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Eine Ode an das Rüebli: Der 4. April ist der Welttag der Karotte

Am 4. April ist Welttag der Karotte. Die Leibspeise des Osterhasen hätte eigentlich keine Imagekampagne nötig. Aber sie passt zur Coronakrise weil sie das Immunsystem stärkt, das Budget schont und bei Importengpässen verfügbar bleibt. Und spannender als gedacht ist sie auch.


Mithin hat es das Mauerblümchen unter den Gemüsen sogar faustdick hinter den Ohren. Einerseits wirkt es als Aphrodisiakum und pimpt die Spermaqualität, andererseits verhindern Extrakte aus seinen Samen die Einnistung des Eis in die Gebärmutter. Naturkost-Verehrerinnen schwören auf diese prähistorische «Pille danach».

Sollte sie versagen, dient das Rüebli dann als Folgenahrung für Babys. Während Schweizer im Schnitt 8,5 Kilo jährlich vom beliebtesten Gemüse der Welt verzehren, kommt ein Kleinkind gut und gern auf das Doppelte. Einige Male wird es seine Möhrchen auch in Form der Moro'schen Rüeblisuppe (mindestens eine Stunde kochen, erst am Schluss salzen) eingelöffelt bekommen - bei Durchfall ein zuverlässiges und bekömmliches Mittel. Übrigens auch für Katzen und Hunde.

«Rüebli mache schöni Büebli»

«Erfunden» hat diese Naturmedizin 1908 der Kinderklinikchef Ernst Moro aus Heidelberg (der nebenbei auch die bis in die 1960er Jahre an Schweizer Schulen obligatorische Tuberkulinprobe entwickelte). Es dauerte fast 100 Jahre, bis man die Wirkungsweise der Moro'schen Rüeblisuppe verstand: Durch das überlange Kochen der Rüben entstehen spezielle Zuckermoleküle (Oligosaccharide), die sich an der Darmwand festsetzen und die Andockstellen von gefährlichen Schmarotzern blockieren. Die Bakterien gleiten ab und werden ausgeschieden.

Auch auf die Haut nimmt das Rüebli Einfluss: dank Beta-Carotin, der Vorstufe von Vitamin A: «Rüebli mache schöni Büebli» besagt ein altes Sprichwort. Gemeint ist vermutlich die gelb-bräunliche Gesichtsfarbe, welche sich bei einer Überdosierung von Karotten einstellt, Karotten-Ikterus genannt.

US-Präsident Donald Trump hat seinen orangefarbenen Teint übrigens nicht einem Übermass an Möhren zu verdanken, sondern der übertrieben ausgiebigen Anwendung eines Abdeckstifts einer Firma aus Hünenberg ZG, wie US-Zeitungen herausfanden.

Die Rüebli-Legende als Kriegslist

Die mannigfaltigen Auswirkungen der Karotte auf den Körper sind bereits im ältesten erhaltenen Beleg über Möhren nachzulesen, in «De materia medica» von Dioskurides aus dem Jahr 60 n. Chr.. Der in der römischen Provinz Kilikien lebende Grieche schrieb den Rüben Wirksamkeit gegen Geschwüre, Brustfellentzündung, Ödeme und Vergiftungen zu - plus die erwähnten empfängnisverhütenden und abtreibenden Eigenschaften.

Dass Karotten gut für die Augen sind, stimmt nur bedingt. Ein Mangel an Vitamin A schwächt zwar die Sehschärfe, und ein tiefer Spiegel an Rhodopsin, das ebenfalls in Karotten steckt, führt tatsächlich zu Nachtblindheit. Aber ein Zuviel von diesen Stoffen verbessert das normale Augenlicht nicht.

Das Gerücht von der sehkraftverstärkenden Karotte streute die britische Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg, um den Einsatz von Radar zu verschleiern. Ihre Piloten träfen nachts so gut, weil sie so viele Karotten ässen, behauptete die britische Propaganda.

Pimp my Rüebli

Kulinarisch ist die Möhre zwiespältig: Der für ein Gemüse relativ hohe Zuckergehalt macht die Rüeblitorte zwar zu einer gesunden Alternative zu weizenbasierten Backwaren. Als Beilage - traditionell im Salzwasser zubereitet - sind Karotten allerdings nicht so der Brüller.

Neuerdings hat man aber entdeckt, dass sie ausgezeichnet mit exotischen Gewürzen harmonieren. Das Karotten-Kokosmilch-Ingwer-Süppchen ist ein moderner Klassiker geworden. Mit einer Prise von mittlerweile überall erhältlichen arabischen und asiatischen Würzmischungen wie Ras el-Hanout oder Za'atar wird es zur Delikatesse.

Bunte Ur-Rüebli sind wieder hip

Das Joint-Venture zwischen biederem mitteleuropäischem Rüebli und raffinierten exotischen Aromen ist gar nicht abwegig, denn die Karotte hat ihre Wurzeln im mediterranen und asiatischen Raum. Je nach Gegend waren die Wildrübenwurzeln von unterschiedlicher Farbe - weiss rund ums Mittelmeer, schwarzviolett in Afghanistan, dunkelrot und gelb im Iran. Alte, bunte Sorten sind heute wieder erhältlich - am reichhaltigsten am Aargauer Rüeblimärt, der hoffentlich wieder am ersten Mittwoch im November stattfindet.

Unsere orange Normvariante dürfte eine Kreuzung der iranischen Sorten sein. Die Holländer behaupten, sie hätten die orange Karotte zu Ehren von Wilhelm von Oranjen gezüchtet. Als Beleg werden zwei niederländische Gemälde vom Ende des 17. Jahrhundert angeführt: Pieter Aertsens «Frucht- und Gemüsestand», und Nicolaes Maes' «Eine Marktszene in Dordrecht». Experten haben orange Rüebli aber auch auf früheren Bildern anderer Provenienz ausfindig gemacht, die Oranjen-Züchtung ist vermutlich eine patriotische Legende.

Der Mohr und die Spitzenklöpplerin

Und wie kommt der maximal pigmentierte Mensch, der «Mohr», in die «Mohrrübe»? Durch den schwarzen Punkt (Scheininsekt), den die filigrane Rübenblüte als einziger Doldenblütler in der Mitte aufweist.

Bei der wilden Karotte (Daucus carota) ist der Punkt rot oder purpur. Die Pflanze wird in Amerika deshalb «Queen Anne's lace» genannt. Der Legende nach soll Königin Anne (die letzte britische Königin aus dem Hause Stuart) eine geschickte Spitzenklöpplerin, eine Rübenblüte zur Vorlage genommen haben. Als sie sich in den Finger stach, fiel ein Blutstropfen auf die Dolde. Das verlieh dem Rüeblikraut seinen noblen Namen.

Und während die wuchernde Pflanze anderswo als Unkraut galt, machte sie in Grossbritannien Karriere als Hochzeitsstrauss-Garnitur. Von wegen Mauerblümchen!

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