«Je älter man wird, desto mehr interessiert man sich für seine Wurzeln», stellt Robert Neuhaus fest. Der 71-Jährige hat sich intensiv mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt. Seine Eltern Hans und Erika Neuhaus-Fahrni waren 1950 aus dem Berner Oberland ins thurgauische Hugelshofen eingewandert, wo sie einen Hof erwerben konnten - samt Vieh, zwei Pferden und der kümmerlichen Fahrhabe. Das war damals kein Einzelfall, was mit dem unterschiedlichen Erbrecht der beiden Kantone zu tun hat: in Bern erbte jeweils der jüngste Sohn den Hof, die älteren Geschwister mussten sich neu orientieren.

Verwahrloste Höfe übernommen

Im Kanton Thurgau dagegen wurde das Erbe in meist in immer kleinere Flächen aufgeteilt, bis ein Hof kaum mehr eine Familie ernähren konnte. So kam es, dass zwischen 1900 und 1982 Dutzende Berner Bauernfamilien in den Kanton Thurgau zogen, um dort zum Teil verwahrloste Höfe wieder zum Blühen zu bringen. «Mir ist nicht bekannt, dass dies jemanden nicht gelungen ist», sagt Neuhaus. Dazu kamen viele Käserfamilien, die ebenfalls in den Thurgau einwanderten. Man schätzt, dass 1941 bereits 11 Prozent der Bevölkerung Berner Wurzeln hatten.

Vor ein paar Jahren begab sich Landwirt Robert Neuhaus auf die Spurensuche. «Viele Familien kannte ich bereits», erzählt er. Als besonders reiche Informationsquellen erwiesen sich Frauen in hohem Alter, welche die Umsiedelung damals direkt erlebt hatten und das Projekt mit Geschichten und Fotos bereichern konnten. Aus den Nachforschungen entstand schliesslich 2021 das Buch mit dem Titel: «Vom Berner Haus ins Thurgauer Haus – Heimweh-Berner berichten von ihrer Auswanderung». Als Autor konnte Herausgeber Robert Neuhaus seinen ehemaligen Berufsschullehrer Werner Lenzin gewinnen.

Das Buch brachte schöne Begegnungen

Das Buch stiess weitherum auf grosse Resonanz. Robert Neuhaus erinnert sich: «Eines Tages meldete sich ein Innerschweizer, der im Thurgau in den Ferien war und sein eigenes Buch über das Älplerleben gegen eines meiner Exemplare tauschen wollte». Man sei sich auf Anhieb sympathisch gewesen und der Innerschweizer habe ihn daraufhin im Sommer auf seine Obwaldner Alp eingeladen. Eine weitere Anekdote: Ein früherer Nachbar, ebenfalls mit Berner Wurzeln, sei als junger Mann ins Bernbiet gezogen. 50 Jahre später habe sich dieser bei Robert Neuhaus gemeldet, nachdem ihm seine Tochter das Buch über die Berner Einwanderer geschenkt habe. «Eine schöne Wiederbegegnung», sagt der Thurgau-Berner dazu. Ein Verwandter hat Neuhaus einen Stammbaum geschenkt, «da ging für mich unerwartet ein grosser Traum in Erfüllung» sagt er glücklich

Er hat den Berner Dialekt immer gepflegt

Robert Neuhaus gab den Familienbetrieb in Hugelshofen, den seine Eltern einst erworben hatten, vor einigen Jahren an einen seiner Söhne weiter. 2020, als er bereits im Pensionsalter war, machte sich Neuhaus mit dem alten Bührer Spezial, Jahrgang 1957, auf eine Reise. Ziel war das 225 km entfernte Teuffenthal, östlich von Thun. Von dort aus hatten seine Eltern 70 Jahre zuvor ihre Reise in den Thurgau begonnen. In dieser Gegend lebt noch immer ein Teil der Verwandtschaft. «Wir haben stets einen intensiven Kontakt zur weitverzweigten Familie gepflegt», so Neuhaus. Sein Vater Hans etwa sei früher jeden Herbst zwei- bis dreimal mit dem VW Kombi voller Äpfel ins Berner Oberland gefahren, um sie an Verwandte und Bekannte zu verteilen. Schliesslich sei der Vater 2003 auf einem seiner Besuche unerwartet verstorben. «So hat sich sein Lebenskreis geschlossen», sagt der Sohn.

Hört man Robert Neuhaus zu, macht sich die Berner Abstammung auch sprachlich bemerkbar. «Ich bin zwar im Thurgau geboren und aufgewachsen, aber den Berner Dialekt habe ich immer gepflegt, auch ausserhalb der Familie», sagt er lachend.

Nachdem sein Buch schon im ersten Jahr nach Erscheinen vergriffen war, liess Neuhaus eine zweite Auflage drucken. Somit ist das Buch weiterhin erhältlich.

«Vom Berner Haus ins Thurgauer Haus – Heimweh-Berner berichten von ihrer Auswanderung»
Von Werner Lenzin (Autor).
Herausgeber: Robert Neuhaus, 2. Auflage, 2022.
176 Seiten mit zahlreichen Bildern. Fr. 38.–.

erhältlich bei:
Robert Neuhaus
Tel. 071 699 11 40
E-Mail: neuhaus.hugelshofen(at)bluewin.ch
oder via www.berner-im-thurgau.ch