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«Wir stehen nicht für das System Zitrone ausdrücken und wegwerfen»: Der Nestlé-Chef über das Verhältnis zu den Bauern

Nestlé-CEO Mark Schneider besuchte dieser Tage einen Betrieb im zürcherischen Flaach. Hier sprachen wir mit ihm über Nachhaltigkeit, Regenerative Landwirtschaft und den Umgang des Grosskonzerns mit den Produzenten.

Einen Nestlé-CEO trifft man nicht alle Tage auf einem Bauernhof. Kürzlich weilte Mark Schneider auf einem Betrieb im Zürcher Weinland. Der 56-jährige Deutsche amtet seit 2017 und will der Nachhaltigkeit im Unternehmen mehr Dynamik verleihen. Dazu ist er auch auf die bäuerlichen Lieferanten angewiesen. Schneider ist deshalb ein Anhänger der Regenerativen Landwirtschaft. Wir haben ihm ein paar Fragen gestellt.

Herr Schneider, warum interessiert sich der Nestlé-CEO plötzlich für Landwirtschaft?

Mark Schneider: Das Interesse für die Landwirtschaft geht auf unsere Gründung zurück. Wir haben schon immer Wert auf eine sehr enge Bindung zu unseren Lieferanten gelegt. Schon im 19. Jahrhundert haben wir den ersten Milchdistrikt der Welt gegründet. Das heisst, wir haben den Bauern in einer Zeit, als Kühlung noch Luxus war, feste Abnahmemengen zu vereinbarten Lieferzeiten zugesagt, das war für diese ein Riesenfortschritt. Damit schafften wir ein festes Netzwerk rund um die Kondensmilch-Fabrik in Cham ZG.

Das Interesse scheint aber höher als auch schon …

Das ist durchaus richtig, der Klimawandel macht es nötig, dass wir gemeinsam mit der Landwirtschaft zur Lösung der Probleme beitragen. Aber die landwirtschaftliche Beziehung steckt ganz tief in der Firma drin.

Sie sind Anhänger der Regenerativen Landwirtschaft, woher rührt diese Begeisterung?

Wir verstehen die Regenerative Landwirtschaft als Oberbegriff für Massnahmen, welche die Bodenqualität verbessern, die Biodiversität erhöhen sowie Wasserkreisläufe schützen oder wieder herstellen. Die verschiedenen Denkschulen wie konservierend oder Bio, die wollen viel Gutes und Richtiges. Was sich davon konkret umsetzen lässt, muss man je nach Ort und Warengruppe entscheiden.

Reicht das, um die Klimaprobleme zu lösen?

Wir glauben, dass sich hier ein ganz wesentlicher Stellhebel zur Lösung des Klimaproblems bietet, weil entweder verhindert wird, dass mehr CO2 freigesetzt wird oder dieses gar gebunden werden kann.

Sie waren vergangenes Jahr an den Feldtagen für konservierende Landwirtschaft in Witzwil, war das ein Schlüsselerlebnis für Sie?

Was mir aus Witzwil im Kopf blieb, ist der Ort, wo zwei Ackerflächen – eine konventionell und eine konservierend bewirtschaftete – aufeinanderstiessen. Hier sah man nach wenigen Jahren deutlich die positiven Effekte von No Till, so etwa den Humusaufbau. Das legt im Kopf einen Schalter um. Man sieht, hier findet tatsächlich ein Prozess statt, es ist nicht nur Gerede.

Wurde heute in Ihrem Kopf ein weiterer Schalter umgelegt?

Das muss ich zuerst noch etwas setzen lassen. Was mir heute sehr gut gefallen hat: Es wurde offen über die Grenzen bei den Massnahmen gesprochen, etwa in der Milchproduktion. Da geht es zum Beispiel um den Einsatz von Antibiotika, das Alter der Kühe und den Weidegang. Diese Grenzen muss man respektieren. Mir hat der trockene Realismus gefallen, mit welchem der Landwirt (Philipp Schläpfer, Red.) das beschrieben hat.

60 % der Bauern weltweit sind arm, wie wollen Sie hier für mehr Nachhaltigkeit sorgen?

Es ist richtig, dass das Wohlergehen der Bauern sehr entscheidend ist für eine nachhaltige Produktion. Ich habe mich intensiv mit den Problemen der Kakaobauern an der Elfenbeinküste auseinandergesetzt. Unter dem Druck der Armut entstehen häufig falsche Entscheide in der Produktion oder inakzeptable soziale Bedingungen, etwa Kinderarbeit oder mangelnde Sicherheit. Durch Training und Prämien kann man Druck und Last von diesen Familien nehmen und nachhaltigere landwirtschaftliche Praktiken fördern. Aber wir fangen in sehr schwierigen Umständen an und brauchen für die Umsetzung mindestens ein Jahrzehnt. Die von uns bezahlten Mehraufwände der Produzenten müssen mit einer nachverfolgbaren Lieferkette einhergehen. Nur so lässt sich über die Zeit ein nachhaltiger Mehrpreis auch rechtfertigen.

Die Konsumenten sind zwar oft sehr umweltbewusst, greifen aber dann trotzdem zum billigeren Produkt. Wie wollen Sie diese Lücke schliessen?

Es gibt Konsumenten, die sehr gerne viel Zeit in das Studium nachhaltiger Produkte investieren und das hier (zeigt auf Mobiltelefon, Red.) macht es ihnen viel leichter. Dann gibt es andere Konsumenten, die einfach nur ohne sich stundenlang damit zu beschäftigen ein gutes Wissen und Vertrauen haben wollen, für beides gibt es eine Nachfrage. Der IP-Marienkäfer ist ein Beispiel dafür, wie man ganz einfach einen gewissen Standard kommuniziert.

Und über welche Produkte soll man das einführen?

Die erste Einheit von etwas Neuem kostet meistens mehr als die letzte von etwas Altem. Deshalb macht es Sinn, so etwas via Premium-Projekte einzuführen. So war etwa bei uns für viele Nachhaltigkeitsprojekte Nespresso die Speerspitze, und erst über die Zeit, wenn sich die Kosten senken, kann man so etwas auch bei Nescafé einführen.

Ihre Kundschaft ist ja sehr breit. Auch im hintersten Kiosk in Timbuktu gibt es Nestlé-Produkte. Dort wird man ja nie einen Mehrwert für Nachhaltigkeit lösen können, oder?

Das ist richtig und man muss das in diesen Gegenden anders angehen. Es gibt gerade in Afrika sogenannte Magic Price Points («magische Preispunkte», Red.). Die richten sich häufig danach, was ein Taglöhner pro Tag ausbezahlt erhält. Wenn Sie darüber hinausgehen, gibt es eine harte Grenze. Deshalb müssen wir unsere Produkte möglichst unterhalb dieser Grenze anbieten. Die Herausforderung liegt hier fast eher bei der Verpackung als beim Produkt. Die so hinzubekommen, dass sie mit weniger Plastik gleiche Sicherheit zum unveränderten Preis bietet, das ist extrem schwierig.

Bio Suisse und IP-Suisse haben es geschafft, als Bauernorganisationen mit ihren Labels in den Detail-handel vorzudrängen. Das gefährdet ja auch Ihre Stellung…

Warum soll das unsere Stellung gefährden?

Als Verarbeiterin ist man ja nicht erpicht darauf, dass sich Produzenten zusammenschliessen und ihren Preisforderungen so Nachdruck verleihen.

Wir müssen natürlich preislich konkurrenzfähig bleiben. Aber ich glaube, wir sind bei Nestlé nie für den ganz abrupten Umgang mit den Lieferanten gestanden. Wofür die IP-Suisse inhaltlich steht, da kann ich mich mit ganz vielem davon einverstanden erklären. Ohne jetzt exklusiv auf dieses System zu setzen, will es sehr viel von den Dingen, die wir auch wollen. Wenn es alle so gut machen würden, wie der Betrieb hier, wären wir mit dem Klimaschutz schon sehr viel weiter.

Also wollen Sie die Bauern ertüchtigen?

Wir stehen nicht für das System Zitrone ausdrücken und wegwerfen. Das geht nicht bei Landwirtschaft. Den Landwirten muss man hoch achten, als jemanden, der am Beginn der Wertschöpfungskette der Natur voll und ganz ausgesetzt ist und viel Risiko trägt. Diese Familien können auch nicht einfach den Betrieb austauschen.

Bei uns funktioniert die Ökologisierung ja nur, weil der Staat rund die halben Kosten trägt, wie wollen Sie das in anderen Märkten umsetzen?

Uns ist wichtig, festzuhalten, dass der «faire Übergang» etwas kostet. Ob der faire Übergang dann ein dauerhaftes mehr bezahlen ist oder eben nur eine finanzielle Hilfe, um den Wandel zu überbrücken, das hängt von der jeweiligen Situation ab. In manchen Fällen ist es so, dass man nach einer Anpassungszeit vergleichbare Erträge und Kosten erwarten kann, dann gibt es auch keine Gründe mehr, die Unterstützung fortzusetzen.

Vegane Ernährung wird immer wieder als grosse Stellschraube beschrieben, was wollen Sie diesbezüglich bewegen?

Ich bin als ein typisches deutsches Mittelklasse-Kind aufgewachsen. Bei uns gab es jeden Abend Brot mit Butter und Aufschnitt. Das ist weder gesund noch besonders umweltverträglich. In vielen Teilen der westlichen Welt haben wir einen Überkonsum von Fleisch- und Milchprodukten. Trotz allem erfüllen Fleisch und Milch extrem wichtige Funktionen in der Ernährung und ich würde es niemandem anraten, auf Dauer darauf zu verzichten. Ich esse aber heute relativ selten und bewusster Fleisch, bei Milchprodukten versuche ich das auch zu tun. Bei den pflanzenbasierten Alternativen sehe ich einen guten Beitrag an allgemeine Gesundheit und an die Umwelt.

Empfehlen Sie den Schweizer Produzenten eine Abkehr von Fleisch- und Milchproduktion?

Die Fleisch- und Milchproduktion wird bleiben. Und für die Schweiz, die sich als Grasland bestens eignet für diese Betriebszweige, würde ich nie die Empfehlung ausgeben, weniger davon zu produzieren. Wofür es dann verwendet wird und wohin die Produkte gehen, muss man dann entsprechend schauen. Wahrscheinlich wäre es gut, wenn man vor allem auf Mehrwertprodukte fokussiert.

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