die Gefahr für einen Einflug erhöhen. Aufgrund des unterschiedlichen Säuregehalts von Raps und Rübse sind sie für eine Mischkultur auf derselben Fläche nicht geeignet, so Schüpbach. In seiner Untersaat hat es aber Ackerbohnen, die zwischen dem Raps wachsen.

In grossen Anbaugebieten hat Kaolin Grenzen
In grossen Rapsanbaugebieten komme der biologische Schutz mit Kaolin an seine Grenzen, glaubt Patrik Schüpbach. «Im Seeland wäre es schwierig, die Schädlinge nur mit Tonerde im Griff zu behalten», verdeutlicht er. Ohne chemischen Pflanzenschutz sei dort wohl mit grossen Ertragsausfällen zu rechnen. «Es ist ebenfalls unklar, wie es mit den Schädlingen weitergehen würde, wenn keine Felder mehr chemisch gespritzt würden.» Der Biolandwirt sieht eine grosse Gefahr, dass die Probleme dann noch zunehmen.