SBR beschäftigt die Schweizer Zuckerbranche seit rund zehn Jahren. In dieser Zeit ist die Krankheit bzw. ihr Vektor, die Schilf-Glasflügelzikade (SGZ), immer weiter von Westen nach Osten gewandert. Einst ein Insekt auf der Roten Liste, ist diese Zikade nun ein gefürchteter Schädling.
«Wir hatten in der Region vor vielleicht sieben Jahren zum ersten Mal deutlich tiefere Zuckererträge», erinnert sich Nicolas Pavillard. Zusammen mit zwei Berufskollegen baut der Waadtländer selbst 28 ha Zuckerrüben an und ist ausserdem im Herbst mit dem Rübenroder im Lohn unterwegs.
Als das Thema SBR und Zikade in der Westschweiz aufkam, beschäftigte es die Deutschschweiz noch nicht. «Die Beunruhigung, die jetzt dort herrscht, hatten wir vor etwa sieben Jahren.»
Krankheiten und Schädlinge folgen Schlag auf Schlag
Wahrscheinlich war es die SBR-Krankheit, die damals die Zuckergehalte erstmals sinken liess, vermutet Nicolas Pavillard. Die Trockenheit in jenem Jahr habe aber wohl auch eine Rolle gespielt. «Zuerst hatten wir SBR, dann die viröse Vergilbung, die von grünen Blattläusen übertragen wird», fährt er fort.
Bei manchen Feldern habe man gar nicht so genau gewusst, welche Krankheit die Rüben schwächeln liess. Zuletzt kam nun noch der Rübenrüssler dazu. «2023 hatten wir wegen der Trockenheit grosse Schäden», so Pavillard. Der Käfer bohrt sich bei trockener Witterung in die Rübenköpfe, was zu Fäulnis führen kann.

Direkte Bekämpfung und natürliche Feinde gegen die Schilf-Glasflügelzikade?
Zikaden sind einheimische Insekten und haben verschiedene, wenig spezialisierte natürliche Feinde. «Das sind Spinnen, Raubmilben und Laufkäfer», erläutert Madlaina Peter von der SGZ. Ihr sind keine Studien dazu bekannt, ob sie sich gezielt gegen die Schilf-Glasflügelzikade (SGZ) einsetzen oder fördern liessen. «Diese Zikaden fliegen über einen langen Zeitraum, sind zudem sehr mobil – auch im Boden – und ein adultes Weibchen kann bis zu 150 Eier legen», schildert sie. Ausserdem würden die Nymphen während dreiviertel des Jahres in tiefen Bodenschichten verweilen. Darum könne die Populationsgrösse rasant zunehmen. Die hohe Mobilität der SGZ macht ihre direkte Bekämpfung mit Insektiziden schwierig, weshalb die tatsächliche Wirksamkeit umstritten ist. In der Schweiz sind keine Mittel für diesen Einsatz zugelassen, in Deutschland gibt es entsprechende Notfallzulassungen.
Zikade fliegt im ganzen Anbaugebiet in der Schweiz
«Die Schilf-Glasflügelzikade kommt in der Schweiz mittlerweile im ganzen Rübenanbaugebiet vor», gibt Madlaina Peter, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Schweizerischen Fachstelle für Zuckerrübenbau, Auskunft. In grosser Anzahl und flächendeckend trete das Insekt in den westlichen Regionen bis Lenzburg AG auf.
«Dort ist die Zikade auch zu einem hohen Anteil mit Arsenophonus beladen.» Arsenophonus ist das Bakterium, das SBR hervorruft. Zikaden ohne diesen Erreger sind quasi harmlos – ausser sie tragen das Stolbur-Phytoplasma, das primär Nachtschattengewächse wie Kartoffeln welken lässt.
In Deutschland tritt oft eine Doppelinfektion sowohl mit Arsenophonus als auch Stolbur auf, was besonders verheerende Schäden zu verursachen scheint.

Nicht überall Träger eines Krankheitserregers
«Solche Doppelinfektionen sind bei Zikaden in der Schweiz noch verschwindend selten nachgewiesen worden», sagt Madlaina Peter. Nur bei knapp einem Prozent der untersuchten Schilf-Glasflügelzikaden sei das der Fall gewesen.
In der Ostschweiz sei das Auftreten der SGZ aber noch immer vereinzelt, vorzugsweise in der Nähe von Reblagen, Gemüsekulturen, Kiesgruben und Naturschutzbiotopen. «Die Zikaden lieben Wärme und hohe Temperaturen, also offenen Boden», erklärt Madlaina Peter. Im Kanton Schaffhausen habe man 2025 ein stärkeres Vorkommen der SGZ festgestellt, allerdings seien die Insekten dort hauptsächlich noch nicht Träger der Krankheitserreger gewesen. Ennet der Schaffhauser Grenze in Deutschland fliegt die Zikade ebenfalls bereits.
Einzahlungsschein statt Auszahlung des Rübengeldes
Um den Rübenanbau im Waadtland zu erhalten, spielten laut Nicolas Pavillard kantonale Beiträge für reduzierten Pflanzenschutzmittel-Einsatz eine wichtige Rolle. «Aber es gab Rückgänge, ich habe selbst als Rübenroder 20 Prozent der Flächen verloren.» Tiefe Zuckergehalte – egal ob wegen SBR oder viröser Vergilbung – brachten viele zur Aufgabe dieser Kultur.
Vor einer Anpassung des Bonus-Malus-Systems für hohe Zuckerwerte in den Rüben hätte man teilweise sogar statt des Rübengelds einen Einzahlungsschein erhalten. Zwei, drei Jahre lang sei die Stimmung unter den frankofonen Rübenpflanzern miserabel gewesen. Die neuen Flächenzunahmen zeigen nach Pavillards Meinung, dass das Vertrauen in die Kultur auch in der Westschweiz zurück ist.
«Die letzten zwei Sommer waren weniger trocken, die Rübenerträge und Zuckergehalte sind wieder gestiegen», schildert er. So komme man wieder auf 15 bis 17 Prozent – was immer noch unter dem liegt, was einst erreichbar war. «Aber es ist auch nicht so schlecht, wie damals mit 12 bis 14 Prozent.» 20 Prozent Zucker seien im Waadtland nicht mehr möglich, «aber ansprechende Erträge mit SBR-toleranten Sorten.»

«Wir sehen kaum je Zikaden»
Orges VD, wo der Betrieb von Nicolas Pavillard liegt, gehört laut der Karte der SFZ ungefähr zum SBR-Befallsgebiet. Der Ort ist allerdings mit 580 m ü. M. in einer Grenzhöhenlage: Höhergelegene Regionen gelten als weniger betroffen von den Zikaden.
Pavillard hat tatsächlich den Eindruck, dass seine Flächen nicht stark von SBR betroffen sind: «Wir sehen kaum je Zikaden.» Daher nutzt er die Vorteile von Convisio-Rüben. Damit könne er das Unkraut gezielt dezimieren, um anschliessend Getreide herbizidfrei anzubauen.
Die Kultur muss optimal starten
«Nicht nur SBR ist ein Problem», betont Nicolas Pavillard. Ihm sei bis vor ein paar Jahren nicht klar gewesen, dass Erdflöhe überhaupt Schäden an Zuckerrüben verursachen könnten. Mit dem Wegfall der Neonicotinoid-Beizungen zeigte sich das, was der Waadtländer bisher nur aus Büchern kannte, auf seinen eigenen Feldern. «Dieser Schutz war sehr effizient, führte aber zu anderen Problemen – und fiel plötzlich weg», bemerkt Pavillard. Erdflöhe sind einer der Gründe, weshalb in der Beratung zum Zuckerrübenbau ein Schwerpunkt auf schneller Jugendentwicklung liegt. Im zikadengebeutelten Deutschland gibt es die Empfehlung, möglichst früh zu säen, damit die Kultur beim Einflug der Schilf-Glasflügelzikade im Juni bereits weit entwickelt ist und die Schäden entsprechend begrenzt sind. «Beim Vergleich mit Deutschland müssen die unterschiedlichen Umweltbedingungen berücksichtigt werden», gibt Madlaina Peter zu bedenken. Hierzulande gebe es in den Rübenanbaugebieten deutlich mehr Winterniederschläge, die Böden seien länger kalt und nass als im Nachbarland. «Eine frühe Saat in kalte und nasse Böden ist nicht zu empfehlen.» Das Ziel müssten laut Peter homogene, möglichst lückenlose Bestände sein – Fröste könnten aber wiederum zu Lücken führen. Die Fachfrau rät, sich die nötige Zeit für eine optimale Saatbettbereitung zu nehmen und gute Aussaatbedingungen abzuwarten. Als idealen Aussaatzeitpunkt in der Schweiz nennt sie Ende März / Anfang April, in abgetrocknete, warme Böden. «Ein dichter Bestand mit möglichst wenig Pflanzenverlusten ist mehr wert als früh gesäte, lückige Bestände», ergänzt Peter. Zikaden würden auf Grün-Braun-Reize reagieren und daher lückige Bestände verstärkt anfliegen.
«Riesige Unterschiede» zwischen toleranten und nicht-toleranten Sorten
«Convisio-Sorten zählen aktuell zu den anfälligen Sorten und werden nicht für Starkbefallsregionen empfohlen», hält Madlaina Peter fest. Seit 2019 führt die SFZ eine SBR-Sortenprüfung durch. Die Rüben müssen sich in mehreren Testdurchgängen über Jahre bewähren. «Die Fortschritte, respektive die Unterschiede zu nicht-toleranten Sorten sind riesig», versichert Peter.
Die Sorten würden durch die Auslese immer widerstandsfähiger, auch wenn bisher keine richtige Resistenzquelle gefunden werden konnte. «Im Vergleich zu anfälligen Sorten zeigen die besten SBR-Sorten einen um 1,5 bis 2 t/ha höheren Ertrag, was einem Mehrerlös von 800 Franken für den Pflanzer entspricht», verdeutlicht sie.
Im Anbau hätten diese Rüben auf SBR-Befallsflächen keine Nachteile und seien auch nicht teurer. Peter ergänzt aber, dass auf Nicht-SBR-Befallsstandorten die von der SFZ empfohlenen Sorten gewählt werden sollten. «Diese schneiden dort auch besser ab. Wichtig ist darum die angepasste Sortenwahl.»

Noch Chancen in der Deutschschweiz?
Nicolas Pavillard schliesst nicht aus, dereinst seine Fruchtfolge anzupassen und vielleicht eine Sommerkultur darin aufzunehmen. Angesichts seiner grossen Rübenfläche könne er aber nicht so einfach generell auf Weizen nach Zuckerrüben verzichten. Seit er in einer Betriebszweiggemeinschaft wieder Tiere hält und Kunstwiesen in der Fruchtfolge hat, hätten sich seine Böden merklich verbessert.
«Aber das dauert so lange. Die bisherigen Fortschritte will ich nicht mit einer Schwarzbrache gegen Zikaden aufs Spiel setzen.» Im Waadtland lebe man mit SBR und der Schilf-Glasflügelzikade.
«Wo sie sich noch nicht etabliert hat, kann man die Population aber vielleicht eher noch durch Fruchtfolge-Umstellungen kleinhalten», meint er mit Blick in die Deutschschweiz. Entsprechende Initiativen haben Landwirt(innen) in den neuen Befallsgebieten letztes Jahr teilweise bereits selbst gestartet, z. B. im Kanton Bern.
Schwarzbrache gegen Zikaden – eine umstrittene Massnahme
«Die effektivste Bekämpfungsmethode sehen wir, abgesehen von der Sortenwahl, in der Umstellung der Fruchtfolge», sagt Madlaina Peter. Das bedeutet Schwarzbrache oder allenfalls eine Gründüngung mit Kreuzblütlern nach Zuckerrüben. «Die Nymphen werden so effektiv ausgehungert und die Populationsgrösse kann klein gehalten werden.» In der Deutschschweiz und im Verband Schweizerischer Rübenproduzenten (SVZ) wird die Anpassung der Fruchtfolge gegen die Schilf-Glasflügelzikade gerade heiss diskutiert. An der DV Mitte März wurde ein Antrag, den Verzicht auf Getreide nach Zuckerrüben obligatorisch zu machen, abgelehnt. Nicolas Pavillard baut herbizidfreien IP-Suisse-Weizen nach seinen IP-Suisse-Rüben an. «Im Kanton Waadt geht die Anbaufläche von Zuckerrüben gegen 4000 ha», erklärt er. «Wie sähe das aus und welche Folgen hätte es, wenn da überall der Boden im Winter unbedeckt bliebe?» Ihm ist eine Bodenbedeckung nach den Zuckerrüben besonders wichtig, da die Ernte den Untergrund doch deutlich beanspruche. Der Kanton Waadt habe zudem viel Geld in die Förderung winterlicher Gründüngungen investiert. «Soll das wegen der Schilf-Glasflügelzikade wieder über Bord geworfen werden?», fragt sich der Landwirt. Zumal das Insekt wahrscheinlich trotzdem nach zwei Jahren noch auftreten würde. Die guten Resultate zur Reduktion der Zikadenpopulation einer Studie in Chablais VD sind Pavillard bekannt. Die Region dort sei topografisch aber stark abgeschirmt und daher ideal geeignet gewesen, um die Methode zu erproben. Generell zweifelt er an der breiten Umsetzbarkeit, gerade in seiner eigenen Region. «Hier sind die Fruchtfolgen oft ohnehin schon eng mit Zuckerrüben, Weizen und Raps.» Mais bringe finanziell schlechte Erträge und werde daher selten angebaut.

