Man wolle beweisen, dass ein gutes Preis-Leistungsverhältnis und Nachhaltigkeit sich nicht ausschliessen, schreibt Aldi Deutschland in einer Mitteilung. Der Plan des deutschen Detailhändlers sieht vor, schrittweise bis 2030 das gesamte Frischfleisch-Sortiment aus Haltungen mit Zugang zu Aussenklimabereichen oder biologischen Ställen zu beziehen (»Haltungswechsel»). Betroffen sein sollen Rind- und Schweinefleisch sowie Poulet und Pute, nicht aber (internationale) Spezialitäten und Tiefkühlware. 

Eine gesellschaftliche Veränderung initiieren

Aldi ist sich der Tragweite des Vorhabens bewusst, wird versichert. Man sehe es als Aufgabe, «hoffentlich eine gesellschaftliche Veränderung zu mehr Tierwohl zu initiieren». Denn für einen deutlichen Ausbau der Aussenklima- und Bio-Haltung brauche es verlässliche Perspektiven und Abnahmemengen für Produzenten sowie Verarbeiter. 

Nach eigenen Angaben versteht sich der Discounter als Partner der deutschen Landwirte. Für sie schaffe Aldi über Jahre hinaus Planungssicherheit und einen «starken, langfristig verlässlichen Absatzkanal». 

Deutsche kaufen mehr Bio-Fleisch

Während die Labelstatistik des Schweizer Tierschutz STS gezeigt hat, dass in der Schweiz während der Corona-Pandemie nicht mehr bzw. je nach Kategorie sogar weniger Bio- oder anderes Labelfleisch gekauft worden ist, zeigt sich in Deutschland ein anderes Bild. Laut dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (Bölw) liess Corona die Menschen in Deutschland öfter zu Bio greifen – auch im Fleischregal:

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Im Vergleich zum Vorjahr wurde in Deutschland 2020 im Detailhandel für Bio-Fleisch 55 Prozent mehr Geld ausgegeben (linke Grafik). Insgesamt wurden 23 Prozent mehr für Fleisch in Supermärkten ausgegeben (rechts). Die höheren Detailhandelsumsätze liessen sich als Folge geschlossener Gastronomie und Grenzen auch in der Schweiz beobachten. (Grafiken Bölw)

Preisdifferenzen in der Schweiz zu gross

Um den Absatz von Label- und Biofleisch hierzulande anzukurbeln, treibt der Schweizer Tierschutz STS seine Absatzoffensive voran. Die Preisdifferenzen zwischen Standard- und Labelsortiment seien heute derart verzerrt, dass die Konsumenten nicht mehr mitmachen und in vielen Bereichen ein Rückschritt droht, folgert der STS aus seiner Labelstatistik. 

Label oder Bio soll das «neue Normal» werden

Zwar bestehe in Deutschland was das Tierwohl angeht ein grosser Nachholbedarf, der «Haltungswechsel» sei aber ein starkes Signal in die richtige Richtung, beurteilt Stefan Flückiger, Geschäftsführer Agrarpolitik beim STS, auf Anfrage der BauernZeitung das Vorhaben. «Wir wissen, dass Haltungsstufen 1 und 2 für die Tiere völlig ungenügend sind. Stufe 3 (Auslauf ins Freie, mehr Platz, Beschäftigung) ist vergleichbar mit unserer Labelproduktion und Stufe 4 ist vergleichbar mit Bio», fährt er fort. 

Mit der Umstellung des Frischfleischsortiments auf Haltungsstufen 3 und 4 zeige Aldi, dass dies machbar sei und so zum «neuen Normal» werde. Flückiger würde das insbesondere dann als sinnvoll beurteilen, wenn das ganze Sortiment (auch Verarbeitetes) umgestellt und den Landwirten die Tierwohlmehrleistungen vollständig entschädigt würden. 

Das langfristige Ziel des STS

Dass Label- und Bioprodukte auch in der Schweiz zum «neuen Normal» werden, ist das langfristige Ziel des STS: Alle Tiere sollen in tierfreundlichen Ställen gehalten werden. «Auch hier würden wir genau darauf achten, dass die Tierwohlmehrwerte den Landwirten vollständig abgegolten werden, was derzeit nicht der Fall ist«, ergänzt Stefan Flückiger. 

Andere Detailhändler ziehen nach

Der «Haltungswechsel» solle auch ein Appell sein an Politik, Handel und Industrie, gemeinsam mit der Landwirtschaft an diesem «Transformationsprojekt» mitzuarbeiten, erläutert Aldi. Das Signal scheint angekommen zu sein: Rewe kündigte laut Agrarheute noch am selben Tag an, dieselben Vorschriften für Frischfleisch unter Eigenmarken einzuführen. Auch Edeka, der grösste Lebensmittelhändler Deutschlands, stellte Pläne in dieser Richtung in Aussicht. 

Tönnies, der grösste Fleischkonzern, begrüsse das Ganze. Die Firma betont aber, es brauche politische Unterstützung. So müssten beispielsweise Landwirte für Mehraufwände entschädigt werden. 

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Tierfreundlichere Haltung verursacht Mehrkosten. Damit sich diese durchsetzt, müssen Landwirte entsprechende Entschädigungen erhalten. (Bild BauZ) 

Auch Verarbeitetes einbeziehen

Joachim Ruckweid, Präsident der Deutschen Bauernverbands (DBV), kommentiert die Ankündigungen auf ähnliche Weise. Offensichtlich sei der Detailhandel nun bereit, auch im Einkauf für eine angemessene Honorierung des Tierwohls erhebliche Summen aufzuwenden – «Daran hat es bisher häufig gefehlt,  wie der Preisdruck der zurückliegenden Wochen ein weiteres Mal bewiesen hat», so Ruckweid. 

Der «Haltungswechsel» ist aus Sicht der DBV aber nur dann glaubwürdig, wenn neben Frisch- auch verarbeitete Ware und Fleischerzeugnisse mit einbezogen werden. Aus der Idee werde sowieso nichts, wenn nicht unter anderem politische Blockaden im Baurecht überwunden werden. Andernfalls könnten die erforderlichen Fleischmengen gar nicht bereitgestellt werden, schliesst Ruckweid. 

Aldi Schweiz beobachtet

Aldi Schweiz freut sich sehr über das Engagement im Bereich Tierwohl von Aldi Deutschland, heisst es auf Anfrage der BauernZeitung. In der Schweiz engagiert sich der Discounter unter anderm im Rahmen seiner Tierwohleinkaufspolitik, in der Vorgaben für verschiedene Fleischkategorien festgehalten sind. Bei der Umsetzung steht Aldi Schweiz nach eigenen Angaben in regelmässigem Austausch mit dem Schweizer Tierschutz STS. 

Die Entwicklungen bei Aldi Deutschland beobachte mach aufmerksam, schreibt Aldi Schweiz weiter, «Derzeit ist bei uns jedoch eine analoge Regelung nicht angedacht.» Der Discounter weist darauf hin, dass das meiste Fleisch in seinen Regalen aus der Schweiz stamme, wo sowieso höhere Tierwohlstandards als in Deutschland gelten. Zudem achte man auch bei importiertem Fleisch auf Tierschutz-Anforderungen.