Schon seit rund zehn Jahren ist das Thema Spermasexing bei Bio Suisse aktuell. Anträge an die DV für die Zulassung wurden seit dem Verbot im Jahr 1999 dreimal eingereicht (2015, 2020, 2021) und jeweils abgelehnt. Für die Frühlings-DV vom 15. April 2026 wurde ein neuerlicher Antrag gestellt, der von dem Westschweizer Biodachverband Progana und nicht weniger als zwölf Mitgliedorganisationen unterstützt wird.

Breites Angebot an gesextem Samen

Die Ausgangslage hat sich gemäss Argumenten der Antragstellenden gegenüber den früheren Kontroversen markant verändert: Die Technik für das Spermasexing sei in der Schweiz mittlerweile etabliert und es gebe eine vielfältige Auswahl gesexter Samendosen von Stieren, die sich auch für die Bioproduktion eignen. Stierkälber der Milch- und Zweinutzungsrassen seien kaum im Biokanal abzusetzen, sie würden zu oft frühzeitig geschlachtet. 

Zudem würden Kreuzungskälber in der Mast das Futter besser verwerten als männliche Milchrassenkälber, was zu einer nachhaltigeren Ressourcennutzung führe. Mit den visionären Fütterungsrichtlinien, die seit 2022 gelten (max. 5 Prozent Kraftfutter), seien nur noch standortangepasste Tiere sinnvoll. Die Gefahr, dass der Einsatz von Spermasexing die Hochleistungszucht fördern würde, bestehe dadurch nicht mehr.

Milchrassen-Stierkälber im Herbst kaum vermarktbar

Dieser Meinung ist auch Biobäuerin Gianna Martina Peer aus Ramosch GR. «Eine standortgerechte Produktion und nicht die Leistungssteigerung ist das Ziel auf unserem Bio-Milchwirtschaftsbetrieb. Letzteres ist aufgrund der verschärften Fütterungsrichtlinien bei uns auch gar nicht mehr möglich. Es ist zur Herausforderung geworden, unsere Brown-Swiss-Kühe hier im Unterengadin bedarfs- bzw. tiergerecht zu füttern, und nur möglich, weil wir gehaltsstarkes Futter aus Kunstwiesen haben», so die Bündnerin.

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«Warte schon lange auf Spermasexing»

Die aufgrund der Alpung saisonale Abkalbung im Herbst führe dazu, dass infolge des grossen Angebots in den Herbstmonaten kaum mehr ein Abnehmer für männliche Milchrassenkälber gefunden werde, sagt die Bündnerin. «Über die Verkaufserlöse muss man gar nicht erst reden. Noch unbefriedigender ist die Tatsache, dass die Milchrassenkälber unter Umständen im Alter von drei Wochen geschlachtet werden. Darum warte ich schon lange auf die Zulassung des Spermasexings», so Gianna Martina Peer. Für die Ausmast der Stierkälber fehle auf vielen Betrieben schlichtweg der Platz.

Nachhaltigere Ressourcennutzung mit F1-Kälbern

Gianna Martina Peer bringt noch einen weiteren Punkt ein: «Mein Ziel ist es nicht, einfach mehr weibliche Nachkommen zu produzieren, sondern gezielter zu züchten. Für mehr weibliche Tiere fehlt bei uns wiederum auch der Platz, und ein Überangebot würde sich auch hier wieder auf die Preise auswirken.» Mit dem gezielten Einsatz von gesextem Sperma könnte sie ihrem Ziel, weibliche Nachkommen aus ihren bewährten, langlebigen Zuchtlinien zu erhalten, näherkommen. 

«Und die restlichen Tiere könnten mit Mastrassen angepaart werden. F1-Kälber werden besser nachgefragt, haben bessere Mastleistungen und damit eine nachhaltigere Ressourcennutzung als männliche Milchrassenkälber. Zudem finden diese zum grossen Teil in der Region Absatz.»

Wirtschaftliche Zweinutzungsrassen

Auf eine andere Strategie setzt der Muotathaler Biobauer Oswin Betschart, der stark mit dem Natursprung und der Doppelnutzungsrasse Original Braunvieh arbeitet. Für ihn ist das Spermasexing der falsche Weg für die Bioproduktion. «Mit der Zulassung von gesextem Sperma auf Biobetrieben würde aus meiner Sicht ein falsches Zeichen gesetzt und die einseitige Zucht auf milchbetonte Rassen gefördert. Diese Tendenz zu modernen Milchrassen würde aber zusammen mit den strengen Biofütterungsrichtlinien die Tiergesundheit auf den Biohöfen noch herausfordernder machen», sagt der OB-Züchter Oswin Betschart. Er ergänzt: «Wir haben in der Schweiz mehrere Zweinutzungsrassen wie Simmentaler oder Original Braunvieh, mit denen auf den meisten Betrieben standortgerecht und wirtschaftlich Milch produziert werden kann.»

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Spermasexing – ein weiterer Eingriff in die Natur?

Auch wenn der Unterschied zwischen der normalen künstlichen Besamung und dem Einsatz von gesextem Sperma klein sei, sei das Spermasexing doch ein weiterer Eingriff in die Natur. «Wir arbeiten auf unserem Biohof schon lange mit einem Natursprungstier. Dabei beobachten wir, dass der Anteil weiblicher Kälber höher ist als bei der KB, weil der Deckakt mit dem Muni in einem frühen Stadium der Brunst stattfindet», so Oswin Betschart, der auch Präsident der Schweizerischen Stierenhaltervereinigung ist. 

Für seine Stierkälber löse er dank der Qualität meist ansprechende Preise, da männliche Zweinutzungskälber bei der entsprechenden Genetik gute Schlachtresultate erreichten.