Es ist die Ironie der modernen Landwirtschaft: Wer besser wird, produziert mehr. Wer mehr produziert, drückt die Preise. Wer unter Preisdruck steht, muss noch effizienter werden. Ein Kreislauf, der in die falsche Richtung dreht.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Bei der Milch türmen sich die Überschüsse, die Notexporte laufen auf Hochtouren. Die Schweinehalter schlachten konstant über der kritischen Marke. Die Weinlager sind randvoll, während der Konsum einbricht. Drei Sektoren, drei Krisen, ein Muster: Die Schweizer Landwirtschaft produziert systematisch am Markt vorbei.
Und die Politik? Sie will mit Ertragsprämien gegensteuern. Mehr vom Gleichen, das die Krise erst verursacht hat.
Die SVP und die Renaissance der Ertragsprämien: Agrarpolitischer Irrsinn
Die SVP kommt mit einem Vorschlag daher, der schier fassungslos macht. Die Nationalräte Katja Riem, Marcel Dettling, Nicolas Kolly und Martin Hübscher fordern in der Agrarpolitik 2030+ Ertragsprämien und wollen, dass sich die Landwirtschaft «aufs Produzieren konzentrieren kann». Man muss das zweimal lesen, um zu begreifen, was hier vorgeschlagen wird. Mitten in einer Überproduktionskrise soll der Bund Anreize schaffen, noch mehr zu produzieren.
Die Ironie der Geschichte liegt auf der Hand. Genau solche produktionsgebundenen Beiträge haben wir schon einmal abgeschafft. Mit der Agrarpolitik 14-17 wurden die Tierbeiträge gestrichen, und zwar mit der expliziten Begründung, sie würden zu Überproduktion, Preisverfall und Umweltbelastung führen.
Was geschah nach der Abschaffung? Entgegen allen Prognosen von Agroscope nahm der Tierbestand zu. Statt jährlich um 0,1 Prozent zu sinken, wuchs er um beinahe ein Prozent pro Jahr. Die Überproduktion blieb bestehen, nur die Instrumente zur Steuerung fehlten fortan.
Und nun kommt es noch dicker. Nationalrat Thomas Knutti von der SVP macht gar einen Vorstoss für die Wiedereinführung von Tierhalterbeiträgen. Alles schon mal dagewesen. Alles abgeschafft. Begründet.
Die Verfassung: Was wir eigentlich müssten
Dabei steht es klipp und klar in der Bundesverfassung. Artikel 104 verlangt «eine nachhaltige und auf den Markt ausgerichtete Produktion». Auf den Markt ausgerichtet, nicht gegen ihn. Der Verfassungsauftrag wurde mit 77,6 Prozent Ja-Stimmen angenommen und verlangt explizit eine Produktion, die sich an der Nachfrage orientiert.
Stattdessen erleben wir das genaue Gegenteil. Beim Wein wurden jüngst 10 Millionen für Absatzförderung gesprochen, während das Bundesamt für Gesundheit gleichzeitig Millionen in Suchtprävention steckt. Der Konsum brach um 16 Prozent ein, die Lager sind voll, und die Antwort der Politik lautet dennoch: Mehr Geld für Weinwerbung.
Die Milchbranche: Roboter auslasten, Preise zerstören
Die Branchenorganisation Milch senkt den A-Richtpreis ab Februar um 4 Rappen auf 78 Rappen, und zwar für elf Monate fixiert. «Planungssicherheit» nennt man das. In Wahrheit ist es ein Zeichen der Kapitulation vor einem strukturellen Problem.
Wo früher 18 Kühe im Anbindestall standen, sind es heute 60 am Roboter. Den Roboter auslasten, so lautet die Devise im Tal. Wer baut, vergrössert. Die Logik dahinter ist simpel: Fixkosten auf mehr Liter verteilen, um den sinkenden Preis zu kompensieren. Parallel dazu wächst die Maisfläche im Tal stetig, die Leistung der Kühe wird immer höher.
Doch was bedeutet das für die Berggebiete, für die Alpen? Immer weniger Kühe werden gealpt. Sie passen nicht mehr in dieses System. Die hochleistenden Roboterkühe sind zu sensibel für die Alp, zu spezialisiert auf Kraftfutter und Mais. Das Verkaufsargument «Aus Gras wird Milch» wird zur Farce, während im Tal Mais für Hochleistung wächst und in den Bergen die Weiden verwalden. Wie schützen wir die Alpen, wenn die Kühe fehlen, die sie pflegen sollten?
Das Resultat der Talmilchproduktion liegt auf der Hand. Im September und Oktober wurden 6 Prozent mehr Milch produziert als im Vorjahr. Die Überproduktion beträgt 126 Millionen Kilogramm. Die Branche reagiert mit Notmassnahmen und stützt Butter- und Rahmexporte mit 11 Millionen aus dem Regulierungsfonds. Aber das sind Flickwerk-Lösungen. Das Grundproblem bleibt bestehen: Jeder einzelne Produzent handelt für sich rational, doch das System als Ganzes kollabiert.
Für Boris Beuret, Präsident der Schweizer Milchproduzenten, bedeutet die Preissenkung einen Umsatzverlust von 16 000 Franken. Dennoch stimmte er der Senkung zu, wie er sagt «im Sinne der Stabilität». Er hat die Fütterung angepasst, ältere Kühe früher geschlachtet. Er tut, was er kann. Aber er kann den Markt nicht aufhalten.
Schweinemarkt: Wenn Warnungen verhallen
Andreas Bernhard, seit Mai 2023 Präsident von Suisseporcs, hat seinen Rücktritt auf die Delegiertenversammlung 2027 angekündigt. Offiziell geschieht dies aus Altersgründen. Doch die wahren Gründe dürften tiefer liegen. Seit seinem Amtsantritt im Frühling 2023 erinnerte er die Branche unermüdlich daran, dass der Schweinemarkt direkt auf die Wand zurast. Er wurde gehört, aber konsequent ignoriert.
Das neue Jagerpreismodell sollte frühere und deutlichere Preissignale senden. Die Zielmenge von 45 000 Schlachtschweinen pro Woche wurde definiert. Doch die Produktion lag in der Regel darüber. Sauen werden nach wie vor zu viel belegt, und die Einstallungen sind so hoch, dass bis zum Sommer ungebremst Schweine auf den Markt kommen werden.
Was ist das für eine Strategie? Die anderen sollen sich anpassen, ich fahre weiter. Der Inlandsanteil liegt weiterhin bei 96 Prozent, angestrebt werden 92 Prozent, damit der Markt wieder atmen kann. Doch die Mechanismen greifen nicht. Die Schweinepreise fallen, während im Januar grossflächige Aktionen im Ladengestell den Absatz ankurbeln sollen. Wer zahlt das am Ende? Die Bauern. Und zwar mit sinkenden Preisen.
Bernhards Rücktritt ist also auch eine Kapitulation vor einer Branche, die kollektiv die Augen vor der Realität verschliesst.
Der Detailhandel: Wer setzt die Bedingungen?
Der Ball wird in diesem Spiel gerne dem Konsumenten zugespielt. Er müsse Verantwortung übernehmen, heisst es. Migros betont pflichtbewusst, man richte sich nach dem Richtpreis. Doch wer genau hinschaut, der weiss: Der Richtpreis richtet sich auch nach dem Detailhandel. Die Macht ist in diesem Kreislauf asymmetrisch verteilt.
Die Protestwellen im letzten Frühling haben in den Augen der Bauern zwar Erfolg beschert. Man glaubte, der Richtpreis bei der Milch sei deshalb stabil geblieben. Doch der Markt holt sich das zurück, und zwar jetzt. Und es trifft jene am härtesten, die keine Reserven mehr haben.
Das ständige Preisdrücken vernichtet Millionen. Eine Strukturbereinigung zugunsten der Grossen findet statt. Und die werden noch mehr produzieren wollen, denn das ist ein Marktgesetz: mit Menge den Preis sichern. Ein Teufelskreis.
Wein: Widersprüche in Millionenhöhe
Nur noch 77,4 Millionen Liter Schweizer Wein wurden konsumiert, das bedeutet ein Minus von 16 Prozent. Der Marktanteil sank auf 35,5 Prozent. Die Lagerbestände bleiben trotz allem hoch.
Und was beschliesst die Politik in dieser Situation? Zehn Millionen für Absatzförderung. Doch reicht Werbung wirklich? Wenn der Bund schon helfen soll, dann doch mit anderen Massnahmen. Etwa mit einer ehrlichen Diskussion über Importe. Warum fliesst billiger Wein aus aller Welt praktisch unkontrolliert in die Schweiz, während unsere Winzer auf vollen Lagern sitzen? In italienischen Restaurants in Bern wird kein Schweizer Wein angeboten, nur italienischer.
Woran verdienen also die Weinhändler in der Schweiz wirklich? Am Walliser Traubensaft von den steinigen Sonnenhängen, der mit hohem Aufwand produziert wird – oder doch eher am für wenige Rappen importierten Liter von irgendwoher, der mit hoher Marge verkauft wird? Hier wäre staatliche Unterstützung angebracht: bei der Förderung der Inlandleistung, bei fairen Wettbewerbsbedingungen, bei der Eindämmung von Billigimporten. Nicht bei Werbekampagnen, während Gesundheitspolitikerin Barbara Gysi zu Recht warnt: Gleichzeitig mehr und weniger Weinkonsum fördern, das geht schlicht nicht.
Wer trägt die Verantwortung?
Die Politik versagt auf ganzer Linie. Sie reagiert auf Überproduktion mit Produktionsanreizen, auf Marktversagen mit noch mehr Subventionen. Die SVP-Vorstösse für Ertragsprämien sind agrarpolitischer Irrsinn. Der Verfassungsauftrag wird schlichtweg ignoriert, obwohl er glasklar formuliert ist.
Die Verbände haben jahrelang gewarnt und wurden systematisch ignoriert. Andreas Bernhard bei den Schweinen, die Milchproduzenten, die Weinbauern. Sie alle wussten, was kommt. Doch wo fehlt es wirklich? An der Solidarität untereinander. An der Bereitschaft, das eigene Handeln dem Gesamtinteresse unterzuordnen.
Der Detailhandel profitiert vom Preisdruck und gibt ihn nicht adäquat weiter. Die Marge bleibt beim Handel, die Bauern bluten.
Die Bauern selbst tragen ebenfalls Mitverantwortung. Wer in der Überproduktion noch grösser baut, noch mehr investiert, noch mehr Tiere hält, der handelt betriebswirtschaftlich vielleicht richtig, volkswirtschaftlich aber fatal. Die Logik «mit Menge den Preis sichern» funktioniert nur, wenn nicht alle gleichzeitig so denken. Doch genau das passiert gerade.
Was bringen Proteste?
In bäuerlichen Chats wird heftig diskutiert: Sollen wir auch auf die Strasse gehen? Eine erschreckend hohe Anzahl von Bauern ist dazu bereit. Wofür will man eigentlich demonstrieren? Mercosur wird genannt, man schaut nach Frankreich und Belgien, wo lautstark und mit grosser Zerstörungswut protestiert wird.
Doch hier liegt ein fundamentales Missverständnis vor. Das Mercosur-Abkommen, gegen das die Bauern auf die Barrikaden gehen, ist ein EU-Abkommen. Es hat direkte und massive Auswirkungen auf die europäischen Agrarmärkte: Zollfreie Kontingente für südamerikanisches Rindfleisch, Geflügel, Zucker, Ethanol. Die EU-Bauern kämpfen gegen unmittelbare Konkurrenz aus Übersee.
Die Schweiz hat mit Mercosur ein völlig anderes, separates Abkommen verhandelt. Die Auswirkungen für Schweizer Bauern sind nicht vergleichbar mit jenen für EU-Bauern. Wer hier einfach europäische Protestmuster kopiert, ohne die unterschiedlichen Ausgangssituationen zu verstehen, kämpft gegen Windmühlen.
Doch Demonstrationen allein lösen keine strukturellen Probleme. Sie können politischen Druck erzeugen und Aufmerksamkeit wecken. Aber sie ändern nichts daran, dass zu viel produziert wird und dass die Solidarität in der Branche fehlt.
Es braucht Branchenlösungen, nicht Bundeskrücken
Der Ausverkauf hat längst begonnen. Jetzt die Verantwortung einfach dem Bund zuzuschieben und nach Prämien zu rufen, macht das Problem nur noch schlimmer. Es braucht echte Branchenlösungen, die von den Verbänden eingefordert und von allen umgesetzt werden.
Was es wirklich braucht, ist ein neues Verständnis von Solidarität. Nicht jeder gegen jeden, sondern gemeinsam für einen funktionierenden Markt. Das bedeutet konkret: Produktionsdisziplin, freiwillige Mengenbegrenzungen, transparente Kommunikation über Produktionszahlen. Und ja, auch schmerzhafte Anpassungen. Wer zu viel produziert, muss die Konsequenzen selbst tragen, nicht der Steuerzahler.
Was es braucht, ist eine Politik, die den Verfassungsauftrag endlich ernst nimmt. Eine Landwirtschaft, die auf den Markt ausgerichtet ist und nicht gegen ihn arbeitet. Das bedeutet ganz klar: keine Produktionsprämien in Zeiten der Überproduktion, keine widersprüchlichen Subventionen, keine kurzfristigen Rettungsaktionen.
Die Kleinen zahlen die Zeche
In erster Linie sind es die kleinen Produzenten, die den Gürtel nicht mehr enger schnallen können. Eine Strukturbereinigung zugunsten der Grossen findet statt, und die werden in Zukunft noch mehr produzieren wollen. Wir erleben eine Lebensmittelwirtschaft, die von Maximierung geprägt ist und dominiert wird von jenen, die mit dem Rücken zur Wand stehen.
Das ist die bittere Wahrheit einer Branche, die strukturell nicht fähig ist, sich selbst zu regulieren. Die Marktgesetze gelten entweder für alle oder für niemanden. Aktuell gilt offenbar: Die anderen sollen sich anpassen, ich fahre weiter.
Das muss ein Ende haben. Sonst endet es in einer Katastrophe, die wirklich alle trifft. Die Bauern, die Verarbeiter, den Detailhandel, die Konsumenten. Und am Ende verlieren wir genau das, was wir eigentlich bewahren wollten: Eine vielfältige, nachhaltige und bäuerliche Landwirtschaft in der Schweiz.
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