Herr Hübscher, die Schweizer Milchwirtschaft befindet sich in einer akuten Krise. Mooh spricht seit Jahren von «herausfordernden Zeiten» – geändert hat sich nichts.
Martin Hübscher: Es ändert sich sehr wohl sehr viel. Nach guten Covid-Jahren mit steigenden Preisen hat sich die Marktsituation seit 2024 massiv verschlechtert. Bis in den Sommer kämpften wir primär mit Volumenverlusten beim Käseexport, insbesondere bei Sortenkäse mit zunehmendem Veredelungsverkehr und mit Volumenverlusten durch Restrukturierungen von Kunden. Seit Sommer 2024 brechen die Milchpreise auf den internationalen Märkten regelrecht ein. Zusätzlich kommen rekordhohe Milcheinlieferungen, das alles führt nun zu massiven Milchfettüberschüssen.
Wie dramatisch ist die Situation konkret?
Aktuell liegen wir sogar noch höher als die bislang kommunizierten 6 %. Im Biobereich sind wir bei 10 % über Vorjahr. Bei der konventionellen Milch sind wir bei Mooh in der ersten Januarwoche bei 8 % Mehreinlieferung, an einzelnen Tagen sogar bei 10 % – immer bereinigt um Zu- und Abgänge von Produzenten. Diese Situation ist nicht nur bei Mooh, sondern in der ganzen Schweiz so.
Also reagieren die Bauern überhaupt nicht auf die Signale?
Wenn überhaupt, bremsen sie erst jetzt. Man muss ehrlich sagen: Der Zeitpunkt des BOM-Beschlusses war im Nachhinein vielleicht nicht optimal. C-Milch wird erst ab Januar abgerechnet – das heisst, die Bremse wirkt erst jetzt richtig. Im Milchgeld haben die Produzenten das noch nicht bemerkt. Als Produzentenorganisation spüren wir das jetzt massiv, aber viele Bauern merken es erst mit der Milchgeldabrechnung am 20. Februar.
Sie sitzen im Nationalrat: Was müsste politisch passieren?
Im Unterschied zu vielen anderen Produkten haben wir bei der Milch für die Gelbe Linie – den gesamten Käsebereich – keinen Grenzschutz. Bei allen Milchprodukten, die von der Schweizer Lebensmittelindustrie veredelt und exportiert werden, müssen wir international kompetitiv sein, sonst stellen die Unternehmen auf Veredelungsverkehr um, was gerade auch die aktuellen Zahlen bestätigen.
Was heisst das?
Die Milchwirtschaft den Kräften des internationalen Marktes auszusetzen, war ein bewusster politischer Entscheid, den wir jetzt schmerzhaft spüren. Die Studie von Professor Mathias Binswanger zeigt deutlich: Das war für die Landwirtschaft nicht vorteilhaft. Insbesondere, weil die Verkäsungszulage trotz tieferem Wechselkurs nie erhöht wurde. Das Parlament hat eine Motion zur Erhöhung deutlich überwiesen – der Bundesrat muss mit der AP 2030+ die Milchproduktion stärken.
Die Gelbe Linie lässt sich aber nicht rückgängig machen.
Nein. Der Freihandel beim Käse ist da, politisch gibt es da keine Mehrheiten. Die Nachteile sind offensichtlich: Es kommt deutlich mehr rein als rausgeht. Nehmen Sie Mozzarella oder Frischkäse aus Europa bei den Grossverteilern oder den Discountern – preislich haben wir da überhaupt keine Chance.
Mooh könnte doch auch Frischkäse machen?
Unsere eigene Käseproduktion ist zum einen Emmentalerproduktion, zum anderen stellen wir flexibel Schnittkäse her. Aber wir gehen damit in den Export, weil wir nicht unsere eigenen Abnehmer konkurrieren wollen. Das Problem: Gegen den Billig-Mozzarella aus Europa haben wir preislich keine Chance. Nehmen wir den Pizzakäse für die Gastronomie – da sind die Margen extrem eng. Ich kenne Verarbeiter mit eigener Vertriebskette im Gastrobereich, die jetzt überlegen, komplett auf Import umzustellen und keinen Schweizer Mozzarella mehr zu verwenden, weil der Preis nicht mehr stimmt.
Stichwort grosse Marken ...
Ja, genau! Unsere Tochter bekam in der Oberstufe im Kochunterricht ein Rezept – da steht «Philadelphia» als Zutat. Am gleichen Tag haben sie in der Schule über Nachhaltigkeit gesprochen. Das sind starke Marken mit enormem Marketingbudget – die sehen Sie jeden Abend im Fernsehen. Exquisa, Philadelphia, Cantadou – das sind Marken, die enorm viel Werbung machen. Wir haben den Währungsnachteil mit dem tiefen Euro, die Produkte kommen billig rein. Und sie sind auch nicht schlecht – wir könnten es genauso gut, aber preislich haben wir keine Chance.
Und dagegen können wir nichts tun?
Im Frischkäsebereich sehr schwierig. Bei Hartkäse können wir uns differenzieren. Aber im Backwarenbereich, wo enorme Mengen reingehen, spielt es praktisch keine Rolle, ob das Schweizer Milch ist. Das sind erhebliche Mengen, die wir verloren haben.
Was schlagen Sie als Politiker vor?
Wichtig ist: Die Schweizer Landwirtschaft im Freihandel funktioniert nicht. Das zeigt die Gelbe Linie. Wir müssen vorsichtig sein bei weiteren Freihandelsabkommen – die Landwirtschaft darf nicht geopfert werden. Und konkret: Die Direktzahlungen sind gut gemeint, aber tausend Franken mehr für einen Milchbetrieb machen den Braten nicht fett. Viel entscheidender ist der Milchpreis. Die Studie von Mathias Binswanger gibt Ansätze. Und wir müssen aufpassen, dass die Milch nicht nur noch aus dem Mittelland kommt.
Wie meinen Sie das?
Das geschieht schon viel zu schnell. Die Strukturhilfe muss erhöht und differenziert sein zwischen Tal und Berg. Und die Vermarktung von Bergmilch fehlt praktisch komplett – ausser ein paar Nischen. Niemand vermarktet wirklich Käse aus dem Grünlandgebiet.
Grosses Thema Veredelungsverkehr: Mondelez importiert massiv Vollmilchpulver?
Ein Riesenthema! Wir haben im Veredelungsverkehr kein Konsultationsrecht – bei Biomilch können wir als Branche intervenieren, beim Vollmilchpulver nicht. Die haben Anrecht auf Bewilligung, auch wenn genug Schweizer Milch verfügbar wäre.
Das heisst: Schweizer Milch steht bereit, aber sie nehmen trotzdem Import?
Genau. Es wäre verfügbar, Arbeitsplätze würden erhalten. Aber Vollmilchpulver kommt vergünstigt rein und sie nehmen nicht das Schweizer Produkt. Das ist ein Witz! Wir müssen politisch etwas tun: Wenn Verfügbarkeit und Preis stimmen, muss Inlandware Vorrang haben.
Die Bundesverfassung verlangt eine marktausgerichtete Produktion. Sechs Prozent Überproduktion, das widerspricht dem. Wo bleibt die Solidarität?
Wir schätzen die Überproduktion als temporäres Problem ein. Mehrere Faktoren sind gleichzeitig zusammengekommen. Die Milchproduktion ist nachhaltig und marktausgerichtet – aber in einem liberalisierten Markt spüren wir internationale Verwerfungen direkt.
Temporär – aber das haben wir doch immer wieder?
Es ist nicht strukturell wie beim Eiweiss, wo wir wegen der Gelben Linie immer exportieren müssen. Beim Fett ist es normalerweise ausgeglichen. Saisonale Überschüsse im Frühling wegen der Alpung und der Grünlandproduktion sind normal – das bleibt so.
Warum dann jetzt so viel Fett?
Erstens: Weniger Sortenkäse, mehr Viertel-Fett-Käse – der Rahm bleibt in der Schweiz. Zweitens: Veredelungsverkehr – verschiedene Verarbeiter, z.B. Mondelez, importieren Vollmilchpulver oder eingesottene Butter, beides braucht weniger inländisches Milchfett. Aber normalerweise müssten wir mit dem Bevölkerungswachstum Milchfett sogar importieren.
Die Solidarität unter Produzenten, funktioniert die?
Die könnte besser sein, das bemängeln auch wir. Wenn in einer Überschussphase wie jetzt alle Milchproduzenten im gleichen Mass zur Entlastung beitragen würden, würde das enorm helfen. Je schneller wir die Situation bereinigen, desto weniger Preisdruck gibt es in den geschützten Segmenten – und davon profitieren alle.
Aber reagiert der Bauer nicht auf Solidarität?
Genau das ist das Problem! Die Produzenten verdrängen oder vergessen das einfach. Der Bauer ist Realist, der macht das, was für seinen Betrieb optimal ist. Und das kann man ihm nicht einmal zum Vorwurf machen – aus seiner Sicht ist das richtig. Aber da müssen finanzielle Anreize geschaffen werden. Man kann nicht mit Moral arbeiten oder per Dekret, das ist nie marktgerecht.
Was wäre dann marktgerecht?
Man muss finanzielle Anreize schaffen: Wer weniger produziert, kommt in den Genuss einer Prämie für die Minderproduktion. Die Schlachtkuh-Prämie wurde auch diskutiert. Die wäre zwar effektiv, aber sie hat zu viele Mitnahmeeffekte. Die Kühe werden ja sowieso geschlachtet, dann würde man quasi noch dafür zahlen. Das ist nicht vertretbar. Aber ein Bonus für Minderproduktion, das ist selbsttragend.[IMG 2]
Wie funktioniert das?
Das Geld käme im Minimum selbsttragend aus der Milchwirtschaft heraus. Diejenigen, die mehr liefern, finanzieren über die C-Milch-Abzüge die Boni für jene, die weniger liefern. Theoretisch könnte das sogar aus der Milchstützung kommen. Aber das müssten alle Organisationen gleich machen. Sonst gibt es Unterbietungen im A-Segment.
Wie macht Mooh das konkret?
Wir haben ein Planungsmodell eingeführt. Jeder Bauer kann eine Monatsmenge beantragen: Er darf dieses Jahr aber maximal so viel liefern wie letztes Jahr, darüber ist C-Milch. Betriebe ohne Planungsmenge, wir nennen das Basismodell, können auch mal gar keine Milch bringen, z.B. wenn die Kühe auf der Alp sind. Für diejenigen, die weniger liefern als im Vorjahr, zahlen wir ab Februar einen Bonus von 2 bis 4 Rappen…
Das heisst: Wer reduziert, wird belohnt?
Genau. Das ist entscheidend. Wir müssen Anreize schaffen und nicht nur an die Solidarität appellieren. Ich bin überzeugt: Man muss die Bauern honorieren, die das machen. Das sollten alle Organisationen gleich umsetzen – das wäre das Beste. Die Motivation käme von den Produzenten selbst. Man kann nicht einfach sagen: Wir holen nur so viel Milch ab, wie wir wollen. Das würde zu Problemen mit der Lebensmittelsicherheit führen.
Viele befürchten neue Kontingente. Wer jetzt reduziert, wird später bestraft?
Eine berechtigte Sorge, die wir ernst nehmen. Wir kommunizieren klar: Das wird nicht der Fall sein. Wir sind überzeugt, dass wir keinen strukturellen Überschuss haben..
Also keine Kontingente?
Nein. Es besteht weder die Absicht noch eine politische Mehrheit für eine Wiedereinführung der Kontigentierung. Es gibt zwar eine privatrechtliche Planungsmenge. Aber langfristig haben wir keinen strukturellen Überschuss. Je rascher wir das Mengenproblem kurzfristig lösen, desto schneller wird es wieder gut. Die Befürchtung verstehe ich, aber das Risiko besteht nicht.
Die grossen Mengen kommen doch aus dem Tal. Wie steht es denn ums Berggebiet?
Der Strukturwandel im Talgebiet ist grösser als im Berggebiet. Mooh sammelt überdurchschnittlich viel Bergmilch. Aber das Problem: Die Produktion ist grösser als die Nachfrage nach Bergmilch mit Mehrwert.
Aber das System begünstigt doch Mittelandbetriebe?
Ja, weil die Mittellandbetriebe tiefere Produktionskosten haben. Wir wickeln 42 Prozent der Sammelkosten – wohlgemerkt der Sammelkosten, nicht der Transportkosten – über die allgemeinen Kosten ab. 58 % muss die Region selber über die Transportkostenpauschale tragen. Selbst diese Solidarität wird bereits infrage gestellt.
Wie meinen Sie das?
Der Betrieb an der Autobahn zahlt wenig für die Milchabholung. Aber der Betrieb in Graubünden muss vielleicht 45 Franken pro Abholung zahlen, damit der Lastwagen überhaupt kommt. Diese 45 Franken sind sein Eigenanteil von 58 Prozent an den Sammelkosten. Die restlichen 42 Prozent tragen wir gemeinsam über die Solidarität. Ohne diese Solidarität würde die Milchproduktion im Berggebiet noch viel schneller verschwinden. Und selbst jetzt reizt das System schon aus: Mittellandbetriebe wechseln zu Direktlieferanten oder zu anderen Organisationen, welche weniger Milch in abgelegenen Gebieten sammeln.
Was müsste man ändern?
Wir müssen schauen, dass wir aus dem Grünland, aus dem Berggebiet mehr Wertschöpfung generieren können. Ob das ein Grünlandbeitrag ist, eine stärker angepasste Strukturhilfe oder beides – ich weiss es auch nicht genau. Aber irgendwie muss man die Wertschöpfung aus dem Grünland stärken. Gerade im Jura: Da sind die Betriebe so verstreut, dass es oft 20 Minuten bis zum nächsten Hof sind. Wo soll da ein Käser noch überleben? Im Berner Oberland sind die Strukturen viel dichter, die Wege kürzer. Aber im Jura oder auch in Teilen Graubündens ist das extrem verzwickt.
Ist denn die Verarbeitungskapazität in der Schweiz überhaupt noch ausreichend?
Ja, aber das ist heute das grosse Problem. Der Unterschied zur letzten Krise: Denken wir ans Milchpulver. Durch die Schliessung von Standorten sind deutlich weniger Trocknungskapazitäten vorhanden und viele Dorfkäsereien fielen dem Strukturwandel zum Opfer. Die machten zwar einzeln nur zwei Millionen Kilo pro Jahr, aber in der Summe war das enorm. Die sind weg. Jetzt können die grossen Betriebe die Milch kaum mehr verarbeiten oder müssen Produkte mit höherer Durchsatzleistung machen.
Was heisst das?
Die Betriebe können keine Spezialitäten mehr herstellen, die eine bessere Wertschöpfung bringen würden. Denn Spezialitäten brauchen mehr Zeit in der Produktion. Bei so viel Milch muss man auf schnelle Verarbeitung setzen – man produziert z.B. UHT-Milch oder Magermilchpulver, weil das am schnellsten geht. Aber die Annahmekapazität für Milch ist limitiert.
Also sinkt bei Überproduktion auch die Wertschöpfung?
Genau. Und das ist auch das Risiko bei der C-Milch: Je länger man in diesem Segment bleibt, desto tiefer sinkt der Preis – bis es richtig wehtut. Insbesondere dann, wenn sich nicht alle Organisationen anteilsmässig an der C-Milch beteiligen, führt das zu massiven Unterbietungen im A- und B-Segment oder auch bei den freien Käsesorten. Das hilft niemandem.
Was ist Ihr Appell an die Milchproduzenten?
Milchmenge reduzieren. Milch für die Kälber, Kühe etwas früher trockenstellen oder etwas früher ausmerzen. Das C-Milch-System ist nicht schlecht. Aber je schneller alle ihren Anteil machen oder die Menge reduziert wird, desto besser funktionierts. Wenn nicht alle mitmachen, gibts Unterbietungen im A-Segment. Eine einzelne Organisation wird nicht ihren Bauern 20 % C-Milch abrechnen, während andere fröhlich weiterliefern. Wenn alle 7 % mehr liefern, hilft auch die beste Segmentierung nichts. Das ist kein Wunschkonzert. Hier muss sich die Branche gut überlegen, ob es in Überschuss Situationen nicht eine höhere Honorierung der Minderproduktion braucht. Eine stärkere politische Einmischung in den Milchmarkt dürfte kaum im Interesse der Branche sein.

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