Was sind aus Ihrer Erfahrung die häufigsten Herausforderungen, mit denen Patchworkfamilien konfrontiert sind?
In den meisten Familien mit mehreren Kindern ist die Organisation des Alltags eine grosse Herausforderung. Wenn zusätzlich zwei Erwachsene – die beiden Ex-Partner – und weitere Kinder mitbestimmen möchten, wird dies für viele zu einem Stressfaktor, zumindest in der Anfangsphase. Es braucht Zeit, bis sich ein Wochenrhythmus, klare Übergaberituale und Zuständigkeiten eingespielt haben.
Als schwierig wird häufig die Kommunikation mit den Ex-Partnern empfunden. Oft stehen noch alte Verletzungen im Raum. In der Terminplanung fühlt sich schnell jemand benachteiligt und sperrt sich gegen Neuorganisationen, was die Situation zusätzlich erschwert.
Welche typischen Fehler können in der Anfangsphase einer Patchworkfamilie passieren, und wie lassen sie sich vermeiden?
In den meisten Fällen kennt sich das neue Paar bereits gut, bevor der oder die neue Partner(in) den Kindern vorgestellt wird. Wichtig ist, dass auch die Kinder genügend Zeit bekommen, die neue Person kennenzulernen, bevor ein Zusammenziehen stattfindet. Je nach Alter sollten sie zum Beispiel bei der Einteilung der Räumlichkeiten mitbestimmen dürfen.
Sehr schmerzhaft kann es sein, wenn beispielsweise der Papi nach der Trennung ausgezogen ist und der neue Partner von Mami gleich die Werkstatt neu einrichtet – oder wenn die neue Partnerin den Garten von Mami komplett umgestaltet. Solche Veränderungen können die Kinder sehr verunsichern, da sie ja vielleicht häufig mit Papi in der Werkstatt oder mit Mami im Garten waren.
Eine einfache Regel – die damals meine Kinder selbst aufgestellt haben – lautet: Wer neu in einen Haushalt dazukommt, passt sich zunächst den bestehenden Regeln und Ritualen an. Später können Anpassungen im Familienrat gemeinsam besprochen werden.
Der Familienrat ist ein sehr hilfreiches Ritual: Einmal pro Woche, zum Beispiel sonntags nach dem Abendessen, sitzen alle zusammen. Jede und jeder erzählt, wie es ihm oder ihr geht, was gefällt und was verändert werden möchte.
Gegenseitiger Respekt, Einfühlungsvermögen und transparente Kommunikation unter den Erwachsenen helfen enorm. Den Kindern ein Vorbild sein, wie Konflikte angesprochen und friedvoll gelöst werden können, ist die Königsdisziplin!
Wie können neue Partnerinnen und Partner eine gute Beziehung zu Stiefkindern aufbauen, ohne in eine Erziehungsfalle zu geraten?
Indem sie echtes Interesse zeigen. Auch wenn ich selbst nichts mit Fussball oder Pferden anfangen kann, darf ich neugierig sein auf das, was das Kind begeistert. Es geht darum, das Kind in seinen Ideen und Wünschen zu unterstützen, Gemeinsamkeiten zu entdecken und zusammen Freude zu erleben.
Gleichzeitig ist es wichtig, die eigenen Grenzen klar zu kommunizieren. Wenn ein Kind mir gegenüber – als «Bonus-Mami» (dieser Begriff gefällt mir besser als Stiefmutter) – ablehnend oder frech ist, würde ich mal nachfragen, was es an der «früheren» Familie vermisst. Hinter Widerstand steckt oft Trauer. Ich sollte nicht vergessen, dass das Kind die neue Konstellation so nicht gewählt hat. Vielleicht erlebt es diese bewusst oder unbewusst gar als bedrohlich oder beängstigend. Darüber zu reden, kann helfen. Und Kinder bewusst in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, unterstützt sie darin, sich nicht als gänzlich fremdbestimmt zu erleben und eine sichere Bindung zu den neuen Bezugspersonen aufzubauen.
Eine Mutter, die mit ihren Kindern zu einem Bauern auf den Hof gezogen ist, hat mir erzählt, wie wertvoll es für ihre Kinder war, mitzuentscheiden, welche der gemeinsam aufgezogenen Kälber verkauft und welche behalten werden.
Welche Rolle spielen klare Absprachen und Familienregeln für das langfristige Gelingen einer Patchworkfamilie?
Familienregeln geben Sicherheit. Sie gelten für alle. Auch hier gilt: Wer neu in eine Familie kommt, darf sich zunächst an Bestehendem orientieren. Auch bei ganz einfachen Dingen. Zum Beispiel: Jeder hängt seine Jacke an den Haken.
Es ist hilfreich, sich über Regeln, die mir für unser Zusammenleben wichtig sind, zuerst mit dem Partner oder der Partnerin auszutauschen und abzugleichen und erst dann mit den Kindern zu besprechen. Zum Beispiel: In diesem Haus sagen wir alle «Bitte» und «Danke».
Der bereits erwähnte wöchentliche Familienrat hat sich dabei als wertvolles Instrument bewährt. Er schafft Raum für Gefühle, Wünsche und Anliegen und stärkt den Zusammenhalt.
Was unterscheidet Patchworkfamilien auf dem Bauernhof von solchen in städtischen oder nicht-landwirtschaftlichen Lebensformen?
Ich habe meinem neuen Partner damals gesagt: «Ein Ja zu mir ist auch ein Ja zu drei Kindern. Wenn du zu mir kommen möchtest, musst du mich mit drei Kindern teilen.» Wer Ja zu einem Bauern oder zu einer Bäuerin sagt, sagt auch Ja zu Kind, Hof und Tier – und zu allen Unvorhersehbarkeiten, die ein Landwirtschaftsbetrieb mit sich bringt. Das muss man wirklich wollen.
Bringt die neue Partnerin oder der neue Partner eigene Kinder mit, müssen auch diese offen sein für das Leben auf dem Hof. Für kleine Kinder kann das ein Traum sein – für Teenager vielleicht ein Albtraum. Wichtig ist, bestehende Gewohnheiten und Traditionen auf dem Hof zu respektieren und – wenn möglich – zunächst zu übernehmen. Die Kinder, die auf dem Hof aufgewachsen sind, sind damit verbunden. Es hilft, sich von ihnen zeigen zu lassen, wie Dinge bisher gemacht wurden.
Wer neu auf den Betrieb kommt, übernimmt oft auch Projekte der Vorgängerin oder des Vorgängers. Hier braucht es viel Achtsamkeit und Respekt gegenüber der bisherigen Gestaltung. Wenn alles sofort umgekrempelt wird, kann das für die Kinder – und auch für die Person, die den Hof verlassen hat – sehr schmerzhaft sein.
Auf einem Hof sind Arbeit und Privatleben stark miteinander verwoben. Welche Konflikte entstehen dadurch besonders häufig in Patchworkkonstellationen?
Konflikte entstehen in jeder Familie, besonders wenn unausgesprochene Erwartungen im Raum stehen oder wenn man sich aus Liebe aufopfert.
Wichtig ist, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen, sondern diese als Chance für gemeinsame Entwicklung zu sehen. Indem ich kommuniziere, was mir wichtig ist oder was ich auf keinen Fall will, schaffe ich Klarheit für mein Umfeld. Wer diese Momente der Reibung aushält, wird meist durch eine Stärkung und Vertiefung der Beziehung belohnt.
Auf einem Hof gibt es rund um die Uhr Arbeit. Deshalb ist es umso wichtiger, bewusst miteinander abzusprechen, wann Feierabend ist oder wann man gemeinsam Ferien macht. Eigene Grenzen wahrzunehmen und zu kommunizieren, ist zentral.
Wie kann man die Themen Hofnachfolge, Eigentum und Mitspracherecht fair und transparent in einer Patchworkfamilie ansprechen?
Erwartungen, Ängste und Wünsche sollten immer wieder offen ausgesprochen werden. Gerade bei Themen wie Eigentum, Absicherung oder Hofnachfolge ist es sinnvoll, frühzeitig Beratung beizuziehen. Diese Themen sind im landwirtschaftlichen Kontext oft sehr vielschichtig, komplex und konfliktträchtig. Eine professionelle Begleitung kann sehr hilfreich sein, um alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen und unnötige Streitigkeiten zu vermeiden.
Welche konkreten Tipps geben Sie Patchworkfamilien auf dem Bauernhof, um Rollenverteilung, Arbeitsbelastung und Familienzeit besser auszubalancieren?
Wer neu auf einen Hof kommt, sollte bewusst entscheiden, sich einzufügen. Es hilft, sich die Abläufe zeigen zu lassen und sich Zeit zu nehmen, um den eigenen Platz zu finden – inklusive der Frage: Wo und wann habe ich meine Pausen?
Regelmässige Paarzeit ist ebenso wichtig. Das kann das gemeinsame Mittagsschläfchen, ein Abendspaziergang, regelmässige Paar-Wochenenden oder auch mal eine Reise sein. Auch wenn dies auf einem Hof natürlich nicht immer einfach umzusetzen ist.
Auch die Kinder sollen Raum haben, die neue Verbindung zu gestalten. Geburtstage, Jahreszeitenfeste oder gemeinsame Ausflüge stärken das Miteinander. Und schliesslich: dem Abenteuer offen und neugierig begegnen. Patchwork auf dem Bauernhof ist anspruchsvoll – aber auch eine grosse Chance für die familiäre Verbundenheit und individuelle Entwicklung.
Zur Person
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Michèle Maruna Pête ist Therapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in eigener Praxis in Wetzikon ZH. Sie berät seit über 10 Jahren Eltern und Patchworkfamilien und gibt zusammen mit ihrem Partner Simon Charen verschiedene Kurse zum Thema Beziehungskompetenz. Sie ist Mutter von drei Teenagern und lebt seit 15 Jahren im Nestmodell (wenn die Eltern abwechselnd im Haus der Kinder wohnen).
