Es ist der 9. Januar 1992, die Szene spielt auf dem Europaplatz in Luzern. Über 25000 Bauern demonstrieren gegen die GATT-Verträge. Die Stimmung ist angespannt, aber friedlich. Die Transparente sind eindeutig: «GATT bedroht unsere Existenz.» Vier Jahre später, 23. Oktober 1996, Bundesplatz Bern. Wieder eine Demonstration. Diesmal fliegen Tränengas-Granaten. Polizisten schwingen Schlagstöcke. Die Bauern weichen zurück.

Zwischen diesen beiden Szenen liegt nicht nur der Film «Bauernkrieg» von Erich Langjahr, der ab 29. Januar 2026 neu restauriert in die Schweizer Kinos kommt. Zwischen diesen Szenen liegt der Übergang von Hoffnung zu Resignation. Von Plan- zu Marktwirtschaft. Von einer geschützten zu einer liberalisierten Landwirtschaft.

Und zwischen damals und heute? 30 Jahre. Und doch: erschreckend wenig.

Die 1990er: Als die Welt sich öffnete

Um zu verstehen, was Erich Langjahrs Film dokumentiert, muss man die Zeitenwende der frühen 1990er-Jahre begreifen. 1992 lehnte die Schweiz den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) knapp ab – 50,3 Prozent stimmten dagegen. Die wirtschaftliche Isolation drohte. Gleichzeitig lief die Uruguay-Runde des GATT, die achte Welthandelsrunde seit 1947.

Was in Genf, Punta del Este und Marrakesch verhandelt wurde, klang abstrakt: Amber Box, Green Box, Blue Box. Aggregiertes Stützungsmass. Tarifäquivalente. Aber hinter diesen technischen Begriffen stand eine fundamentale Neuordnung. Erstmals sollten auch in der Landwirtschaft die Märkte geöffnet werden. Exportsubventionen sollten reduziert, Marktpreisstützung abgebaut, Direktzahlungen eingeführt werden.

Die Schweiz musste sich zwischen 1995 und 2000 verpflichten, ihre handelsverfälschenden Zahlungen (Amber Box) um 20 bis 36 Prozent zu reduzieren. Von knapp 3,1 Milliarden Franken im Jahr 2000 auf 1,4 Milliarden 2018. Im Gegenzug wurden produktionsunabhängige Direktzahlungen (Green Box) aufgebaut – staatliche Beihilfen, die nach Betriebseinheit und Fläche bemessen werden.

Was Erich Langjahr filmte

Thomas Binotto schrieb 1998 in der BauernZeitung über «Bauernkrieg»: «Der neue Film ist ein Film, der für Diskussionen sorgen wird – und auch soll. Der Film beginnt mit einer Bauerndemonstration und er endet mit einer solchen. Dazwischen liegen vier Jahre – und ein Film, der deutlich macht, weshalb sich die Aufbruchstimmung von einst in die Resignation von heute gewandelt hat.»

Langjahr arbeitete ohne Kommentar. Seine Kamera beobachtete. Wir sehen Hofversteigerungen – in der Schweiz «Ganten» genannt. Erst werden Kühe versteigert, später ganze Betriebe. Binotto beschrieb: «Wir sehen, wie einer Kuh die Embryonen ausgespült werden, wie Stiere am Laufband zur Absamung trotten, wie mit hochwertigem Genmaterial gehandelt wird und wie schliesslich dieses hochgezüchtete Tiermaterial in der Tiermehlfabrik landet.»

Es seien, schrieb Binotto, «ebenso faszinierende wie erschreckende Bilder». Erich Langjahr zeige sich darin «als Meister einer Ästhetik des Staunens: Er will wissen, was vor sich geht. Er verlässt sich nicht aufs Hörensagen. Er blickt hin, selbst wenn es weh tut.»

Im Interview mit der BauernZeitung erklärte Langjahr 1998 seine Methode: «Für mich ist das kindliche Staunen etwas ganz Elementares. Zwar nicht direkt gewollt, aber wohl auch nicht zufällig befindet sich meine Kamera oft unter der Ereignishöhe, schaut also gewissermassen von der Ebene des Kindes nach oben – eine Perspektive des Staunens.»

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Die Diagnose von 1998

Thomas Binotto zog in seiner Kritik eine klare Linie: «Es gehört zum Eindrücklichsten und Nachhaltigsten des Films, dass sich jeder Zuschauer bewusst wird, wie sehr er selbst die Landwirtschaft mitgestaltet. Wir Konsumenten sind für den Bauernkrieg mitverantwortlich, und an uns liegt es oft, dass dieser so verzweifelt und ausweglos ist.»

Der Film, so Binotto, mache deutlich: «Mit Schrecken stellen wir fest, wie sehr die Bauern zu einer exotischen Randgruppe degradiert werden – obwohl sie doch die Lebensgrundlage von uns allen verwalten.»

Erich Langjahr selbst sagte im Interview: «Ich versuche als betroffener Mensch auch ein vernünftiger Mensch zu sein. Und als solcher beobachte ich, dass zwar jeder – Bauer wie Konsument – eine ökologische Landwirtschaft will, nur soll das nichts kosten – eine Rechnung, die nicht aufgehen kann. Wenn wir eine ökologische Landwirtschaft wollen, dann brauchen wir nicht immer weniger bewirtschaftetes Land, weniger Tiere und weniger Bauern. Im Gegenteil, wir brauchen mehr Bauern, mehr extensiv bewirtschaftetes Land und mehr artgerecht gehaltene Tiere.»

Und dann der entscheidende Satz: «Unsere Kultur ist im Wesentlichen eine Agrikultur; wenn wir sie bewahren wollen, dann müssen wir zu Opfern bereit sein.»

Thomas Binottos Fazit: «Bauernkrieg ist so ein im besten Sinne verstörender und beängstigender Film, weil er bewusst macht, dass eine leistungs- und konsumorientierte Gesellschaft keine ökologische und solidarische sein kann. Aus diesem Grunde soll und muss er Diskussionen auslösen – nicht nur unter Bauern.»

30 Jahre später: Die Bilateralen als Fortsetzung

Nach der EWR-Ablehnung 1992 drängte die Schweiz auf bilaterale Abkommen mit der EU. Die Ende 1994 aufgenommenen Verhandlungen führten am 21. Juni 1999 zum Abschluss der Bilateralen I: sieben sektorielle Abkommen, darunter eines über den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

2004 folgten die Bilateralen II. 2022 nahm der Bundesrat Gespräche über die Weiterentwicklung wieder auf. Im Dezember 2024 wurde der materielle Abschluss der Verhandlungen zu den Bilateralen III verkündet. Unter anderem soll das bestehende Landwirtschaftsabkommen aktualisiert und ein gemeinsamer Lebensmittelsicherheitsraum geschaffen werden.

Die Argumentation ist dieselbe wie 1992: Ohne Abkommen droht wirtschaftliche Isolation. Die Schweiz muss sich öffnen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Landwirtschaft erhält Direktzahlungen als Kompensation.

Mercosur: GATT 2.0

Und dann ist da Mercosur. Im Juli 2025 schloss die Schweiz zusammen mit den EFTA-Staaten die Verhandlungen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) ab. Im September wurde unterzeichnet.

Die Parallelen zu 1992 sind frappant: Wieder geht es um Marktöffnung. Wieder um Zollabbau. Wieder um die Frage, ob die Schweizer Landwirtschaft dem internationalen Wettbewerb standhalten kann.

Das Abkommen sieht vor, dass 95 Prozent der Schweizer Ausfuhren zollbefreit werden. Zolleinsparungen von 180 Millionen Franken pro Jahr. Im Gegenzug gewährt die Schweiz den Mercosur-Staaten 25 Zollkontingente für Agrarprodukte: 3000 Tonnen Rindfleisch, 1000 Tonnen Geflügel, je 200 Tonnen Lamm- und Schweinefleisch.

Bauernverbandspräsident Markus Ritter fordert Begleitmassnahmen im Bereich Rindfleisch und Wein. Der Verband wird kein Referendum ergreifen, aber die Vorlage auch nicht aktiv unterstützen. Bundesrat Guy Parmelin versichert: «Das wird die Landwirtschaft nicht in Gefahr bringen.»

Die Fragen bleiben dieselben

1992: GATT-Demonstration in Luzern. Die Bauern fürchten um ihre Existenz.

1996: Tränengas auf dem Bundesplatz. Die Hoffnung ist der Resignation gewichen.

1999: Bilaterale I werden unterzeichnet. «Für die Schweizer Landwirtschaft annehmbar», heisst es.

2025: Mercosur-Abkommen. «Verkraftbar», sagt der Bundesrat. Der Bauernverband ist skeptisch.

2026: «Bauernkrieg» kommt ins Kino zurück.

Die Mechanismen sind dieselben geblieben. Internationale Handelsabkommen schaffen Druck. Die Politik verspricht Kompensation durch Direktzahlungen. Die Bauern sollen sich modernisieren, spezialisieren, wachsen. Wer nicht mithalten kann, gibt auf. Die Hofzahlen sinken weiter.

Zwischen 1992 und heute sind zehntausende Betriebe verschwunden. 1990 gab es in der Schweiz noch rund 93 000 landwirtschaftliche Betriebe. 2023 waren es noch etwa 48 000. Fast die Hälfte ist weg.

Globalisierung führt zu Verarmung

Erich Langjahr sagte 1998 zur Frage nach der Zukunft der Bauern: «Sie müssen eine Zukunft haben, denn sie sind die Produzenten unserer Lebensgrundlage. Die Globalisierung führt zu einer unglaublichen Verarmung und Vereinheitlichung. Ich bin jedoch überzeugt, dass immer mehr Konsumenten keinen Euro-Käse wollen. Sie wollen, dass der Käse aus dem Alpstein anders schmeckt als jener aus dem Greyerz. Die Bauern brauchen den Mut, die Nischen und ihre Besonderheiten zu pflegen, dann kann sich hoffentlich neues Selbstbewusstsein und eine neue Identität entwickeln.»

Interessanterweise ist genau das eines der wenigen Erfolgsargumente für Mercosur: Der Schutz für Ursprungsbezeichnungen wie «Gruyère» und «Sbrinz». 900 Tonnen Gruyère-Markenkäse dürfen zollfrei exportiert werden.

Die Ironie: Um den Gruyère zu schützen, öffnet man den Markt für brasilianisches Rindfleisch.

Was der Film heute zeigt

«Bauernkrieg» ist kein Film über die Vergangenheit. Er ist ein Film über Strukturen, die sich wiederholen. Über Entscheidungen, die fernab der Höfe getroffen werden. Über Menschen, die versuchen zu überleben in einem System, das sie nicht gewählt haben.

Thomas Binotto schrieb 1998: «Langjahr geht es nicht um Verurteilungen. Am Schluss des Films wird man auf niemanden als den Hauptschuldigen zeigen können.» Das ist die Stärke und die Zumutung des Films zugleich. Jeder hat recht aus seiner Perspektive. Der Bauer, der modernisiert. Der Bauer, der aufgibt. Der Politiker, der verhandelt. Der Konsument, der billig einkauft.

Und doch ist das Ganze fraglich.

2026 stehen wir wieder am Scheideweg. Mercosur muss noch durchs Parlament und könnte am Referendum scheitern. Die Bilateralen III sind in Verhandlung. Die Milchkrise ist akut: 6 Prozent Überproduktion, A-Referenzpreise bei 78 Rappen pro Kilo, Notfallexporte von 126 Millionen Kilo Regulierungsmilch.

Die Mechanismen von 1992 laufen weiter. Nur die Namen haben sich geändert. Aus GATT wurde WTO. Aus Uruguay-Runde wurde Doha-Runde. Aus Bilateralen I wurden Bilateralen III. Aus GATT-Demonstration wurde... was? Eine Abstimmung über Mercosur?

Ein Film zur richtigen Zeit

Erich Langjahr wird bei mehreren Vorführungen anwesend sein: in Bern (Rex, 29. Januar), Schwyz (Kino Schwyz, 30. Januar), Wattwil (Kino Passerelle, 31. Januar), Luzern (Bourbaki, 1. Februar) und Zug (Seehof, 2. Februar). Es sind Gelegenheiten, nicht nur den Film zu sehen, sondern auch die Fragen zu diskutieren, die er stellt.

Denn diese Fragen sind 30 Jahre später aktueller denn je: Wie viel ist uns die Landwirtschaft wert? Sind wir bereit, «Opfer» zu bringen, wie Langjahr es nannte? Was bedeutet «Opfer» konkret – höhere Preise im Laden? Verzicht auf Rindfleisch aus Brasilien? Oder sind die wahren Opfer jene 45'000 Betriebe, die seit 1990 verschwunden sind?

Thomas Binotto schloss seine Kritik 1998 mit den Worten: «Wenn wir eine naturgerechte Landwirtschaft wollen, dann werden wir tatsächlich umdenken müssen – mit ökologischen Feigenblättern ist es nicht getan.»

2026 könnte man sagen: Mit Nachhaltigkeitskapiteln in Freihandelsabkommen ist es nicht getan. Mit Direktzahlungen allein ist es nicht getan. Mit Schutzklauseln und Zollkontingenten ist es nicht getan.

Die Frage ist: Was dann?

«Bauernkrieg» gibt keine Antwort. Er stellt die Frage. Immer noch. Immer wieder.

Zum Film

«Bauernkrieg» läuft ab 29. Januar 2026 in Schweizer Kinos. Der Film dokumentiert die Jahre 1992 bis 1996 und zeigt den Übergang der Schweizer Landwirtschaft von Plan- zu Marktwirtschaft im Kontext der GATT-Uruguay-Runde. Laufzeit: 84 Minuten. Regie, Kamera, Schnitt: Erich Langjahr. Teil der Bauern-Trilogie zusammen mit «Sennen-Ballade» (1996) und «Hirtenreise ins dritte Jahrtausend» (2002).

Vorführungen mit Regisseur Erich Langjahr: Bern Rex (29.1., Moderation Matthias Lerf), Schwyz (30.1.), Wattwil (31.1.), Luzern (1.2.), Zug (2.2., Moderation Elke Mangelsdorff). Weitere Vorführungen in Engelberg, Herisau, Zürich, Heiden, Einsiedeln und Frauenfeld.