Seit 2008 setze ich mich in den Karpaten für den Erhalt seltener Haustierrassen ein. Als Ökologe aus Freiburg kam ich nach Transkarpatien in die Westukraine, um meine Diplomarbeit zu schreiben. Doch konfrontiert mit dem Schicksal der lokalen Wasserbüffel bin ich bis heute geblieben.

An Arbeit, Winter und Wölfe angepasst

Die genetische Vielfalt alter, lokaler Rassen wie dem Karpatenbüffel, dem Bergrind und dem Huzulen-Pferd ist Teil des europäischen Kulturerbes. Diese Tiere sind robust, angepasst an harte Arbeit, kalte Winter, Wolfsangriffe und karges Futter. Ihre extensive Haltung schützt hier im Zentrum Europas die noch existierenden Orchideenwiesen, Hutewälder (Wälder, die auch oder ausschliesslich zur Weide und Viehhaltung genutzt werden, Anmerkung der Red.) sowie Almenden, von den offenen Hochmooren mit Wacholdergürteln auf 2000 m ü. M. bis zu den Weichholzauen an der Theiss zu Rumänien.

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Vom Schlachthof in die Wildnis

Mein Weg begann 2009, als ich die ersten Wasserbüffel aus Schlachthöfen rettete. Damals gab es nur noch wenige Dutzend in der ganzen Ukraine. Mit lokalen Kleinbauern baute ich eine Herde auf, tauschte Jungtiere zwischen den Dörfern und startete ein Herdebuch. Mein Verein zum Erhalt seltener Haustierrassen wurde von der Save-Foundation und Hans Peter Grünenfelder aus der Schweiz unterstützt. Erfolge kamen schnell: Im Donaudelta siedelten wir traumatisierte Büffel für «Rewilding»-Projekte auf einer atemberaubend schönen Insel mit Blauracken an.

Eine Familie in Transkarpatien

Mit «Rewilding Ukraine» sicherten wir Genmaterial primitiver Pferderassen wie den Tarpan-Huzulen, die als eine der ältesten Rassen in Europa gelten. Mit einem mobilen Weidezaun und einem Schäferwagen habe ich in vielen Dörfern Transkarpatiens gelebt. Mit meiner Frau aus Berlin haben wir uns bei den Schafhirten aus den Bergen der Tjatshiv-Region niedergelassen und eine Familie gegründet. Wir kennen die Kultur der Bevölkerungsgruppe der Ruthenen und die aktuellen Probleme sehr genau.

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Die Männer verschwinden im Krieg

Diese Arbeit war nie einfach, aber sie trug Früchte. Wir schufen Netzwerke und bauten Höfe. Retteten den Karpatenbüffel vor dem Aussterben und lebten vom Tourismus und Käseverkauf. Noch immer tauschen wir Tiere mit unseren Partnern, um Inzucht in der Population zu vermeiden. Wir könnten Rucksackreisende empfangen, die Berge mit Umweltexperten erkunden und Reittouren mit Huzul-Pferden sowie Seminare für Manager anbieten, aber wie sagt das alte Sprichwort: «Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.» 

Dieses Jahr steht trotzdem ein Töpfer-Workshop mit Kindern und alten Leuten an, im Sinne der Vinca, die hier vor 8000 Jahren eine Hochkultur bildete. Doch die Situation wird fragil. Die Männer verschwinden im Krieg und die Anzahl der Tiere konzentriert sich auf immer weniger Halter. Internationale Anerkennung kam früher durch Artikel in Zeitungen und auf Filmfestivals, die unsere Projekte als Vorbild für europäischen Naturschutz priesen.

Die Bauern geben auf, die Kulturlandschaft verliert ihre Seele

Seit 2022 ist die kleinbäuerliche Landwirtschaft in der Ukraine am Rande des Zusammenbruchs. Viele Männer werden an die Front eingezogen – Hirten, Melker, Handwerker. Die Frauen und Älteren mühen sich allein: Ställe ausmisten, Heu wenden, Tiere füttern. Die Kosten explodieren – für Futter, Diesel, Medikamente. Absatzmärkte brechen ein, Touristen bleiben aus. Höfe, die früher mit drei Kühen auskamen, müssen nun mehr Tiere halten, um zu überleben. Viele Bauern geben auf: Herden schrumpfen, genetische Vielfalt schwindet. Die Wiesen wachsen zu, die Kulturlandschaft, die Europa so einzigartig macht, verliert ihre Seele.

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«Wir brauchen keine grossen Summen, sondern gezielte Hilfe»

Ich wende mich an Sie, die Schweizer Bäuerinnen und Bauern, weil ich weiss, dass Sie diese Probleme kennen. Steigende Kosten für Energie und Dünger, strenge Regulierungen, der Kampf um Nachfolge in den Familienbetrieben. In den Alpen pflegen Sie kleine Höfe, erhalten Rassen wie das Engadiner Schaf oder Original Braunvieh – mit Stolz und Ausdauer. Die Schweiz hat gezeigt, dass kleinbäuerliche Systeme lebensfähig sind. Unsere Projekte sind eng verknüpft: Schweizer Wissen half uns, Genetik zu sichern, und Netzwerke wie Nestu (Netzwerk Schweiz-Transkarpatien) bauten Brücken.

Heute brauchen wir praktische Solidarität, um durchzuhalten. Keine grossen Summen, sondern gezielte Hilfe: einen Balkenmäher für steile Wiesen, die früher per Hand gemäht wurden, eine Heupresse für Kleinballen, effizienter als Heu im Handgang wie bisher.

Kein ferner Hilferuf, sondern geteilte Verantwortung

Es braucht einfache Maschinen, die den Alltag erleichtern und die verbliebenen Bauern entlasten. Finanzielle Unterstützung über Privatspenden an mein Konto bei der DKB (Details auf Anfrage) werden unbürokratisch weitergeleitet, um Höfe am Laufen zu halten. Oder organisieren Sie Transporte für Sachspenden – Werkzeuge, Medikamente, die am Zoll stecken bleiben könnten.

Das ist kein ferner Hilferuf, sondern eine geteilte Verantwortung. Wenn wir die alten Rassen verlieren, verlieren wir mit ihnen Biodiversität und Resilienz; wir verlieren Traditionen, die unsere Identität prägen und eine Landwirtschaft, die nachhaltig ist. Kommen Sie vorbei, hier ist es noch friedlich – wandern Sie mit uns, reiten Sie auf Huzul-Pferden, probieren Sie unseren Büffelkäse. Bis dahin: Schreiben Sie mir (carpathianbuffaloua(at)gmail.com); wenn sie übriges Gerät haben oder jemanden kennen, der mitmacht, spenden Sie, teilen Sie Ihr Wissen mit uns.

Wir bauen Touren auf – Rucksackwege, Käse- und Töpferkurse.

Mit hoffnungsvollen Grüssen aus den Bergen,

Michel Jacobi, Ökologe und Naturschützer in der Tjatshi-Region, Ukraine

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