Thomas Hollenstein (46) ist parteilos – und nicht Mitglied des Nein-Komitees Wil West. Aber als Präsident der landwirtschaftlichen Vereinigung des Wahlkreises Wil (SG) ist er gegen Wil West. Sein Gegenüber ist Sepp Sennhauser (62), Mitte Kantonsrat, der klar für das Projekt ist. Beide diskutieren hitzig, sodass Argumente hin- und herfliegen. Worin sich beide einig sind: Ein «Wilder Westen» um Wil West, in dem Personen diffamiert werden, ist fehl am Platz.
Herr Sennhauser, Sie waren 2022, als erstmals über Wil West abgestimmt wurde, gegen die Vorlage. Heute gehören Sie zu den Befürwortern. Wie kam es zu diesem Meinungswechsel?
Sepp Sennhauser: Damals war ich in meiner Partei der Einzige, der dagegen war. Man kann nicht als Kanton auf fremdem Territorium in eine Industriezone investieren. Seither habe ich mich viele Stunden in der vorberatenden Kommission dafür eingesetzt, dass die landwirtschaftlichen Interessen besser berücksichtigt werden. Beim jetzigen Projekt wurden für mich bedeutungsvolle Forderungen erfüllt. Wenn auf fast alle Forderungen eingegangen wird, und man als Politiker gleichwohl immer noch dagegen ist, wird man unglaubwürdig. Zumal man hier auch an das grosse Ganze denken muss.
Herr Hollenstein, warum nehmen Sie als Parteiloser Stellung gegen Wil West?
Thomas Hollenstein: Wil West ist vor unserer Haustür. Wenn rund 12 ha Fruchtfolgeflächen an den Kanton Thurgau verschenkt und nachher überbaut würden, muss man als Landwirt Stellung nehmen. Zumal die Flächen von zwei Wiler Landwirten bewirtschaftet werden. Im Vorstand der Wiler Bauernvereinigung war der Tenor klar. Wir sind gegen Wil West. Deshalb beteiligen sich viele und stellen «Nein-zu-Wil West»-Plakate auf. Diesen Standpunkt vertrat ich als Bezirks-Präsident mit deutlichen Worten an der Landwirtschaftsratssitzung des St. Bauernverbands (SGBV).
Waren Sie enttäuscht über die Stimmfreigabe des St. Galler Bauernverbands, die vom Landwirtschaftsrat beschlossen wurde?
Hollenstein: Ja, sehr. Ich und mit mir viele Landwirte können die Stimmfreigabe des SGBV nicht nachvollziehen, wenn es um so einen massiven Kulturlandverlust geht. Wahrscheinlich sind im Hintergrund vom Ja-Komitee auch Fäden gezogen worden. Frustrierend ist es auch für das Nein-Komitee, wenn sie ohne Rückenwind des St. Galler Bauernverbands dastehen. Jetzt ist es wie bei «David gegen Goliath». Das Nein-Komitee hat ein Mini-Budget. Die Befürworter hingegen können aus dem Vollen schöpfen.
Sennhauser: Das ist eine Unterstellung, es war eine demokratische Abstimmung. Ich persönlich hatte mit der Nein-Parole gerechnet. Die 12 ha Fruchtfolgeflächen (FFF) schmerzen mich auch – wie alle Landwirte. Im Gegenzug müssen 22 Gemeinden in der Region auf Neueinzonungen verzichten, was zum Teil im Vorfeld der Abstimmung schon umgesetzt wird. So wird der Zersiedlung Einhalt geboten und Kulturland geschützt, ein echter Gewinn für das Kulturland.
Hollenstein: Nur gerade 20 % des Gewerbelandbedarfes werden hierzulande für Neuansiedelung von Unternehmen benötigt, hingegen 80 % für Erweiterungsbauten. Demzufolge wird in den Gemeinden im besten Fall gerade mal 20 % an Gewerbefläche reduziert. Also lässt sich der Kulturlandverlust auch in den Gemeinden nicht aufhalten. Hierbei nehme ich nicht das Gewerbe in die Pflicht – es muss sich zwingend in den Gemeinden weiterentwickeln können. Man muss doch auch ehrlich zugegeben, dass dieses Verbot von Neueinzonungen ein Scheinargument ist. Die Regierung will einfach den Autobahnanschluss, darum werden die 12 ha überbaut.
Werden mit Wil West die Verkehrsprobleme in der Region wirklich gelöst?
Hollenstein: Der Autobahnanschluss bringt der Stadt Wil herzlich wenig. Der Verkehr aus dem Toggenburg wird nicht entlastet, ebenso wenig von Schwarzenbach oder Zuzwil herkommend.
Sennhauser: Damit packt man das Verkehrsproblem im Zentrum von Wil aber erstmals richtig an. Seitens des Bunds hiess es immer, eine Umfahrung gibt es nur, wenn eine Industriezone da ist. Mit der jetzigen Vorlage wird der Autobahnkreisel extrem platzsparend gebaut und der Kanton Thurgau baut für uns den Zubringer. Zudem werden der ÖV und Radwege weiterentwickelt, eben zukunftsgerichtet. Nach Wil West soll es auch eine Ostumfahrung geben, da ist man schon an der Variantenplanung.
Hollenstein: Eins muss man sehen: Der Kanton St. Gallen verliert nur. Er verliert das Land für ein Butterbrot an den Kanton Thurgau, Steuereinnahmen gehen verlustig. Was uns bleibt ist der Verkehr.
Herr Hollenstein spricht den Kaufpreis an. Werden die 12 ha einfach so verschachert?
Sennhauser: Diesen Eindruck erweckt die Nein-Kampagne. Die Abzüge wie Mehrwertabgabe für Erschliessung, Strassen, Umlegung einer Überlandstromleitung, etc. sind vorgeschrieben, weil es ja noch Landwirtschaftszone ist. Auch basiert der Kaufpreis auf zwei unabhängigen Gutachten. Der Kaufpreis wurde rechtens und gesetzeskonform festgelegt – nichts wird verschenkt.
Glauben Sie wirklich an ein grosses Wirtschaftswachstum in Wil West?
Sennhauser: Am Standort Wil West sind nur Neuansiedlungen erlaubt. Wil West wird nicht von heute auf morgen realisiert. Zuerst wird die Umfahrung gebaut, dann nach und nach werden die Industriebauten erstellt. Das ist ein Zeithorizont bis weit über 2040 und nicht abhängig von der jetzigen Konjunktur.
Hollenstein: Die Befürworter sprechen von Industriezone, aber eigentlich will man Dienstleistungsbetriebe ansiedeln. In Wil West wird es keinen Platz haben für Landtechnikfirmen oder Logistikunternehmen mit Lagerhallen.
Sennhauser: Voraussetzung ist, dass sich Unternehmen mit hoher Arbeitsplatzdichte ansiedeln. Die Umweltauflagen, um zu Bauen, sind ungleich viel höher als das heute in den Gemeinden der Fall ist. Das ist für mich ein Pluspunkt des Projekts und hilft wieder dem Kulturland.
Hollenstein: Ich bezweifle, dass es viele Neuansiedlungen geben wird. Schlussendlich wird es dazu kommen, dass Wohnbauten erstellt werden, weil sich aufgrund der hohen Auflagen kein Unternehmer bereit erklärt, dort zu investieren.
Umstritten sind auch die ökologischen Ausgleichsmassnahmen. Wie stehen Sie zu diesen?
Hollenstein: Tönt gut, nützt nichts. Im Kanton St. Gallen ist überhaupt noch nicht geregelt, wo die Bodenaufwertungen erfolgen sollen. Im Kanton Thurgau soll das Gebiet «Länzenbühl» in ökologische Ausgleichsfläche umgewandelt werden. Das sind 2,5 ha beste Fruchtfolgefläche. Dabei sprach der Thurgauer Regierungsrat Dominik Diezi in der Sitzung der Spezialkommission Wil West von Enteignung, wenn man sich nicht einige. Die entsprechende Passage wurde nach der Sitzung im Protokoll geschwärzt. Beides ein No-Go! Wir sind doch hier nicht im Wilden Westen, wo die Regierung noch bevor irgendetwas entschieden ist, ihren Mitbürgern das Messer an den Hals setzt und mit Enteignung droht, wenn man nicht pariert.
Sennhauser: Dies ist mein einziger Minuspunkt des Projekts, aber leider so vorgeschrieben. Das Autobahnbord, welches im Kanton St. Gallen verbaut wird, ist laut Bund ökologisch wertvoll. Das muss auch kompensiert werden, auch wenn ich darüber nur den Kopf schütteln kann. Mein Vorschlag war, dass wir Q1-Flächen in der Umgebung Wil auf Q2 aufwerten und auf diese Weise kompensieren. Der Bund wollte das nicht. Der Kanton St. Gallen hat nun 3,8 Mio Franken für Bodenaufwertungen reserviert. Wieder ein Gewinn für die Landwirtschaft.
Der Abstimmungskampf ist jetzt schon hitzig. Was glauben Sie, wird der Abstimmungskampf noch an Fahrt aufnehmen?
Sennhauser: Mehr als jetzt, ist fast nicht möglich. Ich habe mir die Entscheidung auch nicht leicht gemacht, denn die beiden betroffenen Bewirtschafter sind langjährige Kollegen. Ich hätte mich auch stillhalten können, aber ich stehe zu dem, was ich im Kantonsrat vertrete. Wenn man Stellung bezieht, muss man mit persönlichen Angriffen rechnen. In den sozialen Medien nehmen die Anfeindungen ein erschreckendes Ausmass an. Am meisten stören mich Unterstellungen und Mutmassungen, dass Argumente in Gegenargumente umgewandelt werden, und dass geradezu penibel nach dem Haar in der Suppe gesucht wird.
Hollenstein: Diese Vehemenz für Pro und Kontra hätte ich nicht erwartet. Die nicht sachbezogenen, persönlichen Angriffe gegen Personen sind im höchsten Masse unfair. Für die beiden Landbewirtschafter, die sich übrigens nicht mehr öffentlich äussern wollen, hat Wil West einschneidende Konsequenzen auf die Weiterentwicklung ihrer Betriebe. Die Spaltung durch die Abstimmung Wil West verläuft quer durch alle Parteien und durch die Landwirtschaft. Die Nachwirkungen werden die politische Landschaft in St. Gallen verändern.
Welches Abstimmungsergebnis erwarten Sie?
Hollenstein: Ich gehe von einer grossen Stimmbeteiligung aus und bin ziemlich sicher, dass Wil West an der Urne abgelehnt wird. 2022 hat das Volk ja auch schon Nein dazu gesagt. Bei einem Nein ist das Projekt «gestorben».
Sennhauser: Der Nein-Stimmenanteil wird hoch sein, aber die Vorlage wird angenommen. Bei einem Nein läuft es weiter wie bisher. Jede Gemeinde kann Land einzonen und verbauen. Auch das Verkehrsproblem ist nicht gelöst. Wollen wir das?
| Pro | Kontra | |
| Sepp Sennhauser, 62 | Thomas Hollenstein, 46 | |
| Wohnort | Rossrüti, Gemeinde Wil SG | Rossrüti, Gemeinde Wil SG |
| Familie | Ehefrau Erika, 5 erw. Kinder | Ehefrau Roswita, 2 Kinder |
| Betrieb | 13 ha, Futter- und Ackerbau, Obstbau, Wald, Schule auf dem Bauernhof | 25 ha, Ackerbau, Futterbau, Industriegemüse |
| Tierhaltung | Milchwirtschaft, 18 | 52 Milchwirtschaft, Freilandschweine |
| Betriebsrichtung | Bio-Demeter, BZG | ÖLN mit ÖLN-Gemeinschaft, Eventlokal, Bauernhof-Kindergarten |
| Politik | Kantonsrat, Die Mitte | parteilos |
| Ämter | Präsident St. Gallische Saatzuchtgenossenschaft | Präsident Bauernvereinigung Wahlkreis Wil |
| Umweltkommission Wil, Stadtplanung-Mobilität |
Darum geht es bei Wil West
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Bei Wilwest handelt es sich um ein geplantes Wirtschaftsareal mit bis zu 3000 Arbeitsplätzen im Westen der Stadt Wil. 22 St. Galler und Thurgauer Gemeinden wollen dafür ihre Landreserven an einem Ort bündeln. Die Finanzierung des Projekts durch den Kanton St. Gallen war 2022 zur Abstimmung gekommen. Damals wurde die Finanzierung vom St.Galler Stimmvolk knapp abgelehnt (53 Nein gegen 47 Ja). Auf diesem Grund kann der Kanton das Projekt nicht wie ursprünglich geplant selbst umsetzen.
Da St. Gallen jedoch Eigentümer verschiedener Grundstücke auf dem Areal ist, welches sich auf Gebiet der Thurgauer Gemeinde Münchwilen befindet, will er diese (12,3 ha) an den Kanton Thurgau verkaufen. Dabei handelt es sich um unerschlossenes Bauland. Über den Verkauf und die Kompensation der Fruchtfolgeflächen stimmt die St. Galler Bevölkerung am 8. März ab. Alexandra Stückelberger
