Ab Mai 2023 war es in der ganzen Schweiz zu trocken, darunter haben die Obstbäume gelitten. Ralph Gilg, Präsident des Thurgauer Obstverbands, stellt fest, dass dort, wo die Kulturen nicht bewässert werden konnten, vor allem Jungbäume in der Entwicklung zurückgeblieben sind.
Herr Gilg, zeichnet sich schon ab, ob 2023 ein gutes, durchschnittliches oder schlechtes Obstjahr wird?
Ralph Gilg: 2023 wird sicherlich als kleines Kirschenjahr in die Annalen eingehen. Auch bei den restlichen Obstarten sind die Erwartungen eher zurückhaltend. Die Birnen- und Zwetschgenbehänge sind aufgrund des suboptimalen Blühverlaufes eher knapp, wobei die Situation je nach Betrieb und Lage sehr unterschiedlich sein kann.
Wir erwarten gesamtschweizerisch eine gute Apfelernte, wobei gerade das Wallis von starken Hagelschlägen heimgesucht wurde und dies wohl zu gewissen Ausfällen führen dürfte. Alternanzanfällige Sorten wie Diwa oder Boskoop sind in der Ost- und Zentralschweiz oft im schwächeren Jahr und dürften deshalb in geringeren Mengen geerntet werden.
Längere Trockenperioden werden zukünftig häufiger auftreten. Was bedeutet das für den Obstbau in der Schweiz?
Die Bedeutung der Bewässerung und auch die Bedeutung der Verfügbarkeit von Bewässerungswasser wird zunehmen. Es gilt, sich langfristig mit eigenen Wasserspeichern oder Wasser aus sicheren Wasserbezügen einzudecken. Kleinere Oberflächengewässer werden da aus den Kränzen fallen, da in den wichtigen Bewässerungsperioden Entnahmeverbote drohen.
Welche Sorten profitieren vom Klimawandel?
Betreffend Klimaerwärmung sicherlich jene Sorten, die für trockenere und wärmere Standorte gezüchtet wurden. Beachtet man die häufiger auftretenden Wetterextreme und die lang andauernden Wetterphasen, dürfte die Landwirtschaft im Allgemeinen und der Obstbau mit seinen hohen Investitionen im Speziellen zu den Verlierern gehören.
«Darauf hat auch die Obstbauzüchtung keine Antwort bereit.»
Ralph Gilg zur Anpassung der Sorten an die Klimaveränderung
Viele Obstanlagen sind heute mit Bewässerung ausgerüstet. Kann man es sich als Obstproduzent in Zukunft noch leisten, ohne auszukommen?
Aus meiner persönlichen Sicht wird das immer schwieriger. Allerdings kommt es extrem auf die Böden, die gewählten Sorten bzw. Arten und die Obstlage mit ihren individuellen Niederschlägen an. Auf unserem Betrieb sind mittlerweile alle Obstkulturen mit Tropfbewässerung und Fertigation eingerichtet.
An der Thurgauer und St. Galler Obstfachtagung im Januar waren sich Vertreter aus Produktion, Handel und SOV einig, dass es neue, robuste Obstsorten auf dem Markt braucht. Eine klare Strategie fehlte aber zur Einführung robuster Kernobstsorten. Ist man diesbezüglich einen Schritt weiter?
Aus meiner Sicht nicht unbedingt, denn das BLW arbeitet in eine andere Richtung. Es möchte generell robuste Sorten fördern und nicht in den Markt eingreifen respektive die unterstützten Sorten auf eine marktkonforme Auswahl eingrenzen.
«Wenigstens ist die Branche in den entsprechenden Gremien eingebunden und hat so Mitspracherecht. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.»
Ralph Gilg zur Einführung neuer robuster Sorten
Wie nachhaltig, auf lange Sicht gesehen, schätzen Sie die Subventionspolitik des Bundes für robuste Sorten ein?
Das kommt darauf an, in welche Richtung sich der Bund noch bewegen lässt. Aus meiner Sicht führt die Subvention von robusten Sorten auf jeden Fall zu Marktverzerrung und Ungleichbehandlung. So werden innovative Produzenten mit langjährigem Anbau von robusten Sorten nicht unterstützt, während Neupflanzungen stark subventioniert werden. Ausserdem ist die Branche der Meinung, dass keine Mostobstkulturen unterstützt werden sollen, da ohnehin bereits robuste Re-Sorten Standard sind. Hier müssen wir uns mit dem Bund noch finden.
Wie sehen die Obstanlagen der Zukunft aus?
Sie sind auf jeden Fall mit Hagelschutznetzen und Bewässerung ausgestattet. Ausserdem bin ich der Meinung, dass die Baumabstände je nach Sorte enger gewählt werden und die Bäume schlanker, aber nicht unbedingt viel höher werden. Ich denke, eine schlanke Hecke kann sich bei verschiedenen Obstarten durchsetzen, da Pflege und Ernte optimiert werden können.

Zur Person
Ralph Gilg ist Präsident des Thurgauer Obstverbands.

