Plus

Wie Gotthelf in Argentinien unterwegs

Eine argentinische Polizei-Patrouille beschützt Dinkel-Saatgutvermehrung in abenteuerlicher Pionier-Manier. Die Polizisten waren bei der Kontrolle vor allem an der Herkunft von Egon Tschol interessiert.

Als ich mich mit dem Traktor und zwei Anhängern zum 40 km entfernten Zweitproduktionsstandort Saavedra aufmachte, war ich froh, dass mir dabei niemand aus meiner alten Heimat im schaffhausischen Klettgau zusah.

Man hätte bestimmt kopfschüttelnd oder zumindest mitleidig lächelnd kommentiert, wie ich mit einem 100-jährigen Pferdepflug und einer nicht minder alten Scheibenegge beladen durch die Pampa zog. Nach einer zweistündigen Fahrt auf recht abenteuerlichen Feldwegen kam ich zur Dorfeinfahrt. Es war unweit unseres Grundstücks, als mich eine Polizei-Patrouille aufhielt und meine Papiere sehen wollte.

Ich dachte, das sei ein Scherz und hoffte, dass ich die hiesigen «Ladevorschriften» einhielt. Die Scheibenegge lugte links und rechts gut einen halben Meter über den Anhängerrand. Ich hatte natürlich keinen Ausweis dabei, was aber kein Problem zu sein schien.

Die relativ jungen Polizisten konnten sich nicht zurückhalten und prusteten heraus:

«De donde sos?» - «de Suiza»

Was so viel heisst wie, «Woher kommst du?» - «Aus der Schweiz»

Als ich «de Suiza« antwortete, gab es kein Halten mehr. «Oh, wie schön, oh wie toll doch die Schweiz ist!». Nach einem gemeinsamen Foto entliessen mich die Ordnungskräfte lächelnd, viel Glück wünschend und ein «Bienvenido» hinterherrufend.

Das ist kein Einzelfall. Immer wieder schlägt uns bei der Erwähnung der Schweizer Herkunft reine Begeisterung entgegen. Die Schweiz ist für viele Argentinier der Inbegriff von Ordnung, direkter Demokratie, schönen Landschaften und feinsten Speisen wie Käse und Schokolade. Eben das ganze Image-Paket. Meist wird an die begeisterten, emotionalen Ausrufe eine Frage angehängt.

Weshalb wir ausgerechnet von der Schweiz nach Argentinien gesiedelt seien? Das verstehen auch viele Schweizer nicht. Dazu müsste man weit ausholen, aber das vielleicht ein andermal.

Keine Bodenbearbeitung seit 15 Jahren

Zurück zum Ort des Geschehens. Das Land wurde 15 Jahre nicht beackert. Die Vorbesitzer liessen ein paar Kühe darauf grasen. Das Steppengras ist dort so dicht und hoch, dass es wie ein Dschungel wirkt. Diesem Steppengras ist mit herkömmlichen Messerbalken- oder Scheibenmähern nicht beizukommen. Normalerweise wird mit einer speziell dafür konstruierten, aber nicht weniger effektiven Maschine gearbeitet. Ähnlich einem Mulcher, der allerdings horizontal mit einem schlagenden schweren Messer rotiert.

Diesen Arbeitsgang hatte Tochter Fiona wenige Tage zuvor für eine kleine Fläche von 25 Aren mit einem nicht dafür vorgesehenen Golfrasen-Traktormäher verrichtet – eine andere Geschichte, um in die Fasnachtszeitung zu gelangen. Nun konnte ich mit dem Pferdepflug den Umbruch machen und anschlies­send die Scheibenegge einsetzen, um das Saatbeet vorzubereiten.

Oberkulmer Rotkorn von einem Deutschen

Warum also eine so kleine Fläche auf so umständliche Art und Weise in einem so weit entlegenen Ort bearbeiten? Dass die Fläche so klein ist, liegt daran, dass ich nicht mehr Dinkel-Saatgut auftreiben konnte. Und dass ich dies nicht auf unseren angrenzenden Flächen tat, gründet darin, dass hier ein feuchteres Klima herrscht und der Boden deutlich besser ist. Ich säte also von Hand das Oberkulmer Rotkorn, das ein Deutscher nach Argentinien importierte und eggte erneut darüber, damit alles schön von fast schwarzer Erde bedeckt war.

Nun bin ich gespannt, wie es sich entwickelt. Die Ernte würde ich dann vermutlich mit der Sense und dem Dreschflegel machen. Insofern die Wasserschweine, die ich im nahe gelegenen Fluss sah, nicht Appetit auf gesunde Kost bekommen. Wenns klappt, dann reicht das Saatgut kommendes Jahr für eine Aussaat mit konventionellen, modernen Maschinen oder zumindest mit den Pferden.

Keine Weitsicht

Nach getaner Arbeit musste ich mich sputen, denn in weniger als zwei Stunden würde es dunkel sein. Und ich hatte, wie das in Argentinien nicht unüblich ist, kein Licht am Traktor. Die letzten zwei Kilometer diente mir meine Handy-Taschenlampe dazu, den Feldweg ansatzweise zu erkennen, so dass ich wohl behalten zu Hause ankam.

Zur Person

Mit 40 Jahren wechselte Egon Tschol von seinem Beruf als Finanzanalyst in die Landwirtschaft und übernahm 2009 einen Betrieb von elf Hektaren im schaffhausischen Klettgau. Er stellte auf Demeter und Mischfruchtanbau um. Mit Ehefrau Bea und den zwei Töchtern Fiona und Zoé sowie sechs Pferden wanderte er 2020 nach Argentinien aus, um die erlernte Regenerative Landwirtschaft auf einer 15-mal grösseren Fläche uneingeschränkt anzuwenden.