Was heute auf den alten Fotos wie eine Misshandlung aussieht, war einst Alltag in allen Alpenregionen: Frauen und Mädchen schleppten schwere Lasten. Denn für die Versorgung abgelegener Siedlungen mit lebenswichtigen Gütern gab es nur Bergpfade. Der Anblick von Berglern mit ihrem Tragkorb auf dem Rücken war einst so alltäglich, dass «man hätte glauben können, sie kämen mit diesem unvermeidlichen Anhängsel auf die Welt», wie der Bündner Ethnologie-Professor Richard Weiss in seiner «Volkskunde der Schweiz» schrieb. 

Vom Tragen schwerer Lasten gezeichnet

Das Tragen der Lasten prägte den Körperbau der Menschen in den Bergen und ihre Art, sich zu bewegen. So merkte der Urner Arzt und Volkskundler Karl Gisler (1863–1940) an, dass der schwere Bergler-Schritt unverkennbar sei: «Man sieht ihnen an, dass sie von frühester Jugend auf dem Vater bei allen Arbeiten halfen und oft genug schon, bevor sie ausgewachsen waren, schwere Lasten trugen», beschrieb er seine Beobachtungen.[IMG 2]

Bei den Walsern übernahmen die weiblichen Familienmitglieder traditionell einen grossen Teil der körperlich harten Arbeit. In der Walsersiedlung Bosco Gurin war das besonders ausgeprägt, weil sie nicht wie üblich vom Tal her entstand, sondern vom Berg her. Die Walser waren über den Pass «Guriner Furggu» ins Hochtal gelangt. Ihr Dorf lag völlig abgeschieden vom Rest der Welt und war nur über steile Bergwege erreichbar. Im Winter war die Siedlung oft tage- oder wochenlang unzugänglich.

Stark auf Selbstversorgung ausgerichtet

Die Gemeinschaft lebte lange isoliert, was eine starke Selbstversorgung erforderte. Den Lebensunterhalt verdienten sie sich mit Viehzucht und der Verarbeitung der Milch zu Butter und Käse sowie mit Ackerbau und dem Anbau von Roggen und Hanf. Später kamen Kartoffeln dazu, «Härpärä» genannt.

Die knappen Ressourcen und die bäuerliche Lebensweise führten dazu, dass sich die Frauen neben Haushalt und Kindern auch noch um die Feldarbeit und das Transportieren von Brennholz, Heu, Wasser und Lebensmitteln kümmern mussten. Die Kommune brauchte auch Güter aus dem Tal, aus Cevio im Maggiatal oder von Formazza ennet der Grenze in Italien.

Drei Stunden mit bis zu 60 Kilo auf dem Rücken

[IMG 3]Ein erster Ethnologe aus der Deutschschweiz, der Thurgauer Johann Jakob Dickenmann, berichtete um 1906 aus Bosco Gurin: «Brot, Kaffee, Zucker, Reis, Mehl und Petroleum wird im Tal gekauft. Lasten von 30 bis 60 Kilo werden hauptsächlich von Frauen und Mädchen auf dem Rücken hinauf ins Bergdorf getragen.» 

Gepackt wurden die Waren in die «Tschefru», in den Rückentragkorb, oder auf die «Gabälu», ein Traggestell, das man auf Achseln und Rücken schnallte. Von Locarno nach Cevio gab es ab 1907 eine Eisenbahn. Von dort führte ein bequemes Strässchen nach Linescio, doch dann folgte ein steiler, drei Stunden dauernder Aufstieg über mehr als 800 Höhenmeter hinauf nach Bosco Gurin.

Erst seit 1928 verbindet eine Teerstrasse das hoch gelegene Dorf mit Cevio im Valle Maggia, mit Anschluss an die Hauptstrasse nach Locarno. Dennoch nahm im Laufe des 20. Jahrhunderts die Einwohnerzahl ständig ab. 1900 zählte Bosco Gurin 266 Menschen, 1850 waren es noch 382 gewesen, heute sind es nur mehr rund 50 Seelen.

Ursprünglich von Klöstern gepachtet

Die Walser, eine ursprünglich aus dem Goms im Wallis stammende Volksgruppe, hatten im 13. und 14. Jahrhundert aus wirtschaftlichen und rechtlichen Gründen damit begonnen, zu expandieren. Sie gründeten Kolonien: einerseits südlich der Alpen, aber auch östlich in Graubünden, in Liechtenstein und bis ins österreichische Vorarlberg.

Im Hochmittelalter gehörten weite Alpenregionen den Klöstern. Diese verpachteten noch unerschlossene Alpen gegen Vertrag. Die Rodung und die Landwirtschaft wurden gefördert und die Feldwirtschaft und die Viehzucht entwickelten sich dort.

Die Walser entwickelten Techniken, die auch das Bewirtschaften von hoch gelegenen Bergregionen ermöglichten. So wurden Feldställe im Sommer mit Heuvorräten gefüllt und mit dem Vieh wurde dann von Futterplatz zu Futterplatz gezogen. Die Walser waren die Kargheit und Härte der alpinen Natur gewohnt. Sie besassen seit jeher viel Zähigkeit und die Fähigkeit, selbst unwegsames Gelände urbar zu machen.

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Ein alemannisches Deutsch

In Bosco Gurin wird von den – heute nur mehr wenigen – Einwohnern noch ein altertümliches alemannisches Deutsch gesprochen. Die deutsche Sprache hielt sich so lange, weil es früher Sitte war, dass Ehen fast nur innerhalb des Dorfes geschlossen wurden, kaum je mit italienischsprachigen Nachbarinnen oder Nachbarn. 

Im Lauf des letzten Jahrhunderts entdeckten nicht nur Touristen allmählich das pittoreske Dorf mit seinen urtümlich «Ditsch» sprechenden Bewohnern: Auch erste Fotografen erspähten attraktive Fotomotive. So zum Beispiel Max und Ernst Büchi, Bruno Wehrli und Paul Senn, um nur ein paar zu nennen. Die Frauen in Bosco Gurin wurden auf den alten Fotos gerne mit ihren schweren Lasten ins Bild gesetzt; ein Sujet, das sich damals auf Postkarten gut verkaufte.

Dem Fotografen Max Büchi (1873–1941) wurde das Fotografieren im Maggia-Tal allerdings zum Verhängnis. Er starb bei einem tragischen Arbeitsunfall: Er stürzte von einem Felsen, auf den er geklettert war, um die Brücken von Bignasco zu fotografieren. Er wurde erst zehn Tage später im Bach gefunden, den Kamerakoffer noch umgehängt.