«Wir sind wahrscheinlich das erste palmölfreie Lebensmittelgeschäft in der Schweiz.» Das sagt Andy Kreuzer, Verwaltungsrat der Chäsi Muri AG. Seine Frau Désirée ist Geschäftsführerin des Ladens. Die beiden haben in den vergangenen Monaten das gesamte Sortiment von rund 2000 Artikeln nach palmölhaltigen Produkten unter die Lupe genommen. Bei etwa 40 wurden sie fündig – und haben sie aus dem Angebot verbannt. Vergangene Woche orientierten sie darüber.

Ein zweiter Coup

Mit diesem Schritt überrascht der Laden im Zentrum der Oberfreiämter Gemeinde zum zweiten Mal seit dem Neustart im Jahr 2018: «Damals haben wir das Käse- und Molkereiangebot zu 100 Prozent auf Schweizer Produkte umgestellt», so Andy Kreuzer. «Das kam nicht bei allen Liebhabern von ausländischem Käse gut an, aber wir haben es durchgezogen.» Zwar gingen dadurch einige Kundinnen verloren, umgekehrt wurden aber neue dazu gewonnen.

Den gleichen Effekt erwarten die beiden mit der Sortimentsbereinigung nach Palmöl-Kriterien. Denn unter den gekippten Produkten befinden sich etliche Schweizer Klassiker wie etwa Kägi Fret, Lindor-Kugeln oder Aromat. «Ersatz zu finden, war oft sehr schwierig», erklärt Désirée Kreuzer. Als Beispiel nennt sie Blätterteig. Nach langer Suche wurden sie schliesslich bei der Migros fündig – bei einem der Grossverteiler also, von denen sie sich grundsätzlich unterscheiden wollen. «Wenn es der Sache dient, haben wir keine Berührungsängste», meint ihr Mann zu dieser Spezialsituation.

Regional und saisonal

Seit der Gründung der AG als Ersatz für den früheren Käsereigenossenschaftsladen gilt konsequent die Devise «regional und saisonal». Das Sortiment umfasst sowohl konventionelle als auch Bioprodukte. Wenn immer möglich, bezieht die Chäsi Muri diese direkt von Landwirtschaftsbetrieben aus der Nachbarschaft. «Damit verhelfen wir ihnen zu einer höheren Wertschöpfung», betont Kreuzer. Häufig sind es Bauern, die auf die Ladenbetreiber zukommen und Interesse an diesem Absatzkanal anmelden. So geschehen erst kürzlich, als ein Produzent aus der Umgebung Reis anbot. «Den haben wir natürlich sofort ins Regal aufgenommen.»

Weil es bei den Direktlieferanten vorwiegend um Frischprodukte geht, sind diese von der Palmölfrei-Umstellung nicht betroffen. Fairness werde im übrigen nicht nur gegenüber den Produzentinnen grossgeschrieben, sie gelte gleichermassen für die Anstellungsbedingungen des zwölfköpfigen Personals. Es handelt sich um drei Festangestellte, einen Lehrling (als einziger männlicher Part) sowie um acht Teilzeitangestellte.

«Ersatz zu finden, war oft schwierig.»

Gemäss Désirée Kreuzer kippten auch einige Klassiker aus dem Sortiment.

Keine Preisdrückerei

Laut Kreuzer gibt der durchschnittliche Schweizer Haushalt heute nur noch knapp 6 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel aus. In Deutschland sind es 14 Prozent. Und während Anfang der Siebzigerjahre noch über die Hälfte des Konsumentenfrankens beim Produzenten verblieben, sind es heute keine 30 Prozent mehr.

Aus diesen Gründen distanziert sich der Chäsi-Laden von der Preisdrückerei der Grossverteiler und Discounter. «Wer sich für regionale, saisonale und gesunde Produkte entscheidet, zahlt bei uns vielleicht 1 Franken pro 100 Franken Einkommen mehr. Mit diesem Konzept gelang es uns, in den vergangenen drei Jahren eine treue Kundschaft aufbauen.» Wer hier einkaufe, könne sich darauf verlassen, dass die Produkte genau dem entsprechen, was sie versprechen. Wischiwaschi-Deklarationen wie etwa «Herkunft Schweiz oder Europa» gebe es nicht. Mit der Verbannung von palmölhaltigen Produkten können die Ladenbetreiber die Welt nicht verändern. Das ist ihnen durchaus bewusst. Sie halten sich vielmehr an ein Motto von Mutter Teresa: «Nicht alle von uns können grosse Dinge tun. Aber wir können kleine Dinge mit grosser Liebe tun.» Die Bezeichnung «Chäsi» trägt das Lebensmittelgeschäft übrigens nach wie vor zu Recht: Der Käseverkauf macht rund die Hälfte des Umsatzes aus.

Die Krux mit dem Palmöl

Mit 66 Millionen Tonnen pro Jahr ist Palmöl das meistproduzierte Pflanzenöl. Es steckt mittlerweile in jedem zweiten Produkt der Grossverteiler. Die Lebensmittelindustrie schätzt es wegen des billigen Preises und der Verarbeitungseigenschaften (Haltbarkeit und Konsistenz). Die Plantagen summieren sich weltweit auf 28 Millionen Hektaren Land – mit verheerenden Folgen für den Regenwaldbestand sowie für die ansässige Bevölkerung und die Tierwelt. Pro Tag werden Waldflächen im Umfang von 670 Fussballfeldern gerodet. Die Palmölproduktion ist eine wahre CO2-Schleuder: Die jährlichen Emissionen belaufen sich auf 309 Millionen Tonnen pro Jahr, den vierfachen Wert von ganz Österreich.Palmöl aufzuspüren ist alles andere als einfach, wie Andy Kreuzer berichtete. Es versteckt sich nämlich in Dutzenden von kryptisch anmutenden Bezeichnungen für Inhaltsstoffe, die wohl selbst einem Lebensmittelchemiker nicht auf Anhieb geläufig sein dürften. Geschweige denn dem Normalverbraucher. Das Sortiment zu durchforsten, war deshalb für die Chäsi Muri mit akribischer Arbeit verbunden.